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23. Dezember 2008
Kleine Erleuchtungen inbegriffen
Warum gibt es Religionen? Ulrich Schnabels große Studie "Die Vermessung des Glaubens"
Das Christkind kommt auch nach Malawi. Doch in einer Ecke des afrikanischen Staates herrscht Mbona. Dort bringt er Regen, schenkt Land und Leuten Fruchtbarkeit. Ebenso kann der Gott mit Fluten und Seuchen strafen. Ihm zu Ehren errichten seine Anhänger alle Jahre wieder einen Schrein, den Wind und Wetter rasch zerstören. Dann legen die Gläubigen alle Streitigkeiten bei, um gemeinsam ein neues Heiligtum zu bauen. Das wollten ihnen Europäer ersparen. Sie boten den Mbona-Jüngern beständiges Baumaterial an. Die winkten ab. "In Wahrheit ist das Heiligtum nebensächlich", schreibt Ulrich Schnabel, "was wirklich zählt, ist dessen versöhnende gesellschaftliche Funktion."
Religiöse Rituale erhöhen Kooperationsbereitschaft und Vertrauen, minimieren Ausbeutung und Betrug. Sie stabilisieren Glaubensgemeinschaften. Deshalb habe sich Religion in der Evolution durchgesetzt, erklärt Schnabel in "Die Vermessung des Glaubens". Das Buch fasst zusammen, was Forscher darüber in Erfahrung gebracht haben, wie menschliche Natur und Religion, Religiosität sowie transzendentale Zustände zusammenspielen: Macht ein "Gottes-Gen" die Menschen gläubig? Brauchen sie dazu ein "Gottes-Modul" im Gehirn? Leben Gottesfürchtige moralischer und gesünder? Warum gibt es Religionen?
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Beim Versuch, diese Fragen zu beantworten, durchkämmt Zeit-Redakteur Schnabel psychologische Studien, interviewt Wissenschaftler und Pastorinnen, unternimmt Selbstversuche und hinterfragt die Ergebnisse neurobiologischer Experimente. Ein buntes, hochinteressantes, teils widersprüchliches Sammelsurium: Die Wissenslücken sind groß, die Grundlagen vieler Studien wackelig. Lässt sich etwa das Maß der Religiosität eines Menschen wirklich erfassen? Wann wirkt Gläubigkeit – als Fluch oder Segen – und wann liegt es am Lebenswandel und sozialen Umfeld?
Dünn und glatt ist das Eis, auf dem Schnabel wandelt. Doch er schlittert nicht. Der Wissenschaftsjournalist wägt ab, deckt Schwächen auf und liefert meist mehrere Deutungsmöglichkeiten. So stößt er niemand vor den Kopf. Locker, flüssig und humorvoll bedient er Atheisten wie Gläubige. Zen-Buddhist Schnabel verbrüdert sogar Evolution mit Religion und geißelt Fundamentalismus allerorten: "Wer die Bibel als wissenschaftlichen Tatsachenbericht missversteht, erfasst das evolutionäre Geheimnis des Glaubens ebenso wenig wie derjenige, der ,Gott’ einfach als Illusion wegerklärt." Sein Werk über Glaubenforschung liest sich sehr versöhnlich. Dennoch produziert Schnabel kein leeres Gewäsch. Zwar bleiben Fragen offen – etwa wie Religion entstand. Dann spielt der Autor mit Hypothesen oder lässt es Experten tun. Sonst präsentiert der "hauptberufliche Zweifler" Schnabel viel Erstaunliches über Menschen und Glaube. Gute Unterhaltung ist garantiert, kleine Erleuchtungen inbegriffen.
Während religiöser Verzückung arbeiten das "Gottes-Gen" und "Gottes-Modul" im Schläfenlappen kräftig. Allerdings rattern viele weitere Rädchen im biologischen Glaubensapparat frommer Menschen. Diese halten sich bei Sex und Drogen deutlich zurück, sind jedoch keinesfalls ehrlicher, hilfsbereiter oder glücklicher. Euphorischer leben dagegen überzeugte Atheisten und Hochgläubige – Menschen, die sich ihrer Weltsicht todsicher sind. Sie leiden zudem seltener und kürzer an schweren Krankheiten. Dazu müssen die Frommen aber auf hilfreiche Götter vertrauen. Statistisch heilen die Überwesen nur bedingt: Wer mit seinem Glauben an strafende Gottheiten auch noch hadert, ist medizinisch am übelsten dran.
– Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Blessing Verlag, München 2008. 576 Seiten, 24.95 Euro.
Autor: Jürgen Schickinger
