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27. November 2013

Metropole an der Isar

München boomt, brummt, wächst – und wird selbstzufriedener

In gesättigten Umständen

  1. Extrem begehrtes Gut – Wohnung in München Foto: DPA Avis

Jetzt ist Ferdinand Schmid tot, er starb vorige Woche im Alter von 88 Jahren. Außerhalb und auch in München sagt der Name nicht allen etwas, und doch war der fast unsichtbare Chef der Augustiner-Brauerei prägend für die Stadt wie nur wenige. "Wenn München nicht mehr gemütlich ist, dann ist es nicht mehr München." Ein Mann und seine Sicht auf das Leben in der bayrischen Hauptstadt. Mit den Brauereigewinnen sanierte Schmid alte Traditionswirtshäuser, half dem Tierpark, gab Geld für Obdachlosenhäuser. Ein Mann für das traditionelle, leise München – das, so fürchten viele der Bewohner, gerade auszusterben droht. Weil München vor Kraft kaum mehr laufen kann.

Viele konnten es kaum fassen, dass die Münchner die Olympischen Winterspiele 2022 nicht wollten, dass sie per Bürgerentscheid gegen diese wohl einmalige Chance gestimmt haben. Wie kann das sein? Das Votum sagt einiges aus über den Zustand und die Gefühlslage der Menschen, die in dieser gefühlt reichsten und teuersten Stadt Deutschlands leben.

Katharina Schulze, die junge Münchner Grünen-Chefin, fasste diese Grundstimmung unlängst in wenigen Worten zusammen. Neben ihrer Kritik am Gebaren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und den ökologischen Einwänden stellte sie eine schlichte Frage: "Braucht’s das eigentlich auch noch in München?" Braucht’s also Olympia dort, wo die Einwohner sich eines mit am sehnlichsten wünschen: einfach mal in Ruhe gelassen zu werden von äußerlichen Behelligungen; wo an allen Ecken und Enden dieser 310 Quadratkilometer Stadtgebiet mit den knapp 1,4 Millionen Einwohnern gezerrt, gedrängt, geschoben wird.

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Eine Stadt lebt den Boom und stemmt sich doch dagegen. Unlängst wurde "The Seven" enthüllt: Das ehemalige Gaskraftwerk in der Müllerstraße 7 in Isar-Nähe ist zu einem 15-stöckigen Wohnturm umgebaut worden, und zwar zur wohl teuersten und nobelsten Residenz der Stadt. Die Spitze bildet eine Penthousewohnung mit Dachterrasse um das ganze Quadrat herum. 20 Millionen Euro soll sie gekostet haben, man weiß nur, dass sie ein Pharma- und Kosmetik-Großunternehmer gekauft hat. Der Quadratmeterpreis liegt in diesem Fall bei 22 000 Euro.

Günstig gibt’s nicht im gesamten Wohnungsmarkt der Stadt und im Umland, und die Preise haben laut Prognosen auch zukünftig nur eine Richtung: nach oben. Laut dem Vergleich eines großen Immobilienportals kostete eine 100-Quadratmeter-Wohnung im Jahr 2011 etwa 430 000 Euro, im Folgejahr waren es 500 000 und 2013 ist man bei 590 000 angelangt. Viele Münchner können sich München nicht mehr leisten. Die anderen wohnen in den einstigen Arbeitervierteln wie Giesing oder Sendling, haben noch einen älteren Mietvertrag und hoffen, ihn so lange wie möglich zu behalten. Die Kleinfamilie spart nicht auf das Reihenhaus, sondern auf die Drei-Zimmer-Wohnung.

Annamaria und Alex Lopez leben mit kleinem Kind seit drei Jahren im Vorort Forstenried. Sie arbeitet als Architektin, er kümmert sich um die Tochter, hat einen Teilzeitjob als Hausmeister und spielt auf Konzerten die E-Gitarre. Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung kostet 800 Euro kalt. "Wir brauchen dringend drei Zimmer", sagt Annamaria. Sie suchen schon seit mehr als einem Jahr, doch ihre Chancen liegen bei nahezu null. Es gibt immer jede Menge andere Interessenten, die seriöser erscheinen sowie ein höheres Einkommen nachweisen können. Wenn Paare ein drittes Kind bekommen, ist das für die Familie der Knock-out auf dem Mietmarkt. Drei Kinder will keiner.

