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31. Oktober 2008

So lang die Füße tragen

Dorothea Frey geht kommende Woche bei der Europameisterschaft der 100-Kilometer-Läuferinnen an den Start – trotz ihrer schweren Krankheit.

Wenn Dorothea Frey losläuft, dann kann es bis zu ihrer Rückkehr etwas dauern. Kurze Strecken sind nicht ihr Ding, für die zierliche Frau aus Leonberg fängt Laufen da an, wo es für die allermeisten aufhört. Deshalb war sie auch nicht dabei, als sich die Leichtathletik von der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart verabschiedete. Die 24 Kilometer des Sternlaufs von Leonberg nach Stuttgart waren ihr eine Woche vor dem Marathon in Ulm einfach ein gutes Stück zu kurz, das Tempo im Pulk mutmaßlich viel zu langsam. Also kein Symbollauf mit Hobbysportlern, stattdessen 35 Kilometer Training.

Dorothea Frey ist schließlich eine Frau für die langen Stecken – und vor allem für die ganz langen. Marathons gehören zu ihrem Programm, aber auch 50-Kilometer-Rennen und im Frühjahr zum ersten Mal die 100 Kilometer. "Ich wollte das einfach mal probieren", sagt sie lapidar. Und das tat sie auch im April im Bundesleistungszentrum in Kienbaum. Deutsche Meisterschaften, 20 Runden à fünf Kilometer, kühle Temperaturen und 32 Gegnerinnen. "Irgendwann", erinnert sie sich, "tut dir alles nur noch weh." Aber irgendwann ist einem auch alles egal, man läuft weiter wie ein Diesel. Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. 60 Kilometer kannte sie schon, aber 100 waren dann doch was ganz anderes.

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"Einmal für Deutschland
laufen, das gefällt mir."

Dorothea Frey
Als Dorothea Frey in Kienbaum in die letzte Runde einbiegt, ruft ihr Volkmar Mühl, der Verantwortliche für die Ultraläufer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), zu: "Du hast noch 30 Minuten Zeit, dann hast du es geschafft." Dorothea Frey hatte "keine Ahnung" was der Mann meint. 30 Minuten auf fünf Kilometer sind kein Problem für sie, auch nicht, wenn sie schon 95 gerannt ist. Also läuft sie einfach weiter, kommt nach 8:16,8 Stunden ins Ziel, wird Vizemeisterin und erfährt von Mühl, dass sie damit die Qualifikationszeit für die Europameisterschaften geschafft hat, die Anfang November unweit von Rom in Italien ausgetragen werden. "Toll", denkt Dorothea Frey, "einmal für Deutschland laufen, das gefällt mir." Und offiziell wurde sie jetzt vor ein paar Tagen auch nominiert. Mit 35 Jahren in eine Nationalmannschaft, das schafft nicht jede.

Soweit der Teil der Geschichte, über den die Angestellte der Oberfinanzdirektion Karlsruhe gerne spricht. Laufen, laufen, laufen. Drei Stunden am Stück mit dem Marathonspezialisten Tobias Sauter oder die etwas kürzeren mit ihrem Ehemann Peter, dem das Herz schon mächtig im Hals wummert, während sich seine Frau aktiv erholt. Das Laufen ist die Passion von Doro, wie Freunde und Mitläufer sie nennen. Und sie hat jede Menge Talent, sonst wäre sie nie so weit gekommen. Schließlich hat sie erst mit 22 Jahren damit angefangen.

Die Motivation, sich Laufschuhe anzuziehen, ist hingegen der Teil der Geschichte, über den sie nicht so gerne spricht. Seit ein paar Monaten tut sie es trotzdem, weil sie keine Lust mehr auf seltsame Ausreden hat, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Doro Frey hat Multiple Sklerose, vor zwölf Jahren bekam sie die Diagnose. MS war in der Vorstellung einer 22-Jährigen das sichere Siechtum und der Rollstuhl, obwohl man bei dieser Nervenerkrankung vieles kann, nur eben keine verlässliche Prognose über den Verlauf aufstellen.

"Ich will mich nicht hinstellen und sagen: Geht laufen."

Dorothea Frey, MS-Patientin
Doro Frey drückte die trüben Gedanken weg, so gut es eben ging. Vor allem wollte sie damals nicht als Behinderte angesehen werden. Also sprach sie nicht über die Diagnose, ging ins Fitnessstudio und da immer öfter aufs Laufband, "um einfach noch etwas zu tun, was ich vielleicht nicht mehr lange kann". Mittlerweile läuft sie viel besser als nahezu alle anderen Frauen, obwohl nach einer MS-Faustregel die Hälfte aller Betroffenen nach einer Erkrankungsdauer von 15 Jahren eine Gehhilfe braucht, um eine Strecke von 1000 Metern zurückzulegen.

Doro Frey braucht keinen Stock, und vor allem braucht sie kein Mitleid. Deshalb hat sie lange über ihre Krankheit geschwiegen, auch dann, wenn ein akuter Schub sie schwächte. Wenn ihr im Büro plötzlich die Kraft fehlte, um einen Bleistift zu halten, sprach sie von einem "eingeklemmten Nerv", wenn sie auf einem Auge fast nichts mehr sah, sagte sie gar nichts. Und so lange die Beine funktionieren, kommt ja auch keiner auf die Idee, dass diese Frau nicht gesund sein könnte.

Wenn sie läuft, fühlt sie sich ja auch nicht krank. Und so wurde aus dem Freizeitspaß immer mehr Passion. Es kamen die ersten Volksläufe, der erste Marathon. Die Wettkämpfe wurden hochkarätiger, die Ergebnisse besser, und plötzlich war sie da, die Chance, einmal im Nationalteam über 100 Kilometer zu starten.

Anfang des Jahres entschloss sich Doro Frey, über ihre Krankheit zu reden. Erst mit einem Journalisten, dann mit dem DLV. "Die Reaktion bei Volkmar Mühl war etwas reserviert", erinnert sie sich. Doro Frey musste sich einem sportmedizinischen Check in Stuttgart unterziehen, dazu wurde ein Tübinger MS-Spezialist gehört. Am Ende musste sie unterschreiben, auf eigene Verantwortung zu laufen, dann gab es die Freigabe. Allerdings wunderte sich der Tübinger Neurologe, dass die Frau vor ihm tatsächlich die war, deren Röntgenbilder er gesehen hatte.

Doro Frey darf also für Deutschland starten. "Obwohl mir natürlich niemand sagen kann, ob das gut oder schlecht für mich ist", sagt sie. Deshalb will sie auch kein Vorbild für andere MS-Betroffene sein. "Ich will mich nicht hinstellen und sagen: Geht laufen, dann geht es euch besser. Ich kann das ja nur für mich entscheiden."

Doro Frey hat schon vor Jahren eine Behandlung mit Interferon abgebrochen, weil sie sich dabei nur schlecht fühlte. Seither nimmt sie nur bei Schüben Medikamente. Ihre Medizin ist der Sport, aber wie lange die wirkt, weiß keiner. "Ein Schub mit Reaktionen in den Beinen, und das war es dann", sagt sie. Zumindest auf ihrem hohen Niveau. Aber daran denken will sie nicht, auch wenn der nächste Schub jederzeit kommen kann. Trotzdem möchte sie nicht mit dem Bewusstsein an den Start gehen, dass jeder Lauf der letzte sein kann. Denn ändern, das weiß sie, kann sie es eh nicht. Und bis dahin "will ich einfach nur laufen".

Autor: Jürgen Löhle