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27. Juli 2010

Leben aus der Tonne

Auch Müllsammeln kann eine Lebensform sein – Lukas und Eva containern aus Überzeugung und decken ihren Tisch mit dem Abfall anderer Leute.

  1. Mülltaucher beim Brötchenholen vor der Großbäckerei Foto: Kai Löffelbein / dpa

  2. Foto: dpa

Lukas steht breitbeinig vor einer Reihe brauner Mülltonnen. Er krempelt die Ärmel hoch und greift hinein. Als liege ein Sack Gold auf dem Boden, packen seine bleichen Akademikerhände was sie kriegen können und werfen es in die leere Tonne nebenan. Ganz oben liegen matschige Salatköpfe, darunter Karotten, dazwischen Erde und ranzige Milch.

Die nächste Schicht riecht wie ein beim Picknick vergessener Fruchtsalat: Faule Erdbeeren, offene Melonen, zerquetschte Orangen. Die grün-weißen Schimmelhaare am Tonnendeckel wiegen sich im Wind. Wie beim Kompostieren schichtet Lukas den Müll um. Bei einer Honigmelone mit braunen Flecken hält er inne, führt sie zum Ohr, klopft mit den Fingerknöcheln dagegen und legt sie vor sich auf den Boden.

Wenige Meter weiter schaltet Eva ihre Stirnlampe ein. Sie hängt kopfüber in einem großen, grünen Rollcontainer. Der Oberkörper ist verschwunden, nur ihre kurzen Beine ragen in den düsteren Hinterhof. Einen Moment macht sie Halt, dann springt sie mit einem Satz heraus. Mit der Stirnlampe blendet sie Lukas beim Versuch, ihm ein Päckchen Sonnenblumenkerne zu zeigen. Sie legt es zur Melone. Auf ihrem Arm kleben Bananenreste.

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Es ist kurz nach zehn, der Supermarkt, in dessen Müll sie wühlen, schließt erst in zwei Stunden: Weder Lukas noch Eva könnten dort einkaufen, aber sie wollen nicht. Sie ziehen es vor, ihre Essensreste im Müll der Supermärkte zusammenzuklauben, zu containern oder zu dumpstern, wie sie es selbst nennen.

Jedes fünfte Brot

landet auf dem Müll

Beide sind nicht arm. Das Kindergeld, das sie von ihren Eltern überwiesen bekommen, ist nicht üppig, aber es reicht. Sie wohnen zusammen in einer großen WG, sie haben kaum Ausgaben, ab und zu jobben sie bei einem Bäcker. "Wenn ich nicht mehr Containern könnte, müsste ich mehr arbeiten gehen, da hab ich aber keinen Bock drauf", sagt Lukas. "Solange gutes Essen einfach weggeschmissen wird, sehe ich das nicht ein." Die Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos huschen über den Containerplatz, wie die Barcodeleser über die Waren im Inneren des Supermarktes. Das Geplauder der voll bepackten Kunden dringt auf den Hinterhof als ein undeutliches Hallen.

Lukas und Eva möchten, dass sie und die Stadt in der sie studieren anonym bleiben. Seit dem Verfahren gegen zwei Mülltaucher vor einem Jahr schützen die großen Läden ihren Abfall mit schweren Schlössern. Je mehr Menschen wüssten, wie und wo die beiden ihr Essen finden, desto schwieriger werde es für sie und die anderen Sammler, sagen sie.

Wie viele andere in Deutschland leben die beiden von dem, was die Supermärkte ihren Kunden nicht mehr anbieten möchten. Und das ist eine Menge. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, doch die "Universität für Bodenkultur" in Wien hat nachgewiesen, dass in Österreich jedes fünfte Brot auf dem Müll landet. Das hieße auf Deutschland übertragen, dass Berlin jeden Tag soviel Brot wegwirft, wie Frankfurt in 24 Stunden verbraucht.

"Bei Obst und Gemüse sieht das nicht besser aus", sagt Jan Kummerfeld von der Initiative gegen Lebensmittelvernichtung, die so eine Art Interessensvertretung und Organisationsplattform der anonymen Mülltaucher ist. Jan Kummerfeld bezeichnet sich als politischen Aktivisten. Als Verursacher der Müllrepublik Deutschland sieht er auch die Kunden: "Die beschweren sich, wenn sie ihr Produkt eine Minute vor Ladenschluss nicht mehr im Regal finden – und am nächsten Tag wollen sie wieder was Frisches."

