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09. Februar 2012

"Wie die Kammern heute aussehen weiß niemand"

BZ-INTERVIEW: Stefan Alt vom Öko-Institut berichtet über den Zustand des maroden Atomendlagers Asse.

  1. Stefan Alt, Öko-Institut Foto: Öko-Institut

  2. Stefan Alt, Öko-Institut Foto: Öko-Institut

Im maroden Atomendlager Asse lagern rund 126 000 Fässer schwach- und mittelradioaktiver Müll, aus den 60er und 70er Jahren. Der Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz, versprach bereits vor zwei Jahren, die Behälter zu bergen. Seither zieht sich das Verfahren. Sebastian Kaiser sprach mit Stefan Alt vom Öko-Institut.



BZ:
Herr Alt, wie sieht es momentan in den Lagerkammern der Asse aus?
Alt: Es gibt Aufstellungen darüber, wie die Kammern aussahen, bevor sie verschlossen wurden, also über den Zustand Ende der 70er Jahre. Die Fässer lagern dort teilweise liegend oder stehend. Andere sind einfach hineingestürzt worden. Wie die Kammern heute aussehen, weiß niemand genau. Auf den Kammern lastet Druck, so dass sie mit der Zeit zusammengedrückt werden. Dieser Druck hat sich sicherlich auch auf die Abfälle ausgewirkt.
BZ: Das Bundesamt für Strahlenschutz will nach wie vor alle Fässer aus der Asse bergen. Wie realistisch ist die sogenannte Rückholung aus ihrer Sicht?
Alt: Zunächst einmal ist dies eine Frage der technischen Umsetzung und des Aufwands, der betrieben wird. Vorstellungen von früher, dass die Abfälle in einigermaßen greifbaren Zustand, die Kammern gut zugänglich und die Bergung logistisch einfach zu meistern sein wird, sind überholt. Heute sieht man alles ein wenig anders. Es ist eine technische Herausforderung, die sicherlich lösbar wäre, wenn man den entsprechenden Aufwand betreibt . . .

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BZ: . . . und genügend Zeit zur Verfügung hätte.
Alt: Richtig. Das ist die andere Seite der Medaille. Das Bergwerk ist nur noch bedingt stabil. Die Hohlräume unter Tage sind in Bewegung. Vor allem in den Bereichen, die die Arbeitssicherheit betreffen. Die große Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, das Bergwerk in einem stabilen Zustand zu halten, so dass sich die Arbeiter dort unten sicher bewegen können.
BZ: Wie muss man sich so eine Bergung vorstellen? Ist dies tatsächlich noch Handarbeit, die von Arbeitern ausgeführt wird?
Alt: Das Konzept sieht eigentlich vor, dass man die höher strahlenbelasteten Arbeiten automatisch ausführen will. Seinerzeit wollte man dies mit Hilfe von Robotern und vollautomatischen Maschinen tun. Das Problem an der Sache ist, dass es diese Maschinen nicht gibt. Die müsste man erst entwickeln und bauen. Dort unten wird also eine Menge Handarbeit und Manpower gefordert sein, die man jedoch allein schon aus Strahlenschutzgründen minimieren muss. Der Schutz der Arbeiter dort unten ist keine triviale Aufgabe. Gefragt ist eine sehr komplexe Arbeitsschutzleistung.
BZ: Wie lange wird es aus Ihrer Sicht dauern, bis die Asse geräumt sein wird?
Alt: In einem internen Memorandum des Bundesamts für Strahlenschutz, das kürzlich an die Öffentlichkeit gedrungen ist, wird kritisch angemerkt, dass es in dem derzeitigen Tempo viel zu lange dauern wird. Da reden wir von einem Zeitraum von etwa 50 Jahren, bis die Abfälle geborgen sein werden. Allerdings gelten ab 2020 die gebirgsmechanischen Prognosen nicht mehr. Es gibt also keinen Gutachter, der die Verantwortung dafür übernehmen würde, dass die Grube auch nach 2020 stabil ist. Es wäre allerdings blauäugig zu denken, dass die Asse bis dahin geräumt sein wird. Es müssen technische Maßnahmen getroffen werden, um das Bergwerk darüber hinaus zu stabilisieren, was derzeit auch geschieht. Irgendwann nach 2020 muss die Rückholung dann vollbracht sein.

Autor: kai