Also kaufen. Ein kleineres, schmuckloses Reihenhaus mit Handtuchgarten im Umland ist für 600 000 Euro zu haben. Dafür erforderlich sind mindestens eineinhalb gute Gehälter. Entsprechende Jobs gibt es zuhauf, und es wird immer weiter Personal gesucht: Ingenieure bei Siemens oder BMW, Statistiker bei der Münchner Rück, Juristen im Dienste der Allianz-Versicherung. Erst kürzlich hat Microsoft Deutschland entschieden, den Firmensitz von Unterschleißheim im Norden des Münchner Raumes nicht etwa weiter nach draußen zu verlagern, wo es billiger ist – sondern ins Stadtgebiet, nach Schwabing. Mit den Unternehmen drängen immer mehr gut Qualifizierte rein. Für die Stadt München prognostiziert der Demografiebericht des Rathauses 1,6 Millionen Einwohner im Jahr 2020 und 1,8 Millionen zehn Jahre später – und das trotz einer in Deutschland schrumpfenden Bevölkerungszahl.

Auch die agilen Rentner mit den sehr gut gefüllten Bankkonten zieht es vermehrt in die Stadt. Vor 20 Jahren war die Villa am Starnberger See das Nonplusultra. Doch dort ist es ihnen zu langweilig, zu blasiert, zu abgelegen und viel zu still. Sie kaufen sich lieber eine schöne Wohnung in einem der vielen luxussanierten Jugendstilhäuser in Schwabing oder Haidhausen, wo sich viele Menschen und angeblich die Münchner Szene tummeln.

"Ich war ein Münchner", mit diesem groß plakatierten Slogan versuchte das beschauliche Städtchen Mühldorf am Inn, 80 Kilometer östlich von München, die Bewohner des platzenden Großraumes zu sich zu locken. Dort gebe es "doppelte Lebensqualität zum halben Preis", werben die Initiatoren.

Die Münchner selbst lächeln nur freundlich über solche Aktionen. Sie nehmen auch die unzähligen Touristen klaglos hin, die den Marienplatz bevölkern und das Hofbräuhaus stürmen. Wie auf- und absteigende Wellen rollen sie heran und ziehen sich wieder ein wenig zurück. Im Sommer sind es die Europareisenden, die München mitnehmen müssen. Zum Oktoberfest im Herbst, dem weltweit größten Volksfest der Welt, versetzen sie die Stadt in einen infrastrukturellen Ausnahmezustand. Die U-Bahnen quellen über, 6,5 Millionen Wiesn-Besucher gibt es in den zwei Wochen.

Weiter geht es mit dem Gedränge und Geschiebe im Dezember auf dem Weihnachtsmarkt, Busladungen voller Schweizer kommen, weil es in München so billig ist. Reiche Russen und Araber mit streng verhüllten Frauen sieht man sowieso das ganze Jahr über. Der FC Bayern München wird als angeblich bester, teuerster und erfolgreichster Fußballverein der Welt von vielen angehimmelt und von manchen gehasst. Beim Champions-League-Finale 2012 in der Allianz-Arena, dem "Finale dahoam" mit dem bitteren Elfmeter-Schießen, schien die Stadt zu explodieren. Die Fans aus London mussten erkennen, dass sie nicht nur nicht in die Arena gelangen würden, sondern dass es auch keine Plätze mehr auf den völlig überfüllten Public-Viewing-Geländen gab. Ein Jahr später, beim Sieg des FCB, fand das Finale zwar nicht in München statt, doch die Stadt geriet außer Rand und Band. Das war ein Münchner Fest – Olympia wäre eher keins gewesen.

Der Münchner Boom ist ein Boom des Wohlstands. Den will man, doch die Ruhe will man auch. Es gibt wenig Grelles, wirklich Schräges und auch kaum wirklich arme Schlucker. Ab und zu werden leerstehende Häuser besetzt. Doch da geht es freundlich zu, die Besetzer kooperieren mit der Polizei. Man lädt die Bevölkerung zu Kunstaktionen in den Häusern. Dann ziehen die Besetzer wieder ab.

Die Stadt misstraut Veränderungen. Schon im Jahr 2004 ergab ein Bürgerentscheid, dass kein Hochhausneubau höher sein darf als die Frauenkirche, nämlich 100 Meter. Die Bürger lehnten den Transrapid ab, und ob je die dringend benötigte zweite Tunnelröhre für die S-Bahn unterhalb der Innenstadt kommt, ist fraglich. Man müsste viel bauen, graben, verändern, auch im konservierten Stadtkern.

Richtig wütend ist manch ein Bürger geworden, als sich Ende Juni verzweifelte Asylbewerber in bester Innenstadtlage am Rindermarkt auf den Asphalt legten. Sie aßen und tranken nicht mehr und drohten, dass sie öffentlich sterben wollten, wenn sich an ihrer Lage nichts ändert. An einem Samstag drohte die Situation zu eskalieren: Die Bürger kamen in die Stadt an diesem Tag und fühlten sich provoziert. Sie mussten an dem Lager vorbeilaufen mit ihren auf dem Viktualienmarkt gefüllten Tüten. Dann räumte die Polizei den Platz.

Autor: Patrick Guyton