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16. Februar 2012

Ein lange Zeit verbotenes Werk

Erste spanische Übersetzung von "Lob der Torheit" entdeckt.

Forscher der Universität Basel haben eine bisher unbekannte spanische Übersetzung des Werks "Lob der Torheit" von Erasmus von Rotterdam entdeckt. Die beiden Literaturwissenschaftler Harm den Boer und Jorge Ledo fanden die aus dem 17. Jahrhundert stammende Handschrift in der Bibliothek der portugiesischen Synagoge von Amsterdam. Das Manuskript könne wesentlich zum Verständnis der Erasmus-Rezeption in Spanien beitragen, teilte die Uni am Mittwoch mit.

Den Boer und Ledo vom Institut für Iberoromanistik der Uni Basel entdeckten das aus mehr als 200 Seiten bestehende Dokument in der Bibliothek "Ets Haim – Livraria Montezinos" in Amsterdam. Die beiden Hispanisten konnten das Manuskript als erste, bisher unbekannte spanische Übersetzung der in lateinischer Sprache verfassten Satire "Lob der Torheit" von Erasmus von Rotterdam (1465–1536) identifizieren.

Der Text ist in einer iberischen Handschrift des 17. Jahrhunderts auf Papiere geschrieben, die in einen Umschlag aus Kalbspergament eingebunden sind. Sprachliche Eigenschaften lassen die Forscher vermuten, dass das Manuskript auf einen älteren Text aus dem 16. Jahrhunderts zurückgeht, der als verloren gilt. Das Manuskript war in einem gedruckten Katalog der Bibliothek verzeichnet, bisher jedoch nicht als erste spanische Übersetzung des "Lobs der Torheit" erkannt worden. Noch ist unklar, wann die Handschrift in die Bibliothek gelangt ist.

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Der Fund sei von großer Bedeutung, weil das um 1509 entstandene "Lob der Torheit" (Moriae encomium) und andere Werke des niederländischen Humanisten durch die spanische Inquisition 1559 auf den Index der verbotenen Schriften gesetzt worden war. Erst acht Jahre nach der Auflösung der Inquisition erschien 1842 eine gedruckte spanische Übersetzung. Erasmus’ Ideen stießen im Spanien des 16. Jahrhunderts auf große Resonanz, gerieten aber nach dem Bruch Luthers mit der katholischen Kirche in ein schlechtes Licht. Über frühe spanische Übersetzungen von Erasmus’ bekanntestem Werk war viel spekuliert worden; seine Spuren finden sich im Schelmenroman "Lazarillo de Tormes" (um 1522) und in Cervantes "Don Quichotte" (1605/1615). Allerdings ließ sich die Existenz einer zeitgenössischen Übersetzung bis zur Entdeckung der Handschrift durch Ledo und den Boer nicht nachweisen. Zurzeit bereiten die beiden Hispanisten eine kritische Edition des Textes vor, die noch 2012 veröffentlicht werden soll.

Die nun entdeckte Handschrift wird in der 1616 gegründeten Bibliothek "Ets Haim – Livraria Montezinos" aufbewahrt, die sich in Gebäuden der portugiesischen Synagoge in Amsterdam befindet und als weltweit älteste jüdische Bibliothek gilt. Die portugiesisch-israelitische Gemeinde in Amsterdam wurde im 17. Jahrhundert von Juden gegründet, die zur verfolgten Minderheit der iberischen Conversos, bekehrter Juden und ihre Nachkommen, gehörten. Dieser historische Hintergrund verleiht der Präsenz der Handschrift in der Bibliothek der Synagoge eine besondere Dimension. Obwohl Erasmus wenig Sympathie für die Juden äußerte, waren seine Ideen von Einfachheit und innerer Frommheit sehr beliebt.

Autor: bz