Aus der Stadt für die Stadt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 17. September 2014

Theater

BZ-INTERVIEW mit dem Freiburger Leitungsteam des Festivals "Politik im Freien Theater", einer der wichtigsten deutschsprachigen Veranstaltungen der Freien Szene.

Heute beginnt der Vorverkauf für das 9. Festival Politik im Freien Theater, das vom 13. bis zum 23. November in Freiburg stattfindet. Dass die Stadt an der Dreisam von der Bundeszentrale für politische Bildung auserkoren wurde, Gastgeberin eines der wichtigsten deutschsprachigen Festivals der Freien Szene zu sein, gereicht der Stadt und ihrer Kulturpolitik zur Ehre – und mag Ansporn sein, die freie Szene mehr zu unterstützen. Über das Festival und sein Programm sprach Bettina Schulte mit den Kuratoren Jutta Wangemann vom Theater Freiburg, Sonja Karadza vom Theater im Marienbad und Wolfgang Herbert vom E-Werk.

BZ: Was ist die Grundidee des Festivals?
Wangemann: Das Festival bietet alle drei Jahre eine Plattform für innovative Produktionen der professionellen freien Szene, die auf künstlerischem Weg Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen beziehen. Dazu präsentiert es unter einem inhaltlichen Schwerpunkt 15 ausgewählte Gastspiele aus dem In- und Ausland.
BZ: Und das im Crossover-Verfahren: Die freie Szene präsentiert sich auch in den Räumen des Stadttheaters?
Herbert: Es entstehen in der freien Szene längst Produktionen, die größere Räume brauchen. Die Trennung ist nicht mehr so klar.
Wangemann: Dem Festival geht es zentral um eine gemeinsame städtische Öffentlichkeit. Wir haben großen Spaß an dem Spagat zwischen Dreispartenhaus, freiem Kulturzentrum und Kinder- und Jugendtheater.
BZ: Wenn vor Ort geplant wird, kann ein Festival aus dem Umfeld herauswachsen.
Wangemann: Die Idee der Bundeszentrale ist tatsächlich, ein Festival aus einer Stadt für eine Stadt zu entwickeln.
BZ: Das Festival trägt den Begriff Politik im Titel. Wie ist Politik hier gemeint?
Wangemann: An den Arbeiten interessieren uns nicht nur, ob sie von den Bedingungen, Funktionsweisen und Visionen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens handel
n, sondern auch, ob eine Produktion selbst eine politische Handlung darstellt. Theater sind öffentliche Orte, in denen die Gesellschaft in der Gegenwart über ihre Gegenwart reflektiert: Im Theater verhandeln wir miteinander darüber, wie wir leben wollen. Theater sind als konsumfreie Zonen die analogsten Orte der Gegenwart.
Karadza: Die Festivalidee ist aus der Frage entstanden: Wie kann man mit einem anderen Medium politische Bildung betreiben? Für unsere Programmauswahl hat eine achtköpfige Jury 250 Inszenierungen gesichtet. Der Schwerpunkt lag auf dem deutschsprachigen Theaterraum. Wir zeigen aber auch internationale Produktionen.

BZ: Das Festival trägt das Motto "Freiheit": Worauf spielt dieser große Begriff konkret an?
Wangemann: Er spielt auf die ambivalente Situation an, in der wir uns befinden. In Mitteleuropa genießen wir viele Freiheiten. Zugleich werden wir mit neuen Unfreiheiten konfrontiert: Die digitale Revolution führt zur Überwachung, in der Leistungsgesellschaft kippen freiheitliche Errungenschaften in neue Ausschlusskriterien um. Gleichzeitig kämpfen Flüchtlinge an den Außengrenzen Europas um Werte, von denen wir schon nicht mehr wissen, was sie bedeuten. Freiheit ist ein Kampf- und Werbebegriff unserer Zeit: Was sind seine Versprechen, was bedeutet dieser extrem schillernde Begriff, der auch von Menschen verwendet wird, die einem etwas verkaufen wollen. Und wer beeinflusst meine Entscheidungen? Auf diesem Feld bewegt sich unser Nachdenken beim Festival über "Freiheit".
"Freiheit ist ein Kampf- und Werbebegriff unserer Zeit."

Jutta Wangemann
Herbert: Wenn man über den Begriff Freiheit und über politisches Theater spricht, denkt man schnell an Textlastigkeit. Die eingeladenen Künstler verwenden aber die verschiedensten künstlerischen Mittel, sie arbeiten auch ohne Worte.

