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12. Januar 2009

Frauen und Religion

Rollenbilder in Christentum und Islam: Widerspruch oder positive Kraft auf dem Weg zu einer modernen gleichberechtigten Gesellschaft?.

Wenn über mehr Gleichberechtigung und eine gerechtere Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern diskutiert wird, gerät auch immer wieder die Religion ins Kreuzfeuer der Kritik. Vor allem dem Islam wird die Möglichkeit auf eine Gleichstellung gänzlich abgesprochen. Und das Kopftuch gilt als Sinnbild für die Unterdrückung der Frau und somit als größtes Integrationshemmnis. Dabei gibt es eine große Zahl sehr engagierter muslimischer Frauenbewegungen, genauso wie in den christlichen Kirchen, die sich um die Gleichstellung von Mann und Frau bemühen. Auch wenn innerhalb beider Glaubensrichtungen die theologischen Machtpositionen überwiegend Männern vorbehalten sind, erkennen viele Frauen trotzdem in ihrer Religion ein gewisses "emanzipatorisches Potenzial". Und wie es scheint, sehen viele junge Menschen zwischen religiöser Bindung und einer modernen, selbstbestimmten Lebensführung keinen Widerspruch.

Sind die islamische und die christliche Religion also nicht unbedingt "männerfreundlich, frauenfeindlich"? Fest steht: Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist ein wichtiger Grundsatz im Christentum und Islam und in den beiden heiligen Schriften verankert. Im Koran ist die Frau sogar – anders als in der Bibel – nicht allein schuldig am Sündenfall. Hier tragen Adam und Eva gemeinsam die Verantwortung ("Und sie aßen davon"; Sure 20; 121). Doch gegen die reine Lehre von der Gleichberechtigung der Geschlechter hat sich – vor allem im Islam – eine angeblich gottgewollte hierarchische Ordnung der Geschlechter durchgesetzt, die sich bis heute hartnäckig hält. Teilweise wird Frauen sogar das Recht auf eine selbstverantwortete Lebensgestaltung abgesprochen. Das kann bedeuten: Reisen sind allein nicht erlaubt, eingeschränkte Berufswahl und Verfügung über eigenes Geld, Ehepartner werden ausgesucht, häufig keine Bildungsfreiheit.

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Die Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller vom Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik in Köln – die die Meinung einer immer stärker werdenden feministischen Denkrichtung in islamischen Ländern teilt – macht für eine solche Auffassung die männlich dominierte Koranauslegung verantwortlich, die bis in die Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche patriarchalisch gefärbt sei. Sie ermutigt daher Frauen, verschiedene Methoden der Koranexegese selbst anzuwenden, ganz wie im Koran empfohlen. Allerdings – viel Spielraum gibt es da nicht. Denn eine Auslegungspraxis, die kaum die gesellschaftlichen Bedingungen zur Zeit der Offenbarung in Rechnung stellt, beschränkt Frauen auch heute noch in Familie und Beruf.

Auch in den christlichen Kirchen fordern Frauen eine Theologie, die Männer- wie Frauenperspektiven gerecht wird und eine geschlechtersensible Personalplanung und -entwicklung im Arbeitsfeld Kirche. Konkret: Frauen sind an der Basis der Kirchen zwar zahlenmäßig gut vertreten, überwiegend als ehrenamtliche Helferinnen in Gemeinden und Sozialwerken. Doch von Leitungspositionen sind sie – vor allem in der katholischen Kirche – weitgehend ausgeschlossen. Nicht umsonst riefen erst im Oktober vergangenen Jahres führende internationale Frauenorganisationen die in Rom tagende Weltbischofssynode und Papst Benedikt XVI. zur "vollen Gleichstellung" von Frauen in der Kirche auf – die Weihe zur Diakonin, Priesterin und Bischöfin eingeschlossen. Auf das Recht auf Gleichstellung in der katholischen Kirche berufen sich auch Homosexuelle, denen ebenfalls die Ordination untersagt wird.

Im säkularen Deutschland heute sollen sich Männer und Frauen gemeinsam Erwerbs- und Familienarbeit teilen. Die Einführung des neuen Elterngeldes, das auch immer mehr hochqualifizierte Männer darin bestärkt, zugunsten ihrer Familie für einen gewissen Zeitraum aus dem Job auszusteigen, ist ein Beispiel dafür. Nicht nur die Frau also soll sich um die Aufzucht der Kinder kümmern; eine Position, die auch die Kirchen lange Zeit unterstützten. In innerreligiösen wie auch in politisch geführten Debatten herrsche inzwischen Einigkeit darüber, dass auf jeden Fall auch der "neue Mann" zunehmend eine stärkere Rolle spielt, meint Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bochum.

Auch in muslimischen Migrantenfamilien ändert sich langsam die Rollenverteilung. Schon durch eine finanzielle Verschlechterung der Lebenssituation etwa kommt es vor, dass plötzlich die Männer für die Kindererziehung zuständig sind. Das ist die Erfahrung von Vertreterinnen muslimischer Frauenorganisationen und der christlich-islamischen Dialogverbände. Aus diesem Grund bezieht beispielsweise das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln e.V. (BFMF) auch Männer bewusst in seine Arbeit mit ein.

In den Elternseminaren "Starke Eltern, starke Kinder" des Deutschen Kinderschutzbundes wird die Frage der Gleichberechtigung auch beispielsweise anhand von islamischen Überlieferungen oder Rollenvorbildern thematisiert. Den Schwerpunkt des BFMF, das mehrfach für seine Integrationsleistungen ausgezeichnet wurde, bildet die Ausbildung von Frauen, vor allem in Form von Sprach- und berufsqualifizierenden Kursen.

Wie Studien belegen, orientieren sich nicht nur junge Musliminnen, sondern auch immer mehr junge Männer an modernen Rollenbildern. Studien unterstreichen die starken Abweichungen zwischen Außen- und Eigenwahrnehmung – vor allem nach dem 11. September – bei jungen muslimischen Frauen in Deutschland: Denn die jungen Frauen haben überwiegend die gleichen Ziele und Wünsche wie ihre deutschen Altersgenossinnen: Sie wollen sich beruflich qualifizieren und finanziell unabhängig sein. Oft umso mehr, wenn es den Eltern nicht gelungen ist, sozial und ökonomisch aufzusteigen.

Religion ist für viele junge Muslime in Deutschland wichtig. Sie kann umso zentraler in ihrem Leben werden, je weniger sie hier mit ihren Fragen und Problemen ernstgenommen werden. Im islamischen Religionsunterricht aber kann Kindern und Jugendlichen der neutrale Raum und das Vertrauen gegeben werden, sich mit religiösen Fragen des Alltagslebens, auch mit den Themen Partnerschaft und Sexualität, auseinanderzusetzen. Die Religionsgemeinschaften am gesellschaftspolitischen Diskurs über Geschlechtergerechtigkeit zu beteiligen, ist sinnvoll. Die Dialogtagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart Ende 2008 war eine solche Gelegenheit. Dort wurde deutlich, dass, gerade wenn es um den Islam geht, Diskussionen in rein politischem Rahmen meist sehr einseitig verlaufen – was meistens nur zu einer Verfestigung der Positionen führt. Auf einer innerreligiösen Ebene dagegen wird der Dialog auf Augenhöhe geführt und kann wichtige Impulse für eine Gleichberechtigung liefern.

Autor: Sandra Megahed