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10. Juli 2010

Die Bewohner

Von der Metropole in die Waldeinsamkeit: Unser Autor war drei Monate lang "Dorfschreiber" in Eisenbach im Hochschwarzwald.

  1. Deniz Utlu bei einer Lesung Foto: privat

  2. „Zuhause ist dort, wo W – ort ist“: Deniz Utlu in Eisenbach im Hochschwarzwald Foto: Annemarie Zwick/BZ

Wer das Glück hat, "Dorfschreiber" in Eisenbach zu werden, kann – ausgestattet mit einem Stipendium – in Muße und entspannter Abgeschiedenheit seinem Beruf als Autor nachgehen. Deniz Utlu ist der fünfte Eisenbacher Dorfschreiber, nicht der erste aus einer Großstadt, aber doch ein bekennender Großstädter. Und er ist der erste mit "Migrationshintergrund". Für die Badische Zeitung hat der Berliner Autor einen Text verfasst:"10 Minimals zwischen Essay und Emotion aus den schwarzen Wäldern".

1  EINE STADT VERLASSEN

Ich packte die Koffer, saugte den Boden, rollte den Lieblingsteppich ein, hängte das Bild von der Wand, schloss mit großem Kraftaufwand den Kofferraum, übergab die Schlüssel der Schöneberger Wohnung dem Untermieter und machte mich auf, ein Bewohner der schwarzen Wälder zu werden.

2  NO, I’M NOT GOING TO MIAMI

DJ-Set für die Fahrt Berlin – Bayreuth–Eisenbach:
1. RFI – Radio France International
2. Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 1 – 10, gelesen von Wolfram Berger

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3. All Systems Go
4. UFO! – No, I’m not going to Miami
Als ich nach dem Frühstück in Bayreuth in den Wagen steigen wollte, schien die Sonne. Der Hotelier, von Hause aus Bauer, verabschiedete mich und wies mit dem Finger in den Himmel. Ein Raubvogel drehte elegant seine Runden über den Baumwipfeln dunkler Fichten. Ich bedankte mich und brach auf.
5.DLF – Deutschlandfunk
6. Solarplexus, Albert Ostermeier
7. Things have changed, Bob Dylan
8. Shuggie Otis
9. Mustafa Özkent

3  ANATOLIEN INVASION

Als Mustafa Özkents Hammond aus der Anlage tönte, fuhr ich bereits entlang der kurvigen Straße zwischen Titisee-Neustadt und Eisenbach. Auf Özkent war ich in einem Plattenladen in Brooklyn-Williamsburg gestoßen. Ich wühlte mich durch CD-Kisten und legte Alben zur Seite, deren Cover mir gefielen oder von denen ich schon mal gehört hatte, gleich würde ich reinhören – eine alte Leidenschaft, die zwischen täglichem Arbeitswust und Internetgeneration verloren gegangen ist. Özkents CD-Cover: ein Affe sitzt vor einem Tonbandgerät und spricht ins Mikrofon. Oldschool turkish Funk aus den Siebzigern, produziert in den USA, ich griff zu. Unten links stand auch noch in fetten, gelben, funky Lettern: "Anatolien Invasion". Ich parkte den Wagen auf einem Hügel, ließ die Tür offen und die Musik laufen. Ich sah hinab aufs Tal, indem das Dorf lag, dessen Bewohner ich jetzt sein würde. Özkents Sounds und ich feierten meine kleine Invasion.

4  WALDFEE

Vor lauter Zeckenangst hatte ich die Socken über den Hosensaum gezogen und einen Hut (eine Melone) aufgesetzt, damit diese kleinen Tiere mir nicht auf den Kopf hüpften und war in den Wald spaziert – da ist es geschehen.

Es duftete nach Gras und Holz, das Licht brach in Streifen durchs Geäst, ein Vögelchen machte halt vor meinem Gesicht, zog den Schnabel in die Lüfte, sang ein Liedchen und flatterte enttäuscht davon, als ich die Antwort schuldig blieb. Ich ging weiter, stets auf der Hut vor Wildschweinen, da flog eine Waldfee, grau und majestätisch, von der einen Seite des Pfades auf die andere. Ihr wuchs ein Buckel – ein Einhorn etwa? – aus der Stirn, die Augen waren (ja, ich habe es gesehen) braun und verführerisch, der Körper grausilbern, die schlanken Beine fast weiß. Sie war aus den Lichtstreifen gekommen und im Nichts verschwunden. Ich sah ihr hinterher, ich suchte das Gehölz ab, nichts. Es war fort.

