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19. November 2008

Russische Erde – in Hessen

"Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren": Eine Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe.

Die Verbindungen zwischen Darmstadt und Russland, besonders Moskau und St. Petersburg, waren einst dynastisch eng. Augenfällig wird das heute wieder, wenn man die Darmstädter Mathildenhöhe gewissermaßen durch den Hintereingang vom Olbrichweg her betritt. Der Anblick der vor vier Jahren restaurierten russischen Kapelle hinterlässt mit ihren leuchtend goldenen Zwiebeltürmen einen unauslöschlichen Eindruck. Erbaut wurde die Kapelle auf der Mathildenhöhe 1897, ein Jahr nach den Krönungsfeierlichkeiten. Zar Nikolaus II., der 1894 Prinzessin Alix von Hessen geheiratet hatte, wollte mit seinem Gefolge während seiner Besuche in Darmstadt nicht auf geistlichen Beistand verzichten. Für den Bau war eigens Erde aus allen russischen Gouvernements herbeigeschafft worden.
Die verwandtschaftlichen Bande bieten Anlass genug für das Institut Mathildenhöhe, eine Übersichtsschau der russischen Kultur unter dem Titel "Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren" zu zeigen.

Das kollektive Gedächtnis wird aufgefrischt

Die Ausstellung zeichnet das Bild eines imperialistischen, tief religiösen, mythologisch-folkloristischen und patriotischen Russlands. Das gezeigte Material reicht von Reklameschildern für Singer-Nähmaschinen über die Speisekarte des Krönungsdiners, Schmuckstücke und mit Edelstein besetzte Weingefäße, über Majolika-Figuren in den Volkstrachten sämtlicher im russischen Reich beheimateter Ethnien, Möbelstücke mit reichen Schnitzereien und Bemalungen, Märchenbücher, illustriert von Iwan Bilibin, Architekturzeichnungen von Fjodor Schechtel, symbolistisch-mythologische Gemälde und Keramiken von Michail Wrubel und Wiktor Wasnezow bis zu den avantgardistischen Kostümzeichnungen Kasimir Malewitschs und Natalija Gontscharowas, den Filmen "Panzerkreuzer Potemkin" und "Oktober" von Sergej Eisenstein, historischen Filmaufnahmen, Fotografien und Musikeinspielungen.

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Die Vielfalt ist in der Tat beträchtlich. Das geht zu Lasten der Bewertung. So kommt das avantgardistische Kunstschaffen beispielsweise zwar vor, wird aber in seiner eigentlichen, revolutionierenden Bedeutung nicht herausgestellt. Das Ziel der Schau, umfassende Vielfalt zu zeigen und "das Russland des letzten Zaren in all seiner Komplexität" (Institutsdirektor Ralf Beil im Vorwort des umfangreichen Kataloges) lebendig werden zu lassen, wird zugleich zur Krücke der Ausstellung. Beeindruckend ist sie trotzdem. Die Präsentation folgt einer inneren Logik von Raum zu Raum, die auf den formalen Eigenheiten beruht. Die Einflüsse des Jugendstils zeigen sich in den wundervoll ornamentalen Architekturzeichnungen genauso wie an den Möbelschnitzereien oder den Märchenillustrationen und den Gemälden.

Manche der insgesamt 300 Exponate von 19 Leihgebern haben Russland noch nie zuvor verlassen, wie zum Beispiel Wasnezows über 14 Meter breites Gemälde "Freude der Gerechten über den Herrn. Vor dem Paradies" aus der Staatlichen Tretjakow-Galerie. Um das Werk überhaupt auf Reisen über die Ostsee schicken zu können, musste es erst restauriert werden. Einen Sponsor konnte die Tretjakow-Galerie selbst auftreiben zur Entlastung des Instituts Mathildenhöhe .

Eine derartige Ausstellung ist keine Selbstverständlichkeit. Es bedarf einer großen Anstrengung und eines festen Willens – in diesem Fall auch über die Georgien-Krise hinweg –, zusammenzuarbeiten. Die Schau ist keine Wanderausstellung, sie wird nur in Darmstadt gezeigt und würde wegen der engen dynastischen Beziehungen auch nirgendwo anders funktionieren.

Das Problematische an der Ausstellung: Sie führt nur vor und bietet keine Auseinandersetzung. Kritische Distanz, Einordnung in die heutige Zeit, die durchaus Fragen aufwerfen würde, fehlen. Bekanntlich wurde die gesamte Familie des Zaren 1918 in Jekaterinburg exekutiert und die Gebeine der Ermordeten wurden erst lange nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1998 in der Fürstengruft der Romanovs in St. Petersburg bestattet. Gerade kürzlich, Anfang Oktober dieses Jahres, rehabilitierte der russische Oberste Gerichtshof den Zaren und seine Familie. Wenn nun eine Ausstellung die letzten zwanzig Jahre des Zarenreiches aufleben lässt, wird das kollektive Gedächtnis aufgefrischt, aktualisiert. Aber gilt es denn wettzumachen, was 70 Jahre real existierender Kommunismus kaputtgeschlagen haben? Gilt es, eine gute alte Zeit wieder aufleben zu lassen? Oder will man sich in krisengeschüttelten Zeiten an dem Alten, Sicheren, Prunk und Wohlstand zur Schau Stellenden festhalten können? Sicher wäre eine derartige Ausstellung bis vor kurzem undenkbar gewesen.

– Institut Mathildenhöhe, Olbrichweg 13, Darmstadt. Bis 1. Februar, Di bis So 10–18, Do bis 21 Uhr.

http://www.mathildenhoehe.eu

Autor: Susanne Ramm-Weber