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25. September 2009

Oktoberfest mal andersrum

Am ersten Sonntag feiern im "Bräurosl"-Festzelt 8000 Schwule – mit Lola Loch und Oberbürgermeister Christian Ude

  1. Alles im Griff auf der Wiesn Foto: JOK

Mit Hundeblick, den Kopf schräg in den Nacken gelegt, betteln die zwei Männer in Lederhosen: "Biiiitte!" Aber sie müssen draußen bleiben. "Hier ist nur der Ausgang! Ihr müsst zur nächsten Tür, da kommt ihr vielleicht rein.", sagt Dogan S. schon zum drittenmal. Immer noch freundlich. Die zwei sind es ja auch.

Für Dogan S. ist es der einzige entspannte Tag innerhalb von 16 Tagen Dauerstress. Der türkischstämmige Türsteher arbeitet im "Bräurosl", einem der großen Bierzelte auf dem Münchner Oktoberfest. Noch zwei Wochen lang muss er aggressive Betrunkene aus dem Zelt schmeißen oder aggressive Nüchterne davon abhalten, es zu stürmen. An diesem ersten Wiesn-Sonntag jedoch ist hier vieles anders: Bier fließt in Strömen, Schlangen bilden sich vor dem Zelt, die Kapelle spielt die üblichen Lieder. Aber: "Es gibt keine Schlägereien, viel Trinkgeld für die männlichen Bedienungen und du kannst eine nackte Frau reinschmeißen und nix passiert!", sagt der Sicherheitsmann.

Es ist "Gay Sunday" im "Bräurosl". Etwa 8000 Schwule – auch einige Lesben, aber deutlich in der Unterzahl – feiern fröhlich und ausgelassen. Vor allem feiern sie fröhlich, dass sie mal so ausgelassen feiern können. Ein Kniff in einen knackigen (Männer-)Po gehört hier fast zum guten Ton. Und das alles auf der Wiesn, dem traditionsreichsten und urtümlichsten aller Volksfeste.

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Mike aus Wolfsburg wartete schon um 7.30 Uhr morgens in der Schlange vor dem Zelt. Um neun Uhr ist endlich Einlass. Jetzt drei Stunden später, steht der durchtrainierte Mann im weit geöffneten Hemd bierselig im Zelt. Den Maßkrug in der rechten Hand, Alex aus Stuttgart im linken Arm, schunkelt er zu "Er hat ein knallrotes Gummiboot." Mike und Alex haben sich am Vormittag zufällig getroffen, kennen sich aber schon seit Jahren von anderen Schwulen-Veranstaltungen. "Es ist ein toller Event, der zu München und zum Oktoberfest dazugehört!", sagt Mike. "Der Gay Sunday zeigt, dass die Schwulen auf der Wiesn angekommen sind! Das Oktoberfest steht ja sonst für bayerische Tradition, die man als Schwuler oft nicht so mag." Es tönt von der Tribüne: "Das Küssen an Bord ist verboten, ich sage dir auch warum. Das Boot ist eine Konstruktion, die kippt beim Küssen um. Er hat ein knallrotes Gummiboot. " So abstoßend Homosexualität für Franz-Josef Strauß, den personifizierten Bayern, war ("Lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder"), so abstoßend finden Mike und Alex normalerweise Schlager und Lederhosen. Doch hier freuen sich die warmen Brüder über Lieder und Leder.

Beim schwulen Wiesn-Spaß hat Leder auch Tradition. Auf der Empore sitzt die Fetisch-Truppe vom "Münchner Löwen Club" (MLC). "Geile Jungs und Kerle in bayerischer Tracht oder Fetischklamotten tummeln sich auf dem Balkon des Festzelts", heißt es schon in der Vorankündigung der Löwen. Dem Vorsitzenden des Clubs hängt ein dicker Ring aus der Nase und er wirkt auch entsprechend bullig, seine Beine hat er in knallenge Lacklederhosen gepresst. "Hier oben nicht fotografieren", sagt er kurz angebunden. Seine Gäste wollen heute ungestört ihren Spaß haben. Der MLC lädt schon seit 32 Jahren zum "Schwulen Oktoberfest" ein und feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Balkonjubiläum im "Bräurosl". Über das Treiben der Löwen auf dem Balkon ranken sich die wildesten Gerüchte.

Türsteher Dogan will auch unten im Zelt schon heiße Orgien gesehen haben. "Einmal haben sie hier sogar einen Pornofilm gedreht!", sagt er. Manche Besucher, die bei der Tischreservierung nichts von dem Treiben ahnten, kommen sich auch ohne wilde Ausschweifungen vor wie im falschen Film und knabbern verstört an ihrem Hendl.

Die Karten für den Löwen-Club sind heiß begehrt
Als Georg Heide, Wirt des Festzeltes und verheirateter Urbayer, vor 20 Jahren die Reservierung des "Münchner Löwenclubs" aufnahm, dachte er nicht, dass gerade der Grundstein für eine Kultveranstaltung gelegt wurde. Er dachte, die Fußballer vom TSV 1860 München, auch Löwen genannt, kämen zum Feiern. Als dann Männer, mit dicken Waden zwar, aber in schwarzen Lack-Outfits statt in der Krachledernen kamen, war Heide "nicht schlecht überrascht". Mittlerweile wird das MLC-Kartenpaket von Schwulen aus Australien bis Katar bestellt und ist schon Wochen im Voraus ausverkauft.
Nach einer kurzen Spielpause der Band grölt es wieder durchs Zelt. Der Anheizer und Bandleader hat einen Gast auf der Bühne: "Lola Loch mit der Essiggurke wird für euch das nächste Lied dirigieren!" Lola Loch, ein Transvestit im blauen Dirndl, blaue Turmperücke, lutscht an der Gurke und greift zum Taktstock. "Komm, hol das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer".

Wilder geht es nur einmal zu an diesem Nachmittag. Als Oberbürgermeister Christian Ude auf die Bühne tritt. "Ude, Ude, Ude!" schreien ihm 8000 Schwule entgegen. Udes Auftritt am "Gay-Sunday" hat Tradition, fast wie das Anzapfen tags zuvor. Er dirigiert und die Menge tobt. Auch Behauptungen, dass der OB selbst schwul sei, halten ihn nicht davon ab, seine Unterstützung für die Homoszene zu bekunden. Weil er ein Ferienhaus auf der von Schwulen beliebten Insel Mykonos besitzt , müssen er und seine Familie sich seit Jahren mit Gerüchten herumärgern. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der schwul-lesbischen Rosa Liste, parodierte Ude vor zwei Jahren seinen bekennend schwulen Berliner Amtskollegen: "Ich bin hetero und das ist gut so!" Den Auftritt im "Bräurosl" lässt er sich aber nicht nehmen und er wird auch nächstes Jahr wieder Schirmherr beim Christopher-Street-Day sein. Und auch das ist gut so.  

Autor: Johan Kornder