5  WOLFWINKEL

Eisenbach, einst hat man hier Brauneisenstein abgebaut, später schnitzte man Uhren, schnallte sie sich auf den Rücken und zog damit von Land zu Land oder man baute den ersten Skilift der Welt – so wird es einem Mann Namens Winterhalder nachgesagt. Heute ist aus der Uhrenmacherei eine Industrie für Feinmechanik, Präzisionsdrehteile und Getriebe geworden. Die Unternehmen eröffneten Fabriken auf dem gesamten Globus. Und von überall kamen Arbeiterinnen und Arbeiter, in Eisenbach zu "schaffen", wie es hier heißt.

So auch ich – als Wortarbeiter.

Im Wolfwinkel. 800 km von Zuhause, jenseits von Kotti und Nollendorfplatz, von Oranienstraße und Hasenheide, zwischen Fichten und Tannen, in einer futuristischen Halle aus Schwarzwaldholz mit spaceshuttle-ähnlichen Lampen an der Decke, weiß und eckig, und handgemachten Uhren eine Etage tiefer, deren Pendel schon lange aufgehört haben zu schwingen – heute werden die Zifferblätter in Hongkong hergestellt –, las ich aus meinen Texten, um ein weiteres Mal festzustellen: Zuhause ist dort, wo W-ort ist.

6  DIE FIKTION EINER BEWOHNERIN

Eine junge Eisenbacherin sprach mich an. Vor siebenundzwanzig Jahren sei sie in Neustadt geboren und lebe seit dem in Eisenbach. Hier sei sie aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, hier habe sie gejobbt, um das Taschengeld aufzustocken. Sie drückte mir ein gefaltetes Stück Papier in die Hand. Ich entfaltete es: Fiktionsbescheinigung. Eine Bescheinigung über die Fiktion eines Bewohners. Sie besagt: Eigentlich solltest Du nicht hier sein. Und bis die Ausländerbehörde die genauere Bedeutung von diesem "eigentlich" geklärt hat, bekommst Du eine fiktive bzw. vorläufige bzw. befristete Aufenthalterlaubnis. Das kann Jahre dauern. In der Zwischenzeit darf die junge Eisenbacherin nicht heiraten, nicht arbeiten, ja sie darf sich im Grunde genommen nicht einmal bewegen – solange sie fiktiv ist, muss sie sich in ihrem Kreis aufhalten, Breisgau-Hochschwarzwald.

7  DER TRAUM VON DER DREHBANK

Ich habe einen alten Mann kennen gelernt, der hat eine Leidenschaft. Der sitzt am Tisch mit der Freude eines Kindes, kramt klitzekleine Dampfmaschinen aus Streichholzschachteln und schiebt sie mit einem Lächeln im Gesicht über den Küchentisch. Er kämmt das Haar würdig gegen den Strich – die kindliche Freude hat vor dem Ausfall bewahrt: der 91 jährige Bewohner Eisenbachs Franz Demattio.

Seinen Vater verschlug es 1895 aus Italien über St.Gallen in die schwarzen Wälder. Demattios großer Traum war es gewesen einmal eine eigene Drehbank zu besitzen, an der er feine Gewinde in millimitergroße Schrauben und Zähne in Räder fräsen würde – für die eigenen Modelldampfmaschinen. Der Traum ging in Erfüllung, im Keller eines alten Eisenbacher Hauses wird feinste Präzisionstechnik angewandt. Ich sehe Franz Demattio dabei zu, wie er mit der Hand über die wertvolle Drehbank fährt und denke: Die so genannte "zweite Generation" – die Kinder der Einwanderer – haben in den Kellern der Gesellschaft schon längst an den sozialen Zahnrädern mitgefräst. An den Turmuhren unserer Dörfer und Städte schlägt die Stunde einer neuen Zeit.

8  INTEGRATION

Nach dem Essen setzten wir uns in den Garten – Burhan Agabey rauchte, ich trank Tee. Mir fiel eine Fahnenstange im angrenzenden Hof auf. Burhan Agabey folgte meinem Blick. Er sagte: "Mein Nachbar, wenn er in den Urlaub fährt, hisst er die Türkeiflagge". Später bin ich dem Nachbarn auf Spaziergängen begegnet. Ein sympathischer Mann, der mal mit keckem Lächeln, mal nachdenklich dreinschauend seinen Hund ausführt. "Alle denken, ich mach das", grinste Burhan Agabey. Man ärgere sich dann freundschaftlich über ihn und er antworte – so wie jetzt – grinsend, dass er damit nichts zu tun habe.

