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26. April 2017

Bz-Interview

Eva Lüdi Kong zur Übersetzung des chinesischen Romans "Die Reise in den Westen

Die Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong hat einen der ganz großen chinesischen Romane übersetzt.

  1. Holzschnitt aus „Reise in den Westen“ Foto: Pro

  2. Eva Lüdi Kong Foto: Yvonne Böhler

Für "Die Reise in den Westen" wurde sie im März mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Heute Abend ist Lüdi Kong zu Gast beim Freiburger Konfuzius-Institut. Vorher sprach Bettina Schulte mit ihr über das Werk und die Herausforderungen der Übersetzung.

BZ: Frau Lüdi Kong, die "Reise in den Westen", damit wirbt der Reclam Verlag auf der Banderole, sei der populärste Roman Chinas. Wie ist das möglich bei einem Buch aus dem 17. Jahrhundert?
Lüdi Kong: Die chinesische Literatur blickt auf eine gut 3000-jährige Geschichte zurück. Auch die ältesten Texte sind heute noch lesbar und für Leute mit höherer Bildung in weiten Teilen verständlich. Literatur aus dem 17. Jahrhundert gilt daher bereits als recht neu. Auch heute lernen in China die meisten Vorschulkinder Gedichte aus dem 7./8. Jahrhundert auswendig, das sind sehr schöne poetische Liedgedichte, die zur Allgemeinbildung gehören. Mit diesem literarischen Fundus kann sich das Deutsche nicht messen.

BZ: Der Roman hat keinen konkreten Autor. Wer hat das Werk geschrieben?

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Lüdi Kong: Als Autor der "Reise in den Westen" wird Wu Cheng’en (circa 1500–1582) genannt. Diese Zuordnung ist in der chinesischen Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten umstritten und wurde mit überzeugenden Argumenten verneint. Daher habe ich mich entschlossen, keinen Autor anzugeben. Da der Name Wu Cheng’en jedoch in China noch immer in jedem Schulbuch verzeichnet ist, sorgt diese Auslassung mitunter für Verwirrung.

BZ:
Trifft die Gattungsbezeichnung "Roman" überhaupt zu?
Lüdi Kong: Die chinesische Bezeichnung für Roman ist xiaoshuo, das heißt "Kleines Gerede". Ursprünglich war dies abwertend gemeint, es bezog sich auf jene Geschichten, die man sich im Volk erzählte, unseriöses Gerede, das sich um Legenden rankte – im Unterschied zum hoch angesehenen klassischen Schriftgut des Altertums, das als Bildungsgrundlage galt. Bei den klassischen chinesischen Romanen handelt es sich um Erzählstoffe, die über Jahrhunderte hinweg von Geschichtenerzählern weiterentwickelt wurden.

BZ: Worum es geht?
Lüdi Kong: Das Buch handelt von einer Pilgerreise von China nach Indien, wo bei Buddha Heilige Schriften geholt werden sollen. Der fromme Priester Tripitaka, der zaubermächtige Affenkönig Sun Wukong, der eberköpfige Bajie, der aufrechte Sandmönch und ein Drachenpferd müssen gemeinsam zahlreiche Gefahren überwinden und Kämpfe gegen Dämonen, Räuber und Verführerinnen ausfechten. Die Reise wird als Weg der inneren Vervollkommnung und Erlösung geschildert, und der im Roman geschilderte Kosmos voller Götter, Dämonen, Menschen und Tiere stellt letztlich ein Abbild des menschlichen Innenlebens dar. Der Affenkönig, mit dessen Geburt der Roman beginnt, steht für den menschlichen Geist, dessen Vervollkommnung das Grundthema des Romans ist.

BZ: Was hat Sie an diesem Mammutwerk vor allem fasziniert?
Lüdi Kong: Faszinierend ist für mich, dass die Erzählung auf zwei Ebenen spielt: Realistische Schilderungen und tiefgründige allegorische Deutungen sind ineinander verwoben; Spannung, Witz und phantastische Abenteuer gehen einher mit buddhistischer Psychologie und daoistischen Vervollkommnungslehren. Außerdem ist es faszinierend, wie die Romanfiguren spielend zwischen den Sphären von Himmel und Erde, Leben und Tod hin und hergehen, wie Menschen, Geister und Götter in einem stetigen Zusammenspiel stehen.