Wenn die Regale gelichtet und die Container gefüllt werden, machen sich Lukas und Eva auf den Weg. Seit vier Jahren, ein paar Mal die Woche. Ähnlich wie die zahlende Kundschaft auch, wenn sie ihre Vorratsschränke auffüllen möchte, nur dass Lukas und Eva Taschenlampen mitnehmen und nicht in den Laden, sondern um ihn herum gehen.

"Im ersten Jahr war das noch eine Guerilla-Aktion" erinnert sich Lukas. Sein Gesicht ist gespickt mit Piercings, ein paar Dreadlocks hängen dem angehenden Sozialpädagogen in die Stirn. "Damals haben wir Türen ausgehoben und sind über Zäune geklettert, manche haben sich sogar vermummt". Heute gibt es auch in Containerer-Kreisen so etwas wie geregelte Lebensformen: Auf Lukas und Eva warten fünf hungrige Mitbewohner, zusammen sind sie eine der vier festen Container-Gruppen ihrer Stadt. Heute haben die beiden Einkaufsdienst, in ein paar Tagen sind die Kumpanen dran.

Bevor er die Ware in seinen großen Wanderrucksack packt, verstaut Lukas die Ware erst in Plastiktüten – damit der Behälter von innen sauber bleibt. Vor dem Gehen räumen sie auf: Wenn der Platz nach ihnen aussieht wie vor ihnen, gibt es keinen Ärger. Natürlich wissen die Angestellten, dass ihr Müll verschwindet, doch solange das unmerklich geschieht, drücken sie ein Auge zu. Streng genommen handelt es sich allerdings bei dem Müll, den Lukas und Eva mitnehmen um Eigentum – sie begehen Diebstahl.

Containern ist für Lukas "der Ausstieg aus der Wegwerfgesellschaft", in der es verboten ist, Gemüse zu essen, das Samstag abends in die Tonne wandert, weil die Kühlung über den verkaufstoten Sonntag nicht rentabel ist. Zwar spenden manche Supermärkte an gemeinnützige Vereine, die den Überschuss einsammeln und ihn an Bedürftige weitergeben. Viele Läden wollen das aber nicht. "Die wissen ganz genau: Wenn die Armen das Essen von der Tafel bekommen, dann kaufen sie es nicht mehr im Discounter", erklärt Jan Kummerfeld. Lukas schaut noch ein letztes Mal über den Hof. "Ein System, in dem der Müll vor Dieben geschützt wird", er schüttelt den Kopf.

Noch sind die Rucksäcke zu leicht. Ihrer Container-Gruppe wird das nicht reichen. Eva zieht einen Wochenplan aus der Hosentasche, fährt mit dem Finger auf den Mittwoch. Unter der Uhrzeit 23 Uhr sind dort drei Supermärkte verzeichnet, in der Reihenfolge ihrer Entfernung zur Wohngemeinschaft. Sie ist stolz auf ihren Plan, laufend aktualisiert sie ihn, trägt ein, in welchen Zyklen die Container befüllt, in welchen sie geleert werden und wann der Filialleiter geht. "Jeder Laden hat seine eigenen Zeiten", sagt die Politikstudentin. Heute malt sie ein kleines Minus hinter den ersten Laden. Das heißt, dass es sich nicht gelohnt hat. "Und das, obwohl morgen geleert wird", die Nacht vor der Müllabfuhr gilt als die ergiebigste.

Auch hilfsbereite Angestellte sind vermerkt, in zwei Märkten hat Eva sogar Helfer, die ihr die besonders guten Abfälle zur Seite legen. Aber es gibt auch die anderen, die Joghurtbecher aufstechen und Milch oder Waschmittel über die Lebensmittel schütten. Einmal, als sie noch ohne Taschenlampe unterwegs war, hat sie versehentlich mit beiden Händen in eine "Fisch- und Fleischtonne" gefasst – die Maden quollen zwischen ihren Fingergliedern hervor. "Das war schon fies", erinnert sie sich. Aber Handschuhe benutzt sie keine: "Man gewöhnt sich dran."

Heute wollen sie nur "die kleine Tour" machen. Die Hoffnung liegt auf einem Supermarkt in der Innenstadt. Die Mülltonnen stehen da in einer offenen Garage direkt am Fußweg. Lukas schaltet das Licht ein. Es ist kurz nach elf. Im Vorbeigehen schauen Passanten mit leeren Blicken in die erleuchtete Einfahrt. Lukas und Eva ignorieren sie und werden ignoriert. Die Mülltaucher gehören zum Straßenbild.

