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21. September 2012

Breisgauer Sängerbund und Badischer Chorverbund

Hans-Peter-Hartung: „Wichtig ist, wie man etwas singt“

BZ-INTERVIEW: Hans-Peter Hartung zum 150-jährigen Bestehen des Breisgauer Sängerbunds und des Badischen Chorverbands.

  1. Ein Aushängeschild ist der Badische Jugendchor, in dem immer mal wieder auch Talente des Breisgauer Sängerbunds mitwirken. Foto: BCV/Staubach

  2. Hans-Peter Hartung Foto: Pro

Ein doppeltes Jubiläum: Der Badische Chorverband in Karlsruhe und der Breisgauer Sängerbund werden 150 Jahre alt. Mit Hans-Peter Hartung, dem Präsidenten des Breisgauer Sängerbunds, sprach BZ-Redakteur Johannes Adam über Organisation, Gegenwart und Zukunft des Laienchorsingens.

BZ: Herr Hartung, wie kam es, dass 1862 das Singen so hoch im Kurs stand?
Hans-Peter Hartung: Das hat damit zu tun, dass damals die Kultur der Zusammenkünfte noch nicht gelebt wurde. Es war verboten, Versammlungen einzuberufen. Die Sänger haben sich da überlegt, wie sie sich trotzdem treffen könnten. Und haben solche Vereine gegründet, in denen sie übers Singen auch politisch diskutieren konnten.

BZ: Heute wird ja insbesondere an drei Orten gesungen: in der Kirche, im Fußballstadion und unterm Weihnachtsbaum. Ist das insgesamt nicht ein bisschen wenig?
Hartung: Selbstverständlich ist das zu wenig. Weil Singen ja auch eine Kultur ist. Und die soll man pflegen. Es wäre also zu einfach, das Singen nur über diese drei Schienen zu betreiben.

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BZ: Der Breisgauer Sängerbund zählt rund 6000 Sängerinnen und Sänger. Hält sich die Mitgliederzahl konstant?
Hartung: Es findet ein Wechsel statt. Wir bekommen wieder jüngere Sängerinnen und Sänger, die sich dann in anderen Chorgemeinschaften sammeln. Die Zahl der Sänger bleibt konstant. Ein Trend ist aber, dass weniger Jüngere kommen, als Ältere gehen.

BZ: Geht man vielleicht in bestimmten Lebensabschnitten eher in Chöre?
Hartung: Von den Älteren werden es immer weniger, und das Mittelalter fehlt uns. Wir haben eine Diskrepanz zwischen ganz jung und ganz alt. Bei Leuten um die 40 haben wir eine größere Lücke.

BZ: Wie hoch ist das Durchschnittsalter Ihrer Chormitglieder?
Hartung: Das kommt auf die Chorgattung an. Bei den Männerchören gibt es einen höheren Schnitt – da kommen wir auf die 60. Bei den Gemischten Chören kommen wir auf circa 40.
BZ: Ein Phänomen ist doch, dass gerade die Zahl der reinen Männerchöre abnimmt. Woran liegt das?
Hartung: Traditionelle Männerchöre haben – zumindest teilweise – den Sprung nicht rechtzeitig geschafft, auf den Trend der Zeit zu reagieren. Und: Gerade das Interesse der Männer am Chorgesang hat in den letzten 20 Jahren abgenommen.

BZ: Was hat Sie persönlich bewogen, im Chor zu singen?
Hartung: Von Kindesbeinen an singe ich im Verein. Ich singe gern.

BZ: Ist in Sachen Repertoire ein Lied wie "Ännchen von Tharau" denn heute eigentlich noch gefragt?
Hartung: Man muss mit Erstaunen feststellen, dass solche Klassiker immer wieder gern gehört werden. Es kommt aber drauf an, wie man’s vorträgt. Die entscheidenden Merkmale sind, wie der Chorleiter es angeht und der Chor es interpretiert. Man kann alles singen. Wichtig aber ist stets, wie man es singt.

