Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Juni 2012

Bahnverkehr

Johannes Gräber: „Wir beschaffen seit langem nur noch leise Wagen“

BZ-INTERVIEW mit Bahn-Projektleiter Johannes Gräber über den Testzug Europe-Train und die Entwicklung neuer Bremsen.

Seit mehr als einem Jahr rollt ein Testzug durch Europa, zusammengesetzt aus Wagen europäischer Bahnen, von denen die meisten mit lärmreduzierten Bremssystemen ausgerüstet sind, andere dienen zum Vergleich. Franz Schmider sprach darüber mit Projektleiter Johannes Gräber.

BZ: Was erhoffen Sie sich von dem Experiment Europe-Train?
Gräber: Grundsätzlich stehen wir vor dem Problem, dass das herkömmliche Bremssystem die Räder aufraut und beim Rollen dann ein hoher Lärmpegel erzeugt wird. Beim Einsatz einer Kunststoffsohle hingegen bleibt das Rad glatt.
BZ: Aber das wissen Sie doch schon.
Gräber: Ja. Aber wir haben nun zwei Technologien, die K-Sohle, die sich vor allem für den Einbau in Neufahrzeugen eignet, sowie die LL-Sohle, die besser für das Nachrüsten alter Wagen geeignet ist. Um diese LL-Sohle in ganz Europa zulassen zu können, sind noch einige Untersuchungen nötig. Die Europa-Zulassung ist nötig, weil alle Güterwagen in ganz Europa unterwegs sind. Mit dem Europe-Train sammeln wir die nötigen Daten.

Werbung

BZ: Wie läuft der Versuch?
Gräber: Wir fahren mit dem Zug mit seinen 32 Wagen bei sehr hohen Temperaturen in Südfrankreich und bei extrem niedrigen Temperaturen in Nordschweden, wir fahren Gefällstrecken in den Alpen und quer durch Deutschland, wo wegen der hohen Verkehrsdichte sehr viel häufiger gebremst werden muss, wir fahren mit leeren und beladenen Wagen. Es ist eben ein Praxistest mit 200 000 gefahrenen Kilometern, eineinhalb Jahre lang. In der Werkstatt vermessen wir dann die Räder. Daraus lesen wir ab, wie sie abrollen und verschleißen. Darauf kommt es bei diesem Versuch im Wesentlichen an.
BZ: Warum der Aufwand, die K-Sohle ist doch zugelassen? Die Bahn hat mehr als 7000 Wagen im Einsatz.
Gräber: Das stimmt. Aber Güterwagen sind langlebige Wirtschaftsgüter und bis zu 40 Jahre unterwegs. Wir, die DB, beschaffen seit langem nur noch leise Wagen. Aber einige wenige alte Wagen in einem Zug können den Effekt von vielen neuen, leisen Wagen in der Wahrnehmung kaputtmachen. Also müssen wir etwas finden, mit dem man älteren Wagen – nicht nur die der DB – nachrüsten kann.
BZ: Das heißt, sie haben eine Technik für die Zukunft, das ist die K-Sohle, und entwickeln jetzt eine zweite, von der Sie wissen, dass sie nur für den Übergang ist?
Gräber: Das klingt paradox, wenn man den Aufwand betrachtet, den wir betreiben, aber genau so ist es. Aber wenn wir bis 2020 den Lärm halbieren wollen, müssen wir dieses Thema für die Bestandsflotte zwingend vorantreiben.
BZ: Das Experiment ist das eine, bis wann werden die Anwohner von Güterstrecken etwas von der Technik haben?
Gräber: Wir wollen den Test noch in diesem Jahr abschließen und eine Empfehlung für die internationale Zulassung aussprechen. Danach sind die europäischen Verbände am Zug, die die Zulassung formal im nächsten Jahr bestätigen können.

Mehr zum Thema:

Autor: fs