9  UNTER ÖKONOMEN

Die herrschende ökonomische Lehre versteht sich als eine Theorie der Einzelentscheidungen. Dabei setzt sich das Wort Ökonomie bekanntlich aus Oikos, griechisch für Hausgemeinschaft und Nomos, griechisch für das Gesetz, zusammen. Dem Wortlaut zu Folge geht es also wenigstens gleichermaßen um den Einzelnen sowie auch um das Allgemeine, das Gesetz. Die Bezugnahme auf die Etymologie ist natürlich kein Argument – aber ein Vorschlag. Nimmt man ihn an, bedeutet Wirtschaftskrise auch Gesellschaftskrise. Und zwar nicht nur, weil das eine sich in dem anderen begründet – etwa soziale Unruhen in Verarmung –, nein, beides muss zusammengedacht werden und ist so betrachtet nicht mehr zu trennen.

Inhaber und Geschäftsführer der Grieshaber GmbH für Feinmechanik Michael Grieshaber lud mich ein, sein Oikos zu besuchen. Er führte mich durch die Abteilungen, wo Zahnräder, Ritzel, Schnecken und Triebe gedreht, gefräst und geschliffen wurden. Wir glitten wie auf Schlittschuhen über den öligen Boden der Fabrikhalle, sahen in großen Maschinen kleine Roboterarme noch kleinere Metallstücke verarbeiten, die dann zum Teil sonnenblumenförmig in Plastikkörbe kullerten und überzogen von Maschinenölschlieren glänzten. Später bestellten wir Hefeschnaps in einem Schwarzwaldhaus mit niedriger Holzdecke und einer großen Wanduhr mit schwerem Pendel. Wir unterhielten uns über Arbeit, über Familie, über den Euro, über Schlaf – den tiefen und den ruhelosen. Wir unterhielten uns über Zeiten, in denen man Entscheidungen treffen und mit getroffenen Entscheidungen umgehen lernen muss. Der Kalender verkündete: Mitte 2010; wir hatten Ideen und Perspektiven, die Krise der Gesellschaft, von der der Fall der Banken nur ein kleiner Teil ist, war noch nicht überwunden.

10  NIGHT ON EARTH

Die Nacht hat sich schon längst über die Hügel gesenkt. Ich habe das von meinem Schreibtisch aus beobachtet. Erst hat es geregnet. Dann schien die Sonne. Später wurde das Himmelblau dunkler und dunkler, bis die Bäume der schwarzen Wälder verschwanden – in der Nacht. Lichter, einige wenige, leuchteten aus Fenstern. Auch diese sind jetzt erloschen. Allein die Straßenlaternen – starre Glühwürmchen – sind zu sehen. Hier und da der Ausschnitt einer Hausfassade in ihren Lichtkegeln. Ab und an rote Rücklichter von Autos, die entlang der Serpentine fahren. Bis sie hinter einer der Kurven verschwinden. Auftauchen. Verschwinden.
Bald werde auch ich verschwinden und wo anders wieder auftauchen. Ein Teil der schwarzen Wälder, der Begegnung mit ihrer Stille, ihrer Waldfeen und ihren Bewohnern, werde ich in mir weiter tragen und dann und wann wieder zurückkehren – wie die dunklen Fichten zur Dämmerzeit.

ZUR PERSON: DENIZ UTLU

Unser Autor wurde 1983 in Hannover geboren. Seine Eltern wanderten in den 1960er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland aus. Utlu lebt als freier Autor in Berlin, ist Herausgeber des Kultur- und Gesellschaftsmagazin "freitext" und Kurator der Lesereihe "tausend worte tief". Utlu hat in Berlin und Paris Volkswirtschaft studiert. 2001 versammelte er eine Auswahl an Gedichten, die zwischen dem vierzehnten und siebzehnten Lebensjahr entstanden waren, in dem Lyrikband "Durch die Augen, die gefremdeten".

Lesung: Am 15. Juli, 20 Uhr, liest Utlu in der Buchhandlung Rotes Haus in Neustadt einige seiner Miniaturen und seine Kurzgeschichte "Du Hund".
 

Autor: xfmt

Autor: Deniz Utlu