Die erste Tonne ist leer, dann kommt Papiermüll, Plastik. Bei der vierten schreit Eva auf: "Yippie, Rhabarber". Auch Lukas sieht zufrieden aus, er hält den ersten Spargel des Jahres in den Händen. Behutsam legt er ihn auf den Boden. Dazu kommen Orangen, Mango, Brokkoli, ein Strauß Rosen, viele Äpfel. Schnell wachsen zwei Berge zwischen den beiden in die Höhe.

Lukas strahlt. Die Rucksäcke sind voll und ein ganzer Haufen noch nicht verstaut. Eva zieht zwei Kartons aus dem Papiermüll, beim Verladen erinnert sie sich an ihre erste Tour: "Das war mein Kindertraum – Tonnen von Essen, einfach so zum Mitnehmen". Freudentränen habe sie damals in den Augen gehabt.

Schokolade für 700 Euro

– und all das kostenlos

So wie ein knappes Jahr später, als sie zwei bis zum Rand mit Schokolade gefüllte Container gefunden haben. Alleine Eva und ihre Freunde haben für 700 Euro Lindt-Schokolade mitgenommen – keine Tafel war abgelaufen. Ein paar waren wohl warm geworden, hatten helle Stellen bekommen und sahen nicht mehr so aus wie auf dem Foto. Damals habe sie sich wochenlang von Schokolade ernährt, erzählt die Studentin.

Eva reizt gerade das Unvorhersehbare am Containern: "Ich finde es angenehm, dass nicht alles verfügbar ist wie im Laden", sagt Eva. Sie sei genügsamer geworden und habe eine Menge über Gemüse gelernt, das sie nie gekauft hätte. Auch über solches, das gar keines ist. Einmal hat die WG eine ganze Rucksackladung Karottenkraut gegessen, weil einer behauptet hatte, es wäre Petersilie.

"War aber gut", ruft Lukas vom Eingang. Ächzend schultert er seinen 70 Liter Rucksack. Die kleine Container-Tour ist beendet und der Laden bekommt für heute ein Plus auf Evas Plan.

Zuhause – es ist Mitternacht – bahren sie das exhumierte Grünzeug auf dem Küchentisch auf. Im Supermarkt hätten sie mit der gleichen Ladung zwei Einkaufswagen gefüllt. Student aus Chile, der gerade zu Gast ist, fragt, ob das normal sei in Deutschland. Es ist unklar, ob er die meint, die den Müll produzieren oder die, die ihn gerade in der Küche ausbreiten. Schnell hat sich die Kunde vom vollen Küchentisch im Haus herumgesprochen und die WG teilt den Haufen unter sich auf.

Eva schält schon mal den Spargel. Sie wollen noch kochen heute Abend. Lukas sortiert das Containerte von letzter Woche aus: Zwei blaugrüne Orangen, vier graue Möhren, eine schwarze Zwiebel, das ist ihr Überschuss. Er packt sie zum Biomüll und trägt ihn hinaus. Der Eimer riecht nach Supermarktcontainer. Als er ihn auf den Kompost schmeißt, flüchtet eine Ratte ins Dunkel. Andere Interessenten gibt es für den Müll diesmal nicht.

Erklär's mir: Was ist eine Wegwerfgesellschaft?

Deutschland ist ein reiches Land, so reich, dass vieles weggeworfen wird, was in anderen Ländern niemals auf dem Müll landen würde. Fernseher, die zwar noch funktionieren, aber durch einen neuen abgelöst wurden, Spielzeug, das den Kindern langweilig geworden ist, und Essen, das nicht aufgegessen wurde. Alles Dinge jedenfalls, über die sich in armen Ländern, in Afrika, Südamerika und Indien zum Beispiel, viele Menschen freuen würden. Menschen, die weder Fernseher noch Spielzeug noch Essen haben. Es gibt dort sogar Leute, die so arm sind, dass sie nur vom Abfall anderer Menschen leben und auf Müllkippen hausen. Aber auch in Deutschland leben Leute, die sich durch die Mülltonnen der anderen wühlen, um genug zu essen zu bekommen. Deshalb seid beim nächsten Mal vorsichtig, wenn ihr etwas wegschmeißt, das man noch gebrauchen kann. Oder werft euer Spielzeug nicht in den Müll, sondern sammelt es und gebt es jemandem, der sich noch darüber freut.  

Autor: mich

Autor: Holger Fröhlich