BZ: Wie muss man "Ännchen von Tharau" heutzutage vortragen, damit ein solcher Titel ankommt – etwa in einem modernen Arrangement?
Hartung: Es ist die Gabe des Chorleiters, wie er ein Lied aufbereitet. Wenn es frisch und mit Hingabe gesungen wird und Akzente gesetzt werden, dann kommt das natürlich an. Wird es dagegen nur abgespult, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Leute das dann nicht interessiert. Gerade da fängt es an, interessant zu werden, wenn ein Chorleiter sich richtig mit dem Lied auseinandersetzt. Wenn es ein Chor schafft, ein Publikum in seinen Bann zu ziehen, dann kann man alle Lieder singen – auch die, die klassischer Natur sind.

BZ: Wie sieht denn Ihr Repertoire aus – vom Barock bis zum Musical?
Hartung: Bei unseren Festkonzerten im Oktober machen wir eine Zeitreise. Das heißt, wir kommen von der klassischen Chorliteratur bis zur modernen wie Andrew Lloyd Webber et cetera. Dieses Spektrum muss heute ein Chor bieten, um erfolgreich zu sein.

BZ: Betrachten Ihre Sängerinnen und Sänger das Chorsingen mehr als Freizeitgestaltung, oder sind sie dabei auch leistungsbereit?
Hartung: Die Leistungsbereitschaft ist erst in den letzten zehn Jahren entstanden. Der Grund: In Rundfunk und Fernsehen und bei den Festivals wird Leistung verlangt. Deswegen müssen auch die Chöre bei einem Konzert eine gewisse Leistung zeigen. An ein Niveau, wie es heute von Chören erbracht wird, war vor 30, 40 Jahren noch nicht zu denken. Die Leute kamen da eben mehr oder weniger von selber. Das ist vorbei. Heute ist es so, dass sich das Publikum erst dann interessiert zeigt, wenn Leistung da ist. Und die ist erst da, wenn die Chemie zwischen Sängern, Dirigent und Vorstand stimmt.

BZ: Sind die Konzertchöre, wie man sie etwa in Freiburg findet, wirkliche Konkurrenz für die Freizeitchöre?
Hartung: Nein. Unsere Chorsänger sind Laien eher ohne musikalische Vorbildung. Unsere Klientel möchte den Freizeitgesang – verbunden mit einer gewissen Leistung.
BZ: Was tun Sie, um neue Sängerinnen und Sänger zu gewinnen?
Hartung: Am besten gelingt das, wenn man ein gutes Vereinsleben hat, das die Leute anspricht. Und man versucht durch Konzerte Leute anzusprechen, die sich dann für den Chorgesang interessieren. Natürlich haben wir auch eine Reihe von Werbestrategien, etwa Workshops, bei denen Chöre was zur Mitglieder- und Sponsorenwerbung lernen können unter dem Motto "Chöre mit Zukunft".

BZ: Stichwort Verein: Gerade junge Leute aber reagieren bei diesem Wort allergisch, weil sie damit Vereinsmeierei assoziieren. Wie lässt sich diese Hürde nehmen?
Hartung: Das funktioniert, wenn in den Vereinen die Verantwortung auf verschiedene Schultern verteilt wird – also nicht mehr der klassische Vorstand, der Kassierer und der Schriftführer, sondern da gibt es ein Vorstandsgremium, das verschiedene Ressorts miteinander teilt. Dann hält sich auch der (Frei-)Zeitaufwand in Grenzen. Da kann man auch jüngere Leute gewinnen.
"Singen ist eine Kultur.
Und die soll man pflegen."
BZ: Was findet man in Chören, was man anderswo nicht findet?
Hartung: In Chören findet man das gesellige Zusammensein. Interesse am Gesang muss jedoch vorhanden sein. Dann entstehen Kameradschaft und private Freundschaften.

– Jubiläumskonzerte "Zeitreise": Köndringen, Winzerhalle, 19. Oktober, 20 Uhr; Hartheim-Feldkirch, Seltenbachhalle, 20. Oktober, 20 Uhr; Titisee, Kurhaus, 21. Oktober, 19 Uhr.


– Badischer Chorverband, Festwochenende, 21. bis 23. September in Karlsruhe.

Weitere Infos unter http://www.bcvonline.de

Autor: jad