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17. April 2010

Der verliebte Frauenhasser

Als der junge Philosoph in Venedig die Liebe erfuhr: Christoph Poschenrieders schöner Schopenhauer-Roman "Die Welt ist im Kopf".

Arthur Schopenhauer hat einen Ruf als grimmiger Menschen- und Frauenhasser zu verteidigen. Die Welt war ihm ein Ort der Schmerzen und bitteren Enttäuschungen, der nur durch willenlose Entsagung und philosophischen Gleichmut erträglich wird, die Liebe ein Trick, mit dem Mutter Natur romantische Schwärmer zu Erfüllungsgehilfen des Gattungszwecks macht. "Der erhabene Charakter wird die Schönheit der Weiber wahrnehmen, ohne sie zu begehren": Schwer vorstellbar, dass dieser misanthropische Griesgram einmal jung und verliebt war. Genau davon erzählt der Münchner Schopenhauer-Spezialist und Journalist Christoph Poschenrieder in seinem ersten Roman.

Der ehrgeizige Dreißigjährige hat im Sommer 1818 sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" vollendet, von dem er sich kolossales Aufsehen verspricht. Brockhaus, sein Verleger, lässt es allerdings an der gebührenden Hochachtung fehlen, und so reist Schopenhauer nach einigen Tobsuchtsanfällen nach Italien, ins Sehnsuchtsland aller angehenden Künstler. Der alte Goethe, der den Sohn seiner Freundin Johanna schätzt, aber wenig für die Abstraktionen der Philosophie übrig hat, gibt dem aufbrausenden jungen Mann sogar ein Empfehlungsschreiben an Lord Byron mit auf den Weg.

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Die beschwerliche Reise hebt Arthurs Laune nicht eben. Metternichs Spitzel haben ein Auge auf das verdächtige Subjekt geworfen, das sich für misshandelte Kutschpferde einsetzt und als indischer Brahmane ausgibt. Es ist die Zeit der Karlsbader Beschlüsse, und mit der Heiligen Allianz ist nicht zu spaßen. In Venedig streift der Bildungsreisende durch die Gassen; als Cicerone dient ihm ein zugelaufener Hund. Dann geschieht, was Schopenhauers Vorstellung (wenn auch nicht seinen Willen) übersteigt: Er begegnet Teresa. Die Tochter eines Glasbläsers zeigt ihm ihre Stadt und eine Liebe, die heiterer, leidenschaftlicher und unproblematischer ist als die seiner Verlobten Karoline. Von Goethes Empfehlungsschreiben macht er aus Stolz keinen Gebrauch. Dabei hätten die beiden viel zu bereden. Auch Byrons aktuelle Geliebte heißt Teresa, und Schopenhauers schwermütige Einsicht, Subjekt und Träger der Welt sei "dasjenige, was alles erkennt und von keinem erkannt wird", hätte auch der müde gewordene Partylöwe im Karnevalstreiben unterschrieben.

Der Roman überzeugt mehr durch stilistische Eleganz und feine Ironie als durch die manchmal durchhängende Konstruktion. Souverän gelöst ist die Verschränkung von Fakten und Fantasie, Philosophie und Commedia dell’arte. Historisch verbürgt sind Figuren wie die Byron-Geliebte Fornarina, die alternde Diva Catalani oder Schopenhauers venezianische "Dulcinea". Gut erfunden sind das Katz-und-Maus-Spiel mit Metternichs Stasi und die Opiumpfeife, die der philosophische Buddha pafft. Poschenrieders Schopenhauer ist weder eine Kopfgeburt noch der Philosoph auf der Hintertreppe. Er ist ein lebenshungriger Jüngling, der die postulierte Einheit von Subjekt und Objekt erlebt: Wäre nicht das Auge sonnenhaft, könnte es die Sonne nie erkennen. Der Autor wollte die Geschichte eines Mannes erzählen, "der auf die Bühne tritt, Applaus erhofft, der eine große Gelegenheit verpasst , der sich darauf einstellen muss, den Rest seines Lebens mit Plan B zu verbringen". Plan B bedeutet: Den bohrenden Willen abtöten, nichts mehr fürchten, hoffen und lieben. Als Schopenhauer von seiner Schwester Adele erfährt, dass der Vermögensverwalter das Familienerbe verspekuliert hat, kehrt er zurück. Er wollte die Welt auf den Kopf stellen; aber die Welt hat ihm alle Illusionen ausgetrieben. Poschenrieders Beitrag zum 150. Todestag Schopenhauers ist ein nahezu klassischer Bildungsroman und höchst geistreiche Unterhaltung.
– Christoph Poschenrieder: "Die Welt ist im Kopf". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2010, 342 Seiten, 21,90 Euro.

Autor: Martin Halter