Klang und Raum in schwereloser Verschmelzung

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 25. September 2017

Klassik

"Gitter-Improvisationen" und "Gitter" waren ein Schwerpunkt des Festivals ZeitRäume, der Basler Biennale für Neue Musik und Architektur.

Von unten tropft ein Klavier. Schräg seitwärts tasten Geigenklänge über Herman Baurs kunstvoll gefaltete Betonwand, während oben ein Violoncello streicht. Nur Flöte und Klarinette sind auf Augenhöhe mit dem Publikum, dem der Raum selbst zur Musik wird. Das Meisterstück des diesjährigen ZeitRäume-Festivals für Neue Musik und Architektur steht als Leichtbau in der Maurerhalle der Basler Schule für Gestaltung (SfG). In Abstimmung mit den Musikern hat Architekt Quintus Miller für das Projekt "Gitter" temporär einen dreidimensionalen Hörraum geschaffen. Für Festival-Intendant Bernhard Günther ist das nahezu der Idealfall. Klang, Bau und Raum verschmelzen schon in der Konzeption miteinander.

Das Publikum sitzt gleichsam in der Musik, die in Millers temporärer Konstruktion aus stoffbezogenen Gerüstbauteilen nicht stationär bleibt. Durch die Verteilung und Bewegung der Instrumente im Raum werden die Klänge sphärisch. "Gitter" ist das zweite Projekt einer in sechs Teilen geplanten "musikalisch-architektonischen" Versuchsanordnung, die ZeitRäume-Mitinitiator und -Präsident Beat Gysin konzipiert hat. 2015 bei der Erstausgabe hatte eine Drehbühne im Volkshaus den Auftakt gegeben, bei der sich das Publikum auf einer Art Karussell um die Musiker herum bewegt hatte. Weitere Anordnungen sind bis 2025 geplant, zu denen Gysin auch jeweils eigene Kompositionen beisteuert. Diesmal ging es ihm zusammen mit dem Architekten und Mitinhaber des Basler Büros Miller und Maranta um den Gegensatz von "schwerem und schwerelosem Raum".

Schon die Dombauer der Gotik waren bestrebt, mit in die Höhe weisenden Volumen und vielfach durchbrochenen Mauern die Illusion von Schwerelosigkeit zu schaffen. Die zwischen 1956 und 1961 entstandene Basler Gewebeschule und Schule für Gestaltung, für die der Architekt Hermann Baur (1894-1980) und der Baustatiker Heinz Hossdorf (1925-2006) verantwortlich zeichneten, gibt dem mit der filigran gefalteten Außenwand ihrer Maurerhalle eine neue Richtung. Auf deren erzeugte Illusion von Leichtigkeit reagiert Beat Gysin umgekehrt mit der ebenso scheinbaren Schwerkraft der Musik und nutzt dazu etwa ein zwei Minuten langes Abwärtsglissando. In seiner Komposition "Gitter-Bau für Ensemble und einen Schweißer in Raumsituationen" gibt es aber auch Baugeräusche als akustische Assoziation an die Architektur.

Der Einstieg war dafür schwebend leicht. Die 1967 in London geborene Rebecca Saunders hatte mit ihrer Collage für zehn Spieler mit dem Titel "Murmurs" auch Raum für mehrsprachige Interpretationsansätze gegeben, steckt doch einerseits das englische Murmeln darin, andererseits das französische mur für Wand. Das 1980 gegründete Genfer Ensemble Contrechamps, das sich auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert hat, stellte sich den Herausforderungen mit schwebender Leichtigkeit. Noch einen Schritt weiter das Gebäude durchmessen hatten zuvor unter dem Titel "Gitter-Improvisationen" Musiker und Studierende der Schule für Gestaltung. Ihre Besucher waren eingeladen, visuellen und klanglichen Spuren bis auf die SfG-Dachterrasse zu folgen. Da war sie wieder, die Schwerelosigkeit.