BZ: Politische Aussagen sind also nicht unbedingt an Sprache gebunden.
Wangemann: Der Körper ist der Austragungsort von Politik. Am Körper spüre ich, ob ich frei oder unfrei bin. Die Tanzproduktion "More than Naked" etwa fragt danach, was passiert, wenn wir unsere Kleidung ablegen. Menschen entdecken mit großer Freude ihren Körper: ein Abend von ansteckender Vitalität.

BZ:
Um kritische Aufklärung im klassischen Sinn geht bei diesem Festival offenbar weniger.
Wangemann: Es geht um Erfahrungen, nicht um Belehrung.
Karadza: Und auch um Rückkopplung. In der Produktion "Dear Moldava, can we kiss just al little bit?" erzählen Experten des Alltags von ihrer eigenen, in Moldawien verpönten und unterdrückten Homosexualität. Dabei denkt man als Zuschauer automatisch auch an die eigene sexuelle Selbstbestimmung.

BZ.
Es gibt sehr bekannte Namen und Produktionen, von denen man noch nie gehört hat.
Karadza: Die Mischung ist uns wichtig.
Wangemann: Einen großen Namen wie Rimini Protokoll haben wir eingeladen, weil sie die Freiheitsproblematik ungeheuer präzise auf den Punkt bringen. "Qualitätskontrolle" ist der Monolog einer jungen Frau, die seit einem Sprung in ein Wasserbecken vom Hals an gelähmt ist. In größter Abhängigkeit weitet sich ein Raum der Freiheit. Man kommt unheimlich ermutigt aus diesem Abend heraus. Denn man hat ein Plädoyer fürs Leben gehört.
BZ: Jetzt haben Sie zwei Abende geschildert, aus denen man beschwingt herausgeht. Gibt es auch Abende, die einen bedrückt zurücklassen?
Wangemann: Bedrückt, na ja. Die theatrale Form verwandelt ja auf wunderbare Weise den Ernst des Themas. Zu nennen wäre vielleicht der Dokumentarabend "Frontex Security", der die Sicherung von Europas Außengrenzen durch eine private Agentur thematisiert und sich dabei deren Sicht zu eigen macht.
Karadza: Oder Béla Pintérs "Unsere Geheimnisse": Ein Mann wird von der ungarischen Staatssicherheit wegen seines dunklen Geheimnisses zur Mitarbeit erpresst und geht daran zugrunde. Auch "Morning" vom Jungen Theater Basel ist herausfordernd. Es geht um ein 17-jähriges Mädchen im Bermudadreieck zwischen Erotik, Gewalt und Langeweile. Was passiert, wenn ich im komplett luftleeren Raum gelassen werde? Wo sind die Grenzen der Freiheit? Gibt es etwas, an das ich glauben kann? Ich finde diese Aufführung extrem wichtig, weil Jugend eine unserer größten Grenzerfahrungen ist.

BZ:
Das Festival wird im Großen Haus eröffnet. Ein Statement?
Herbert: Es war uns wichtig, mit einer großen gemeinsamen Aufführung zu starten. "Sfumato" auf der Großen Bühne – die mit diesem Abend übrigens nach den Umbauarbeiten zum ersten Mal bespielt wird – ist schrecklich-schönes Bildertheater über die Gefährdungen der Welt. Der Text, der diesem dokumentarischen Tanztheater zugrunde liegt, ist aus Interviews entstanden – mit Menschen, die umgesiedelt wurden oder Naturkatastrophen erlebt haben. "Esso Häuser Echo" auf dem Theatervorplatz ist entstanden im Widerstand gegen den Abbruch der Esso-Häuser in St. Pauli, einer Enklave in einem gentrifizierten Stadtteil. Es geht nicht darum, die Häuser zu erhalten, sondern zu retten, was an lebenswertem und bezahlbarem Leben in St. Pauli noch zu retten ist. Er ist ein Aufruf, sich einzumischen. Wir zeigen diesen Abend, begleitet von einem Film, auch im E-Werk.
Wangemann: Hier geht es um die Frage: Wem gehört die Stadt? Das Festival schlägt einen großen Bogen: von der globalen Perspektive bis zu persönlichen Geschichten wie sie zum Beispiel in Milo Raus "Civil Wars" verhandelt werden: Und wir landen am Ende im digitalen Raum, wo sich Öffentlichkeit und Privatheit völlig neu definieren.
Karadza: "Anonymous P." ist eine Installation, die die Zuschauer mit ihren Smartphones einbezieht. Wir bekommen mit Hilfe einer kleinen Crew von Hackern vorgeführt, was unser Handy macht, während wir im Theater sind. Das ist zum Ende des Festivals noch einmal ein dezidiert aufklärerischer Abend.