"Das ist kluge Verfremdung"

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 14. April 2015

Theater

DOKUMENTARTAGE I: Kafka mit Samuel Koch und Roland Lang.

Hierzulande wurde Samuel Koch durch den Unfall bei "Wetten, dass ..?" im Dezember 2010 auf tragische Weise bekannt. Inzwischen hat der in Efringen-Kirchen aufgewachsene 27-Jährige, der seit dem Unfall querschnittsgelähmt ist, eine Schauspielausbildung abgeschlossen und gehört zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt. Mit einer Kafka-Adaption gastiert er bei den Basler Dokumentartagen. Michael Baas hat beim künstlerischen Leiter Boris Nikitin nachgefragt.

BZ: Herr Nikitin, wie sind Sie auf Samuel Koch und das Stück gestoßen?
Nikitin: Durch Zufall. Ich habe ein zwölfminütiges Tryout des Stücks von Samuel Koch und Robert Lang beim Schauspielschultreffen in München gesehen. Ich fand es eine außergewöhnliche, intelligente Arbeit und habe spontan gedacht, dass sie eine interessante Position in den Dokumentartagen einnehmen wird.
BZ: … und was hat Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie" mit dokumentarischen Formen zu tun?
Nikitin: Die Produktion ist eine Verschmelzung von Fiktion und Wirklichkeit. Das Dokumentarische findet in den Köpfen des Publikums statt. Es ist Kafkas Text, aber dieser überblendet sich mit dem Wissen um Kochs Biografie und der Geschichte seines Unfalls. Ein paradoxer Abend: Er ist dokumentarisch, aber ausschließlich mit Kafkas Worten. Gerade darum geht es mir: Ich will den Dokumentarbegriff aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten und auch strapazieren. Kochs und Langs Interpretation von Kafkas Text eignet sich hierfür besonders.
BZ: Warum?
Nikitin: Durch dieses Schillern zwischen fiktivem Kafka-Text und Wirklichkeit. Die beiden Schauspieler spielen einen Affen, der dem Publikum erzählt, wie er bei seiner Gefangennahme angeschossen wird und seither Schwierigkeiten mit dem Laufen hat; wie er durch die Varietés getingelt ist und sich dort "zum Affen" gemacht hat. Man kommt nicht umhin, diesen Text immer wieder auf Kochs eigene Unfallgeschichte und auf die Live-Situation in der Aufführung selbst zu beziehen. Das ist mutige Ironie. Zudem ist dieser Affe virtuos von Lang und Koch gespielt. Es ist für mich eine sehr reflektierte Arbeit über die Rolle als öffentliche Person und über mediale Aufmerksamkeit. Da werden das Dokumentarische und der Begriff der Öffentlichkeit vielschichtig beleuchtet. Das ist kluge Verfremdung und Aktualisierung zugleich und zeigt neue Dimensionen für dokumentarische Formen.

– "Ein Bericht für eine Akademie", Sonntag, 19. April, 18.30 Uhr, Roxy Birsfelden, Tickets: http://www.theater-roxy.ch

Boris Nikitin (35) wuchs in Basel auf, studierte in Gießen angewandte Theaterwissenschaft, arbeitete dann an der Berliner Volksbühne, lebt nun wieder in Basel und organisiert dort zum zweiten Mal die Dokumentartage "It’s The Real Thing"
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