Suchtkranken per Chat helfen

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mi, 23. Januar 2019

Deutschland

Wohlfahrtsverbände setzen auf Digitalisierung / Jährlich 30 000 Menschen nutzen Caritas-Beratungen.

BERLIN. Was Online-Beratung in sozialen Fragen anbelangt, ist Karin Tenbusch eine erfahrene Fachkraft. Seit 2009 gibt die Caritas Dresden, für die Tenbusch arbeitet, Suchtkranken, die sich dort per E-Mail melden, Hilfe. Spätestens nach 48 Stunden bekommen sie eine Antwort, wobei ihre Anonymität gewahrt bleibt.

Etwa 90 solcher Mail-Anfragen erreichen Jahr für Jahr die Caritas in Dresden. Und Tenbusch weist darauf hin, dass sich auf diesem Wege mehr Frauen als Männer melden: "Am Computer haben Frauen eher den Mut, aus sich herauszugehen und Hilfe zu suchen." Es sei gut, dass das Angebot zur Online-Suchtberatung "der Scham Raum gebe".

Der digitale Wandel hat also längst auch die Arbeit von Wohlfahrtsverbänden erreicht. Und dabei kommt der Caritas zugute, dass sie weithin bekannt ist. Bei der Suchmaschine Google erreicht der Verband bei vielen Anfragen eine gute Position, was wiederum dazu beiträgt, dass viele auf die digitalen Beratungsangebote der Caritas aufmerksam werden. Die gibt es auf 15 verschiedenen Gebieten wie beispielsweise der Sucht- und Schuldnerberatung bis zur Suizidprävention von jungen Menschen. Jährlich nutzen etwa 30 000 Menschen diese Angebote.

Daneben entwickeln Pflegedienste oder Altenheime neue digitale Angebote. Im Emsland setzt ein Caritas-Pflegedienst auf Tablets. Wenn beispielsweise ein Altenpfleger mit einem Arzt besprechen will, wie die Wunde eines Kranken versorgt werden sollte, muss er nicht mehr lange Wege fahren, um ein Foto der Wunde beim Arzt abzugeben. Das Bild wird über das Tablet gemailt und auf digitalen Kommunikationswegen besprochen. Im Kölner Altenzentrum Sankt Maternus können Bewohner eine 3-D-Brille aufsetzen und einen virtuellen Rundgang durch den Kölner Dom machen: Für Menschen, die nicht mehr mobil sind, ist das ein willkommener Ausflug.

Mit den Folgen des digitalen Wandels für die soziale Arbeit setzt sich auch die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbands auseinander, die Verbandspräsident Peter Neher am Mittwoch in Berlin vorstellte: "Soziale Arbeit braucht auch digitale Zugänge, Tools und Möglichkeiten, um umfassend nah bei den Menschen zu sein." Neher wies darauf hin, dass derzeit die Online-Beratung der Caritas neu gestaltet werde: "Es wird eine digitale Beratungsplattform mit hohen Sicherheitsstandards aufgebaut, die den Ratsuchenden einen selbstbestimmten und fließenden Wechsel zwischen Mail, Chat, Sprachnachricht, Telefon und Face-to-Face ermöglicht." Dabei geht es auch darum, die Online-Beratung als vollwertigen Beratungskanal besser mit der Präsenzberatung zu vernetzen und so einen offenen Zugang zum Beratungsangebot der Caritas zu schaffen.

Zudem will sich die Caritas in die Debatte über mögliche Gefahren der Digitalisierung einschalten. Es müsse bedacht werden, wie die sich "materiell, psychosozial und spirituell" auswirke: "Was bedeuten zentrale ethische Begriffe wie Freiheit, Unverfügbarkeit und Selbstbestimmung angesichts von Algorithmen, die Menschen kategorisieren und bewerten, ohne dass diese davon wissen?"