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11. Juli 2009

Ein kühnes, gewagtes Experiment

Das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und mehr als 200 Jugendliche inszenieren im Lörracher Burghof "Der Schrei"

  1. Schon draußen begann das Klangspektakel. Foto: Roswitha Frey

Das Klangspektakel geht schon draußen los. Wie eine Marching Band haben sich ein paar Bläser und Drummer auf dem Platz vor dem Burghof aufgestellt, die Profimusiker in klassischem Schwarz, die Jugendlichen lässig in Jeans, bunten T-Shirts, mit Sonnenbrillen und verwegen-schrägen Hüten. Zur Einstimmung spielen sie sich und das Publikum schon mal in Konzertlaune. Eine Gruppe motiviert mittels Megafonen zum Mitschreien, gelbe Luftballons steigen in den Abendhimmel. Schrei ins Land! Die Klangperformance setzt sich im Foyer fort, wo auf den Besucher erstmal eine wilde Kakophonie einstürzt. Man taucht ein in ein Meer aus Klängen, Stimmen, Geräuschen, Lauten. Von verschiedenen Klanginseln im Raum verteilt dringen Schreie der unterschiedlichsten Art ans Ohr. Ein Raunen, Flüstern, Schnaufen, Singen und Summen erfüllt das ganze Haus.

Ein Gong dröhnt, Glockenspiele ertönen, eine Gruppe trommelt auf Klanghölzern, ein Girls-Chor singt Gefühlvoll-Poppiges, dann ein schneller, krasser Schnitt: laute, harte Rockmusik, Heavy Metal, und wieder Szenenwechsel zu Rap und HipHop, zu schillernden Saxofon-Fetzen, zu Vokalexperimenten, zu witzigen, humorvollen Klangzitaten. Alles, was Jugendliche bewegt, bricht sich musikalisch und stimmlich Bahn: der Schrei nach Liebe, nach Freiheit, die Gefühls-Achterbahn beim Erwachsenwerden, das Rebellieren, das Suchen, Fragen, Zweifeln, die übermütige Lebensfreude. Alles findet Ausdruck in den Stimmen der Vokalisten und dem vielfältigsten Streicher-, Bläser- und Perkussions-Instrumentarium. Doch es ist alles andere als ein unkoordiniertes Durcheinander. Vielmehr hat der Musikpädagoge Werner Englert, der wie ein Fels inmitten dieser Klanginseln steht, die Gruppen der Jugendlichen und die Dramaturgie des Schreis bestens im Griff.

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Nahtlos wandern Musiker und Zuhörer vom Foyer in den Saal, wo das eigentliche Konzert dieses außergewöhnlichen SWR-Projekts "Der Schrei" beginnt: Das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und mehr als 200 Jugendliche von Karlsruhe bis Lörrach inszenieren hier eine spannende und aufregende Collage rund um Beethovens fünfte Sinfonie, die Schicksalssinfonie. Dass Berufsmusiker mit Jugendlichen gemeinsam etwas erarbeiten, ist ja nicht ganz neu. Sir Simon Rattle hat mit seinen Berliner Philharmonikern in "Rhythm is it" erfolgreich vorgemacht, wie man junge Menschen, die teils nichts mit Klassik am Hut haben, motiviert und Erstaunliches aus ihnen herausholt. Genau das passiert auch in "Der Schrei". Einfach fantastisch, was die Jugendlichen an vibrierender Energie, Frische, Fantasie, Spielfreude und Einfällen aus ihrer eigenen Musik- und Gefühlswelt in diese gigantische Beethoven-Collage einbringen. Als Klangregisseur hält Chefdirigent Sylvain Cambreling dynamisch und federnd in den Bewegungen die Masse der Sinfoniker und jugendlichen Musiker zusammen.

Mit Windmaschinen, Pauken und Trompeten macht zunächst Giacinto Scelsis Komposition "I Presagi" mächtig Klangeindruck: der Schrei des Krieges und Entsetzens bricht hier durch. Wie von Ferne und wie ein Hoffnungsschimmer tönt von der Empore eine bezaubernde Flötenstimme mit Debussy herab. Kernstück des ganzen Konzerts ist das Schicksalsmotiv aus Beethovens fünfter Sinfonie, das immer wieder in voller Macht und tragischer Wucht anklingt. Der Kampf gegen das Schicksal erscheint auch in den Briefzitaten des unglücklichen Beethoven, der seine drohende Taubheit beklagt: "Meine Ohren sausen und brausen". Ein sehr dichter, eindringlicher Moment in dieser Aufführung, wenn diese Briefstelle rezitiert wird und der Schmerz, das wilde Aufbäumen in einem Aufschrei der Saxofone, in rasenden Trommelwirbel, in trotzigem jugendlichem Drive und einem bluesigen Trauermarsch widerhallt. Zwei junge Rapper singen vom Gefangensein in ihrer Welt, Schlagzeugsoli und ein Glockenstück brechen in die Beethovenschen Schicksalskämpfe ein.

Der Schrei, der in dieser Sinfonie steckt, wird auch pantomimisch, vokalistisch, instrumental aufgegriffen und in den Raum gestellt, ja einmal funkt sogar Beethoven als Handy-Klingelzeichen dazwischen. Es ist eine vielstimmige und dynamische Choreografie, auf die sich beide Seiten, die Sinfoniker wie die Jugendlichen, voll und ganz einlassen. Es endet mit nächtlichen Klangskizzen von Salvatore Sciarrino, die mit kahlen, fahlen Klängen eine atmosphärische Nachtszenerie zeichnen, und mit einem stummen, erstarrten Schrei aus aufgerissenen Mündern. Ein kühnes, gewagtes Experiment hat also funktioniert und nach diesen vielfältigen Klangeindrücken ist man fast ein bisschen erschlagen, überwältigt, aber auch restlos fasziniert.

Autor: Roswitha Frey