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10. August 2015

Alexander Glasunow zum 150.

ANGERISSEN: Ein Komponist aus Europa

Es ist auch eine traurige Folge der neuen politischen Eiszeit zwischen dem Westen und dem Osten, dass die Bedeutung der russischen Kultur als einer europäischen wieder einmal vollkommen aus dem Blick gerückt ist. Wer kann aus dem Stand drei russische Komponisten aus dem Stand nennen...? Meine erste Begegnung mit Alexander Glasunow fand in einem Plattenladen des ehemaligen Ostblocks statt: Auf einer Langspielplatte des sowjetischen Staatskonzerns Melodia dirigierte Jewgenij Swetlanow Konzert- und Ballettwalzer des Komponisten aus St. Petersburg. Ich war fasziniert von der Anmut und Grazie einer Musik, bei der man ein bisschen an Tschaikowsky denkt, deren Handschrift aber verträumter wirkt.

Ich war in guter Gesellschaft. Der auf den Tag vor 150 Jahren geborene Glasunow nahm schon in ganz jungen Jahren für sich ein. Die 1882 uraufgeführte erste Sinfonie des gerade 16-Jährigen soll den zehn Jahre älteren Kollegen Anatoli Ljadow zum Ausruf verleitet haben: "Was ist das nun? Dieses Bürschchen hat uns alle in die Tasche gesteckt." Zwei Jahre darauf begeisterte das "Bürschchen" in Weimar den großen Franz Liszt, der, Jahrgang 1811, nun aus einer ganz anderen Zeit stammte.

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Ähnliches widerfuhr auch dem Verlegersohn Glasunow viel später: Als er 1936 in Paris starb – 1928 hatte er die Sowjetunion für immer verlassen –, war die Welt eine vollkommen andere. Seine Musik aber blieb, beeinflusst von nahezu allen russischen Komponisten seiner Zeit, von Balakirew bis Tschaikowsky, der Kontinuität der Romantik verhaftet. Dass ihn seine – wenigen – Kritiker abwechselnd als zu "akademisch" oder "modernistisch" empfanden, spricht für seine Vielseitigkeit. Andere wieder schätzen den Lehrer Schostakowitschs als Pädagogen. Über zwei Jahrzehnte war er Direktor des Petersburger Konservatoriums, er, der nie ein Konservatorium besucht hatte.

Ein großer Komponist aus Russland? Sicher. Aber auch ein großer Europäer. Wer sich ihm nähern möchte, dem seien sein Violinkonzert a-Moll, seine sinfonische Dichtung "Stenka Rasin", seine erste und zweite Sinfonie oder seine drei so feinsinnigen Ballettmusiken "Raymonda", "Ruses d’amour" und "Jahreszeiten" empfohlen. Und auch wenn er zusammen mit Rimski-Korsakow Borodins unvollendet gebliebene Oper "Fürst Igor" vervollständigte – als Symphoniker dachte er in der Regel weit über die Grenzen seines Landes hinaus. Menschen wie ihn bräuchte es.

Autor: adi