Diabolische Deals

Michael Baas

Von Michael Baas

Mo, 25. September 2017

Theater

Tilmann Köhler inszeniert Gotthelfs "Schwarze Spinne" in Basel als aufklärerisches Grusical.

Die Welt ist in Schieflage dieser Tage. Das zumindest signalisiert das Bühnenbild auf der Kleinen Bühne des Basler Theaters (Karoly Risz). Es besteht im Kern aus einem großen, gekippten Drehpodest – einem in Basel derzeit gern genutzten Sinnbild der Gegenwart. Daneben taucht ein Erzähler (Martin Hug) auf, während die Percussionistin Camille Emaille mit Glocken, Gongs, Vibraphon, Becken und Elektronik eine mal gespenstische, mal schnarrende, mal sägende, aber stets ins Unheimliche drängende Klangkulisse schafft. Nach und nach schälen sich unter dem schwarz verhängten Podest sechs weitere Protagonisten heraus. Die Kostüme identifizieren sie als Landvolk und das beginnt, eine Geschichte zu erzählen.

Es ist die Geschichte einer spätmittelalterlichen Gemeinschaft, die ein tyrannischer Landherr ausbeutet und eine Buchenallee gebaut haben will. Dank der Außenseiterin Christine (Myriam Schröder) und deren Chuzpe, einen Pakt mit dem Teufel zu wagen, lässt sich die Aufgabe zwar wuppen. Als es aber darum geht, die Gegenleistung für den Deal zu erbringen, duckt sich die Gemeinschaft weg. Das setzt mit einer schwarzen Spinne verknüpfte apokalyptische Entwicklungen in Gang, die Tod und Verderben bringen und Konflikte um den dörflichen Wertekanon. Das Grauen wird in einer Kraftanstrengung zwar neutralisiert, aber nicht nachhaltig gelöst. 200 Jahre später bricht es in einer von Maß- und Gedankenlosigkeit geprägten Epoche wieder auf.

So abstrahiert könnte diese pessimistische Gruselgeschichte auch im Hier und Heute spielen. Tatsächlich aber stammt sie aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und paraphrasiert die Novelle "Die schwarze Spinne", des Schweizers Jeremias Gotthelf. Rezeptionsgeschichtlich meist zum biederen, frömmelnden Chronisten der bäuerlichen Leben abgestempelt, hat der Pfarrer aus dem Emmental stets auch Widersprüche und Risse der ländlichen Welt thematisiert. Einen "Dichter der Armut", nannte ihn der Literaturwissenschaftler Walter Muschg gar.

Der in 1979 Weimar geborene Regisseur Tilmann Köhler hat den 1842 erschienenen Text nun als seine erste Basler Regiearbeit inszeniert und formt mit Hilfe der Dramaturgin Katrin Michaels aus der "Dichtung der Armut" ein Erzähltheater, das nicht nur die Ebene der Deals, den Teufelspakt, beleuchtet, sondern anhand des Ringens um das ungetaufte Kind, das jener als Lohn fordert, auch Wertedebatten: Was ist der Gemeinschaft ihr Überleben wert? Wie geht sie mit Geschichte um? Wer übernimmt Verantwortung? Wie verhalten sich Kollektiv und Außenseiter zueinander?

Priester und Teufel trinken vom selben Wasser

Solche Fragen destilliert die Inszenierung aus der Novelle. Bei der Umsetzung aber verzichtet Köhler auf jeden Anflug von Naturalismus oder gar das Überschreiben des Textes. Stattdessen abstrahiert er und modelliert eine Art Grusical, das die eher schematischen, zweidimensionalen Charaktere mit einem ins Performative driftenden Schauspiel anreichert. So spielt Martin Hug nicht nur den Großvater, der das erzählerische Korsett zusammenhält, er ist auch der "Grüne", wie der Teufel genannt wird, verkörpert aber auch den Gegenspieler, den Priester und trinkt aus der gleichen Wasserflasche – einer von mehreren luziden Regieeinfällen.

Auch Simon Zagermann, wie alle in mehrere Rollen unterwegs, gibt dem diabolischen Despoten Hans von Stoffeln mit expressiven Mitteln ein Gesicht. Das wiederholt sich in der Dorfsippe bei der blassen Frau (Liliane Amuat), bei Benz (Urs Peter Halter), der Gotte (Cathrin Strömer) oder dem Vetter (Steffen Höld). Dazu kommen wenige Requisiten – vor allem Hefezöpfe, die multifunktional im Einsatz sind – als Füllmasse für orgiastisch aufgepeppte Leiber oder als Säugling und als solcher im Stil eines Balls auch von einem zur anderen segeln, aber auch Wasserflaschen sowie viel verschüttetes und verspucktes Weihwasser. Dennoch bleibt die Effekthascherei moderat. Meist kreiert die Regie mit einfachen Mitteln ansprechende Bilder: Seien es die durch Fingerspiel angedeuteten Spinnen, sei es das Spiel mit Schatten, sei es die an die antike Laokoon-Sage erinnernde Szene des von Untertanen umschlungenen von Stoffeln.

So schaffte es die Inszenierung, die soziale Dynamik des Mikrokosmos’, die Hoffnungen, die Ängste, die Neigung zum Verdrängen, das mit dem Podest angedeutete ausweglose Sich-im-Kreis-Drehen in atmosphärisch dichte Bilder zu fassen und zeigt dabei auch Gespür für augenzwinkernde Doppel- und Mehrdeutigkeiten der Sprache. So kann Theater sein! Im Schlussbild trägt einer aus der Sippe ein T-Shirt mit der Aufschrift "carpe diem" (nutze den Tag) während eine Frau nach der neuerlichen Katastrophe zu Essen und Trinken auffordert. Die Welt dreht sich eben weiter.

Weitere Vorstellungen: 25. September, 4., 9., 16. und 19. Oktober, 6. und 18. November, jeweils 20 Uhr und im Dezember, Vorverkauf: http://www.theater-basel.ch