Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Dezember 2014

Der Klang des Wassers

Schostakowitsch und Novitäten von Bedrossian und Dean: Das SWR-Sinfonieorchester und sein Chef François-Xavier Roth in Freiburg.

Musik kann alles. Sie kann nur sich selber genügen. Sie kann ökologisch argumentieren. Und sie kann politisch agitieren. Das waren jedenfalls die drei Spielarten, die das SWR-Sinfonieorchester und sein Chef François-Xavier Roth in traumhafter Verfassung und unter stärkster Zustimmung im Freiburger Konzerthaus präsentierten.

"Itself" heißen die 20 Minuten, für die der Franzose Franck Bedrossian (43) 2012 in Donaueschingen den Preis des Orchesters entgegennahm: ein großbesetztes Stück von extremer Komplexität. Ein Stück auch, das zwischen Geräusch und Klang eine Fülle diffizilster Techniken und einen eminenten Farbenreichtum auffährt. Vom pianissimo zum fortissimo, von der Bassregion zum Diskant klingelt, klöppelt, raschelt und rauscht es. Musik, die in ihr eigenes Inneres hineinlauschen und vehement auftragen, ja, Züge des Orgiastischen annehmen kann. "Gesättigte Musik" nannte das der Komponist selber. Und so sehr man auch nach Assoziationen sucht: Musik, die nichts will als sie selber sein – itself eben.

Als Ökologe tritt der Australier Brett Dean (53) in seiner "Water Music" von 2004 auf. Der Part des aufs Neue fabelhaften Raschèr Saxophone Quartet ist ins Orchester eingebettet, steuert ein zusätzliches Kolorit bei. Christine Rall, Elliot Riley, Andreas van Zoelen und Kenneth Coon schweigen nur, wenn im letzten der drei Sätze die "Verdorrte Erde" beschworen wird. Die Abwesenheit des Wassers bezeugt da dessen lebenserhaltende Wichtigkeit. Der Titel "Blubbern" steht nicht umsonst überm Kopfsatz. Es plätschert und tropft allenthalben, mal ganz naturalistisch, meist aber vom Instrumentarium täuschend "echt" gemalt. Mit den Wellen eines Sees verfährt Dean ebenso. Und Stromschnellen dürfen im haarsträubend virtuosen Mittelteil erkannt werden: phantasievoll gefügte Bildmusik, die kompakt erscheinen und sich zugleich in die äußerste Hektik stürzen kann. Post-Avantgarde, wie sie im Buche steht, und das Quartett als "Supersolist".

Werbung


Tönende Politik vollends: die ungemein spannungsgeladene Darstellung der zehnten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, in der tumultuösen Aufgipfelung wie in der atemversetzenden Versenkung schlichtweg phänomenal. Wer immer – und meist vorübergehend – die Deutungshoheit über das lange kontrovers diskutierte Werk hatte: Unterdessen können die Verfechter der These triumphieren, der Komponist habe sich 1953, im Todesjahr Stalins, den Rochus über den Diktator von der Seele geschrieben. Der brutale, auch groteske Scherzo-Stechschritt, der gehetzt und schrill hervorgestoßene Stampf-Rhythmus dürfte tatsächlich das Porträt Stalins als eines Wahnsinnigen entwerfen.

Und wenn das sinfonische Drama schließlich in ein Hoffnungsfinale umkippt und Schostakowitschs Namens-Motto in der Tonfolge d – es – c – h sich kämpferisch und fast schon penetrant behauptet und einen fast schon aggressiven Optimismus verbreitet, dann kulminiert eine Wiedergabe, die beides schafft: die langsame Innenschau zum Zerreißen zu dehnen und im sieghaften Aufatmen grell-unaufhaltsam voranzupeitschen. Grandios.
– SWR 2 sendet das Konzert am 24. April um 20.03 Uhr.

Autor: Heinz W. Koch