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19. Oktober 2009

Enthusiast und Realistin?

Vor der Partnervermittlung via Internet steht der Psychotest. Ist das gut oder schlecht? / Von Astrid Mayer

Den Richtigen respektive die Richtige finden – davon sind ein Großteil der sechs Millionen Menschen beseelt, die in Deutschland via Internet auf der Suche sind. Zumindest der Teil von ihnen, der keine Dating-Site dafür benutzt, sondern eine Partnervermittlung. Der Unterschied? Ein Psychotest. Auszufüllen zum einen, damit die jeweilige Software die Informationen hat, die sie in Korrelation zu den Daten anderer Personen setzen kann, um so die potenziellen Traumpartner zu finden. Zum anderen rechtfertigt die so behauptete Wissenschaftlichkeit das Erheben einer monatlichen Gebühr für den Vermittlungsservice.



Und so wird man nach unbekannten Kriterien mit Menschen verkuppelt, die man sonst im Leben nicht treffen würde. Ist das gut oder schlecht? Der gute alte Zufall, der mit dem Schicksal winkt; die Parzen, die unberechenbar ihre Fäden spinnen – ersetzt durch eine Software, durch Psychologen und Programmierer, die entschieden haben, was Menschen kompatibel macht für eine erfüllende Partnerschaft. Eine der Webseiten nennt es unschön "psychometrisches Verfahren". Die User (jedenfalls die im Bekanntenkreis) geben sich übrigens dem Test gegenüber abgeklärt: Man habe ihn schnellschnell ausgefüllt, sagen die einen und die anderen, dass sie sich das ganze Gedöns mit der Analyse der Korrelationswerte ("sein versöhnliches Temperament mäßigt Ihren dominanten Charakter") nicht so genau angeschaut haben.

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Oder: "Hier trifft der schönfärberische Enthusiast auf die eingefleischte Realistin" – und trotzdem steht der Kerl ganz oben in der Liste?! Wurde einfach nicht angeschrieben, schwärmerisches Gesülze als Ausschlusskriterium gewertet. Aha, hier teilte die Probandin die Auffassung der Software nicht, Unterschiedlichkeit sei das Salz in der Suppe der Beziehung. Oder befand die Suppe im Voraus als versalzen. Stellt sich die Frage, ob der "schönfärberische Enthusiast" sich in der Beschreibung wiedererkennen würde; tja, und wieder hat eine Begegnung gar nicht erst stattgefunden.

Die Fachleute (also Psychologen), die die Tests entwickeln, haben die schier übermenschliche Aufgabe, ein bisschen Systematik ins Terrain zu bringen, auf dem das Irrationale eine so starke Rolle spielt. Sie kennen die einschlägige Literatur, die untersucht, was Beziehungen gut und haltbar macht. Aber was ist das denn eigentlich? Und was ist, wenn man eine Beziehung in erster Linie nicht vor allem haltbar haben will, sondern leidenschaftlich und als Zweites dann vielleicht noch haltbar? Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese Art der systematisierten, wissenschaftlich untermauerten Partnersuche in Deutschland erfunden wurde – und allmählich auch im Ausland Nachahmung findet.

Bei international agierenden Unternehmen werden übrigens die Profile deutscher Partnersuchender über andere Algorithmen miteinander verbandelt als die französischer oder mexikanischer Suchender. Der Gedanke, eine so wichtige Angelegenheit nicht mehr ausschließlich seinen womöglich fehlgeleiteten Instinkten und festgefahrenen Beziehungsmustern zu überlassen, gefällt nicht nur hierzulande. Und er gefällt nicht nur den Marketingspezialisten, die mit diesem Plus auf dem heiß umkämpften Markt für Partnervermittlung punkten wollen – um die 400 Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr schätzungsweise europaweit für Partnersuche via Internet ausgegeben. Tendenz in unseren zunehmend "versingelnden" Gesellschaften steigend. "Das übliche Beuteschema ist außer Kraft gesetzt", sagt denn auch eine andere Psychologin eines anderen Dienstes, Nicole Schiller-Köble: "Die Wirkung optischer Signale ist im Internet weitgehend außer Kraft gesetzt."

Sätze, die im männlichen Bekanntenkreis nachdrücklich benickt werden, sofern der sich bereits der Autorität von Psychotests und "Matching-Verfahren" überlassen hat, um die eine oder andere Frau kennenzulernen. Die Homepage, für die Schiller-Köble arbeitet, prüft übrigens, um die Richtigen zusammenzubringen, wo sie an einer Skala anzusiedeln sind, deren Gegensatz Pole sind: "An Normen orientiert und kontrolliert" am einen Ende und "spontan und am Lustprinzip orientiert" am anderen. Auch hier gilt wieder: Es soll einigermaßen, aber nicht völlig zusammenpassen.

Der Psychologe Volker Drewes, der für die Konkurrenz arbeitet, hat das mit den Ähnlichkeiten und Differenzen für den Test sehr genau ausgetüftelt. Er hat den Test selbst entworfen, und erklärt ihn sehr engagiert: Für ihn gibt es Bereiche, wo Ähnlichkeit das Zusammenleben erleichtert, und Bereiche, wo Verschiedenheit Spannung und Lebendigkeit der Partnerschaft erhalten. Welche das sind? Erstaunlicherweise das Bedürfnis nach Nähe oder Distanz. Es sollte nicht genau gleich sein bei beiden Partnern. "Sonst ist die Spannung raus", sagt Drewes. Sein Test hat sogar gemeinsame Entwicklungsmöglichkeiten im Auge, die bei einem Paar nicht fehlen sollten.

Volkes Stimme aus dem Bekanntenkreis, keinesfalls repräsentativ, hat dazu zwei Meinungen: Eine hat sich aus der Vermittlungsseite mit Drewes’ Test wieder ausgeklinkt, weil: "Da traf ich die gleichen Männer, auf die ich sonst auch immer treffe: Nett, gebildet und kümmerbedürftig." Eine andere Bekannte hat auf derselben Plattform ihren Partner kennen gelernt; er war der Zweitoberste in der Liste und es passte. Was beim Ersten nicht stimmte, hat sie leider vergessen.

Letztlich finden die einen mit den gleichen Systemen nach ein paar Monaten jemanden, der sie zumindest die virtuelle Suche zumindest für eine Zeit lang aufgeben lässt; die anderen brauchen länger als ein Jahr und bei manchen klappt es nie.

Es gibt auch meine Freundin Dinah: Die scheint so sehr Gefallen gefunden zu haben am Spiel mit den 75 oder 80 oder 50 Möglichkeiten (je nachdem wie lange die Liste der Partnervorschläge ist), dass sie immer neue Geschichten zu erzählen hat. Das Spiel von Annäherung, Verführung, Sich-Kennenlernen, Sich-Auseinandersetzen, Grenzen ziehen, annähern, immer wieder von Neuem. Doch, doch, auch sie sucht den Richtigen.

Autor: Astrid Mayer