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04. November 2013

Der verkannte politische Denker

Eine Freiburger Tagung zum 300. Geburtstag Denis Diderots.

  1. Denis Diderot (Gemälde von Louis-Michel van Loo) Foto: Wikipedia

Denis Diderot hatte viele Facetten. Er war unter anderem Schriftsteller, Kunstkritiker, Übersetzer und Theaterautor. Doch trotz seines Genies genoss er nie den gleichen Ruhm wie seine Zeitgenossen Voltaire und Rousseau. Für viele ist er hauptsächlich der Mitherausgeber der ersten "Enzyklopädie", deren Schaffung er 20 Jahre seines Lebens widmete. Doch sein politisches Denken ist bis heute unterschätzt.

Genau diese vergessene Facette stand im Mittelpunkt der Tagung "Diderot und die Macht" im Freiburger Frankreichzentrum. Eingeladen hatte Isabelle Deflers, Akademische Rätin am Historischen Seminar der Universität Freiburg, zwei Gäste aus Frankreich: Gerhardt Stenger, Professor an der Universität Nantes und Autor einer vor kurzem erschienenen Biografie über Diderot, und den Historiker Michel Kerautret. An ihrer Seite der Romanist Thomas Klinkert von der Universität Freiburg und drei Spezialisten der Neueren Geschichte: die Freiburger Akademiker Theo Jung und Martin Faber und Sven Externbrink von der Universität Heidelberg.

Diderots politisches Denken zu fassen, ist keine einfache Aufgabe. Man muss vor allem Fragmente rekonstruieren, denn im Gegenteil zu Rousseau, der im "Contrat Social" seine Thesen zusammenfasste, hinterließ Diderot kein politisches Werk. Er schrieb zwar sehr viel, aber verstreute seine Ideen in zahlreichen Schriften, die er mit diversen Pseudonymen zeichnete, wenn er sie überhaupt mit einem Namen markierte. So wurden oft seine Beiträge erst Jahre nach seinem Tod bekannt. Ein Beispiel ist die "Histoire des deux Indes" ("Die Geschichte beider Indien"), damals eine der meistgelesenen Schriften der französischen Aufklärung, mit der sich Stenger auseinandersetzte. Sie ist dem Schriftsteller Guillaume-Thomas de Raynal zugeschrieben. Ursprünglich wurde er von den französischen Behörden beauftragt, ein Porträt des französischen Handels in Übersee zu schreiben. Doch 1780 wird der Text zensiert, denn das Buch hatte sich schnell in ein antikoloniales Pamphlet verwandelt. Dabei kritisiert der Autor kraftvoll den Sklavenhandel, der von den europäischen Kolonialmächten wie Frankreich und Großbritannien skrupellos in der Neuen Welt betrieben wird. Warum diese unerwartete aufständische Wendung in de Raynals Text? Diderot hat damit einiges zu tun. Jahre nach seinem Tod wurde bewiesen, dass er gut ein Drittel des Textes verfasst hatte.

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Fragen stellen und

keine Lösungen vorschreiben

Das Engagement Diderots für die Unterdrückten ist nicht nur in der "Geschichte beider Indien" zu entdecken. Besonders prägend in seinem Werk ist seine Abneigung gegen jede Form von Despotismus. Nicht zu vergessen ist, dass Diderot mitten im 18. Jahrhundert lebte, als man auf dem europäischen Kontinent noch nicht von Staaten sprach. Damals bestimmten vor allem Kriege und Allianzen zwischen Monarchen das politische Zeitgeschehen. Dass Diderot den Absolutismus kategorisch ablehnte, ist nicht erstaunlich. Als flammender Anhänger der Unterdrückten warnte er aber auch vor den sogenannten "aufgeklärten Monarchen" und vor allem ihrer Verführungskraft. "Die willkürliche Regierung eines gerechten und aufgeklärten Fürsten ist immer schlecht" urteilt er 1774 in der "Refutation d’Helvétius". Hauptziel seiner Kritik ist Friedrich der Große, wie Isabel Deflers in ihrem Vortrag aufzeigte. Den Kunstliebhaber und Philosophenmonarch, wie er sich selbst gerne bezeichnen ließ, hielt Diderot für einen aggressiven Despoten und unerbittlichen Eroberer, dessen Angriff 1756 auf Schlesien einen der wichtigsten Konflikte dieser Zeit mit auslöste: den Siebenjährigen Krieg.

Dass Diderot nur sporadisch Stellung zum Zeitgeschehen nahm und kein vollendetes Werk zur Politik schrieb, lässt sich auch durch seine Philosophie erklären. Als Aufklärer will er Fragen stellen und keine Lösungen vorschreiben. Die Antworten darauf hat der aufgeklärte Leser selbst zu finden. Auch sein literarisches Schaffen beruht auf diesem Postulat. In seinem Roman "Jacques le Fataliste", den Thomas Klinkert unter die Lupe nahm, stellt Diderot die Machtposition des Erzählers deutlich in Frage und revolutionierte damit das Genre des Romans. Dadurch vermittelte der Philosoph eine seiner wichtigsten Botschaften: Die Macht, egal welche Form sie annimmt, ist nie endgültig etabliert und muss, wenn sie Unrecht ist, bekämpft werden. Diderot schrieb an "Jacques le Fataliste" bis zu seinem Tod 1784, knapp fünf Jahre vor dem Beginn der französischen Revolution.

ZUR PERSON: DENIS DIDEROT

Der Sohn eines Messerschmieds aus Langres, Jahrgang 1713, war Autodidakt. Als Denker, Herausgeber und Autor der französischen "Encyclopédie" spielte er eine wichtige Rolle für die Aufklärung. Neben philosophischen Abhandlungen strebte er eine Reform des Dramas an. Auch Diderots (kleine) Erzählungen und – mitunter erotiscne – Romane nehmen in ihrem Zeitalter eine zentrale Rolle ein.  

Autor: BZ

Autor: Laure Wallois