BZ: Wie kam es zu der Entscheidung, "Die Reise in den Westen" zu übersetzen?
Lüdi Kong: Als ich zu übersetzen begann, dachte ich nicht daran, mir jemals das ganze Buch vorzunehmen. Anfangs war es vielmehr ein übersetzerisches Einfühlen in den Text, dessen geistige Inhalte mich ansprachen. Die Idee einer Gesamtübersetzung kam erst im Lauf der Zeit. Auf Deutsch gab es damals nur zwei stark gekürzte Fassungen, welche die geistige Ebene, die vor allem in Gedichteinschüben zum Ausdruck kommt, auslassen und nur die Abenteuergeschichte wiedergeben. Mein Anliegen war es, das Werk in seiner Gesamtheit zu übersetzen und die Tiefe der geistigen Inhalte einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

BZ: Wussten Sie, worauf Sie sich einließen? Sie haben zehn Jahre zur Übersetzung gebraucht.
Lüdi Kong: Mir wurde bald klar, dass mir zu einer fundierten Übersetzung die Grundlagen fehlten. Um das Werk in seinen geistigen, kulturellen und literarischen Zusammenhängen zu studieren, schrieb ich mich im Jahr 2000 an der Zhejiang-Universität in Hangzhou für einen Master der Klassischen Chinesischen Literatur ein. Da ich die Übersetzung aus freien Stücken unternahm, stellte sich die Frage nach der Zeit nicht. Mal saß ich ganze Tage an der Übersetzung, mal las ich Sekundärliteratur und bildete mich in verschiedenen Themenbereichen weiter: Architektur, Bekleidung, Palastriten, Daoismus, Buddhismus und anderes mehr. Als ich zwei Jahre vor Abgabetermin mit der fast vollständigen Übersetzung einen daoistischen Priester aufsuchte, der sich eingehend mit dem Werk beschäftigt hatte, meinte dieser lächelnd: "Nur noch zwei Jahre – das reicht nirgendwo hin. Machen Sie erst mal das Bestmögliche draus. Doch bleiben Sie dran. Dann werden Sie, wenn Sie mal 80 sind, entweder die Erleuchtung erlangen oder haben dann immerhin etwas für den kulturellen Austausch getan".

BZ: Wie sind Sie vorgegangen? Was waren die größten Hürden und Hindernisse?
Lüdi Kong: Die größte Schwierigkeit war, jene Inhalte zu verstehen und zu übersetzen, die in den bestehenden deutschen Übersetzungen ausgelassen worden waren: die Ebene der buddhistischen und daoistischen Allegorie. Der Roman zitiert zahlreiche Gedichte und Texte aus daoistischen und buddhistischen Schriften, die man nur übersetzen kann, wenn man die Botschaft dieser Lehren verstanden hat.

BZ: Glauben Sie, dass deutschsprachigen Lesern sich die chinesische Faszination für das Epos mit seinen 100 Kapiteln mitteilt?
Lüdi Kong: Ich war mir nicht sicher. Doch die vielen begeisterten Reaktionen, die ich vernommen habe, übertreffen meine Erwartungen bei weitem.

Die Reise in den Westen. Ein klassischer chinesischer Roman. Herausgegeben und übersetzt von Eva Lüdi Kong. Reclam Verlag, Ditzingen 2916. 1320 Seiten, 88 Euro.
Lesung: Heute, 19 Uhr, stellt die Übersetzerin das Werk in HS 3043 der Universität als Gast des Freiburger Konfuzius-Instituts vor.

ZUR PERSON: Eva Lüdi Kong

Eva Lüdi Kong ist 1968 in Biel/Bienne in der Schweiz geboren. Bereits während ihres Studiums der Sinologie in Zürich sowie der Chinesischen Kalligrafie, der Kunst und der Klassischen Chinesischen Literatur in Hangzhou war sie als Sprachlehrerin, Dolmetscherin und Übersetzerin tätig. Sie lebte 25 Jahre in China, arbeitete in Lehre und Forschung und widmet sich bis heute vorrangig der Übersetzung und Kulturvermittlung.  

Autor: BZ

Autor: bs