Die Welt als Konstrukt

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 14. April 2015

Theater

DOKUMENTARTAGE II: Das Basler Festival kreist um Begriffe wie Öffentlichkeit und Wirklichkeit.

Dokumentarische Formen sind dieser Tage wieder angesagt in den Künsten. Boris Nikitin bringt das in einen Zusammenhang mit dem heterogenen, pluralen Charakter moderner Gesellschaften, der Ausdifferenzierung der Perspektiven. "Es gibt nicht mehr nur das eine Narrativ des männlichen, weißen, christlichen Mannes", erläutert der künstlerische Leiter der Basler Dokumentartage. Mittlerweile werde auch aus feministischen und homosexuellen, aus migrantischen und postmigrantischen und anderen Blickwinkeln erzählt. Dieser breitere Horizont stimuliere neue realistische Formen, weiß der 35-jährige Basler. "It’s The Real Thing", die zweite Ausgabe der Dokumentartage, die am Mittwoch mit dem eher schmalen Budget von 250 000 Franken startet, führt solche Ansätze vor.

Das schon im dokumentarischen Theater der 1960er Jahre gepflegte Credo, Geschichten zu erzählen, die in den Mainstream-Diskursen ausgeblendet werden, ist zwar nach wie vor ein roter Faden des Dokumentarischen; auch der Anspruch, die Darstellung der Wirklichkeit in den Medien und der Öffentlichkeit zu hinterfragen, zieht sich durch. "Theater und Kunst sind die Orte, an denen sehr offen, sehr radikal über Gesellschaft nachgedacht werden kann", bekräftigt Nikitin solche Traditionen. Der Blickwinkel dabei aber habe sich um 180 Grad gedreht. Auch da sieht der Festivalleiter eine quasi evolutionäre Entwicklung: angefangen von der von den privaten Fernsehkanälen forcierten, inzwischen aber flächendeckend in Show- und Talkformaten kultivierten Ausstellung von Privatem, die auch zur Demokratisierung des Kulturbetriebs beigetragen habe, bis zu einer Gesellschaftskritik, die anders als in den 60er- und 70er-Jahren nicht mehr an abstrakten Gesellschaftsentwürfen ansetzt, sondern an individuellen Erfahrungen.

Das Eröffnungsstück: Marta Górnickas "Magnificat" ist da fast programmatisch. Die polnische Regisseurin formt mit einem Chor aus 25 Frauen eine Choreografie des Aufbegehrens. Das Ensemble flüstert biografische Fragmente, haucht Zeitungstexte und Kochrezepte oder brüllt literarische Texte – eine Dokumentation der Macht der Stimme, ein Appell, diese zu erheben, der den Begriff des Dokumentarischen dehnt. James Leadbitter, der sich als Performer the vacuum cleaner nennt, oder Rabih Mroués knüpfen ganz direkt an biografische Erfahrungen an. Während Leadbitter in "Mental" die eigene Psychiatriegeschichte vorführt, verwischt der libanesische Performer in "Riding on a Cloud" Realität und Fiktion und thematisiert den Charakter der Wirklichkeit als Konstrukt. Das Duo Gintersdorfer/Klaßen wiederum eignet sich in "Not Punk, Pololo" subkulturelle Tanzstile aus Westafrika an, dokumentiert Bewegung, transferiert diese aber in eine eigene Tanzsprache und konstruiert so eine neue Wirklichkeit. Eine Dimension, die sich unter umgekehrten Vorzeichen in der Kafka-Adaption Samuel Kochs und Robert Langs (siehe Interview) wiederholt. Im Endeffekt gehe es aber immer darum, Zuschauer zu einer Haltung zu animieren. "Das ist das Politische dieser Theaterform", findet Nikitin.
– Basler Dokumentartage: Theater, Performance, Tanz, Film, Ausstellung, 15. - 19. April, Kaserne, Theater und Museum für Wohnkultur Basel, Roxy Birsfelden