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15. Mai 2010 00:06 Uhr

Premiere

Interview: Götterdämmerung im Freiburger Stadttheater

Brünnhilde und Siegfried feiern am Sonntag in Freiburg "Götterdämmerungs"-Premiere. Ein Interview zur Einstimmung mit Brünnhilde alias Sabine Hogrefe und Siegfried alias Christian Voigt.

  1. Siegfried (Christian Voigt) schwört den Meineid, Brünnhilde (Sabine Hogrefe) ist entsetzt (Probenbild). Foto: korbel

Schwierige Familienverhältnisse. Brünnhilde ist Wotans Tochter, Siegfried sein Enkel. Doch ausgerechnet der wird sie aus ihrem göttlichen Schlaf erwecken und zur Frau machen … Wie das alles endet, zeigt sich am letzten Abend von Richard Wagners "Ring"-Tetralogie – "Götterdämmerung". Sie hat am Sonntag am Theater Freiburg Premiere – Anlass genug für Alexander Dick, mit Brünnhilde alias Sabine Hogrefe und Siegfried alias Christian Voigt über ihre "Beziehung" zu sprechen – nicht immer ganz bierernst.

BZ: Brünnhilde und Siegfried – eines der großen tragischen Paare. Inwieweit greift einen das selbst emotional an?
Sabine Hogrefe: (an Christian Voigt gewandt) Mach Du mal … (lacht)
Christian Voigt: Na ja, Du hast ja die Erfahrung schon – für mich ist es der erste Siegfried.
BZ: Eben, Sie wechseln ja vom Siegmund ("Die Walküre") in den Siegfried.
Voigt: Genau.
Hogrefe: Also eigentlich machen wir das so wie immer.

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BZ: Business as usual?
Hogrefe: Ja. Ist es für Dich anders?
Voigt: Für mich ist natürlich ein Traum in Erfüllung gegangen, dass ich diese Figur hier in meiner Freiburger Zeit anderthalb Jahre nach dem Siegmund singen darf.
BZ: Wie würden Sie denn die unterschiedlichen Profile beschreiben? Klar, der Siegmund ist ein Stück lyrischer, die Partie liegt etwas tiefer. Aber wo sind die wichtigen Unterschiede?
Voigt: Ich finde, es gibt keine ganz großen Unterschiede. Was beide vereint – sie sind Anti-Helden. Der Siegfried ist charakterlich seinem Großvater Wotan viel näher als seinem Vater Siegmund: jähzornig, unberechenbar – er hat ein nicht unerhebliches politisches Talent auch geerbt. Siegmund wird immer falsch verstanden und ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
BZ: Frau Hogrefe, Sie sind, genealogisch gesehen, im Stück Siegfrieds Tante und gleichzeitig seine Geliebte. Welches Bild haben Sie von dieser Brünnhilde?
Hogrefe: (schmunzelt) Anders als in der Inszenierung... Für mich ist sie schon eine sehr starke Frau. Ich habe sie in Detmold am Anfang des zweiten Aktes als geknickte Figur interpretiert. Hier bleibt sie die Heroin.
BZ: Ist es denn wirklich eine Form von Liebe, die die beiden verbindet? Immerhin hat Siegfried, kurz nachdem er Brünnhilde von ihrem Schlaf erweckt hat, nichts Besseres zu tun, als "zu neuen Taten" loszuziehen. Ist das Liebe?
Hogrefe: Also von mir aus schon, von ihm nicht … (lacht)
Voigt: (lacht) Das kann ich so nicht stehen lassen. Nein, ich denke, dass es schon Liebe ist. Sie lässt ihn ziehen, damit er weiter in der Welt wirken kann.
BZ: Inwieweit wird Siegfried schuldig? Man könnte ja auch sagen, Gutrune reicht ihm einen Vergessenstrunk, und deshalb betrügt er Brünnhilde.
Voigt: Der inszenatorische Ansatz hier ist ein bisschen anders. Siegfried ist eben schwach.
Hogrefe: Halt ein Mann...
Voigt: Nein, so verallgemeinern kann man das jetzt auch nicht.
Hogrefe: Doch...
"Man ist Mensch

und keine Maschine."
Christian Voigt
Voigt: Brünnhilde ist ja die erste Frau, die ihm in seinem Leben begegnet. Die Weiblichkeit, die sie ausstrahlt, ist ja nicht nur das Verlangen, sondern auch die Geborgenheit – was ihm immer gefehlt hat. Aber es liegt wohl auch an dem menschlichen Streben nach dem, was man gerade nicht hat. Er kann es ja gar nicht einschätzen, ob das nun schon das pure Glück ist mit Brünnhilde. Das könnte er erst, wenn er zwanzig Jahre lang verschiedene Beziehungen gehabt hätte. Er meint es wirklich nicht böse, aber er erliegt einfach den Versuchungen der Welt.
BZ: Brünnhildes Liebe zu Siegfried schlägt im Stück in puren Hass um, wenn sie merkt, wie sie hintergangen wurde. Ihr Schlussmonolog aber signalisiert etwas anderes. Ist es da wieder Liebe?
Hogrefe: Das kommt auf die Inszenierung an. Hier ist es nur noch eine Erinnerung an die Liebe. Aber sie ist durch diesen Verrat an ihr knallhart geworden.
BZ: Wie würden Sie’s inszenieren?
Hogrefe: Ach, ich bin kein Regisseur, ich bin Sänger. (alle lachen)
BZ: So leicht kommen Sie mir nicht aus. (Erneut allgemeines Gelächter)
Hogrefe: Ich würde sie wohl weiblicher inszenieren, würde am Ende die Liebe dennoch siegen lassen.
BZ: Pragmatische Frage – Stichwort Ökonomie: Wie steht man einen so langen Abend durch?
Hogrefe: Man muss sich die Partie einteilen – ich muss mir die Partie in die Kehle singen. Und das braucht ein paar Vorstellungen. Bis dahin muss man sich disziplinieren, nicht immer gleich alles geben, um dann eben am Schluss durchzukommen. Jedenfalls am Anfang. Meine Erfahrungen mit der Isolde zeigen, dass es irgendwann auch besser wird.
Voigt: Ich habe mit dieser Partie noch keinerlei Erfahrungen. Aber ich denke, dass es oberstes Ziel sein muss, eine Mischung zwischen Ökonomie und Dramatik zu finden. Der Zeitpunkt, den Siegfried zu übernehmen, ist für mich, glaube ich, jetzt ideal. Ich habe sehr nette Kollegen hier, die Atmosphäre ist sehr gut und auch relativ druckfrei. Wenn man zum ersten Mal diese Partie singt, sollte man keinen Druck bekommen. Man ist Mensch und keine Maschine.
BZ: Alte Streitfrage bei Wagner: Komponiert er für oder gegen die Stimme?
Hogrefe: Für.
Voigt: Ja, eindeutig. Und es ist herrliche Musik. Der Kollege Wolfgang Schmidt, der ja lange Zeit den Siegfried in Bayreuth sang, hat auf die Frage "Wie fühlt man sich, wenn man den Siegfried singt?", geantwortet: "Ach, wie bei der Borussia in der Westkurve."
BZ: Frau Hogrefe, Sie haben in Bayreuth die Isolde gecovert und werden in diesem Jahr dort die Brünnhilde covern. Wo ist es leichter zu singen – hier oder in Bayreuth?
Hogrefe: In Bayreuth.

– "Götterdämmerung" (Regie: Frank Hilbrich, Musikalische Leitung: Fabrice Bollon). Theater Freiburg, Premiere am 16. Mai, 16 Uhr.

Autor: Alexander Dick