Interview

Krimi-Autor Wolfgang Schorlau: "Die Realität ist schlimmer"

blu

Von blu

Di, 10. Januar 2012

Literatur

Akribisch recherchiert Wolfgang Schorlau skandalöse Zustände unserer Gesellschaft als Grundlage für seine Krimis. Im BZ-Interview spricht er über die Machenschaften der Pharmaindustrie in seinem neuen Buch "Die letzte Flucht".

Eine Art Günter Wallraff des deutschen Kriminalromans: Das ist eine passende Bezeichnung für Wolfgang Schorlau. In "Die letzte Flucht" stößt Georg Dengler auf "kriminelle" Machenschaften der Pharmaindustrie, wie sie Schorlau nennt. Darüber sprach mit ihm Mechthild Blum.

BZ: Im Nachwort Ihres jüngsten Romans ist zu lesen: "Ich kann es nicht anders sagen: Diese Industrie wird von einer beispiellosen kriminellen Energie getrieben." Und in Ihrem Roman hat die Pharmaindustrie sogar buchstäblich Blut an den Händen: Realität oder Fiktion?
Wolfgang Schorlau: Die Realität im Gesundheitswesen ist schlimmer, als sich manch fiktionaler Autor ausdenken mag. Wir alle sind buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre existenziell auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen. Leider ist es nahezu vollständig an eine Industrie ausgeliefert, die alles zu korrumpieren sucht, mit dem sie in Berührung kommt. Anhand der Liste meiner Quellen sind alle Sachverhalte, die in meinem Roman geschildert werden, nachprüfbar.
BZ: Der Arzt hat für die Pharmaindustrie allein die Funktion eines "Verordners" schreiben Sie. Wie passt diese Geringschätzung zu dem Ziel, Medikamente zur Heilung von Krankheiten zu entwickeln?
Schorlau: Es gibt einen himmelschreienden Widerspruch zwischen den oft laut vor sich her getragenen ethischen Grundsätzen, wie sie z. B. im Eid des Hippokrates formuliert sind und der Praxis im Gesundheitswesen. Für die meisten Pharmakonzerne sind ethische Grundsätze eine Funktion des Marketings. Der Arzt hat gewissermaßen täglich damit zu ringen, ob er den Verlockungen dieser Konzerne oder seinem Eid folgen soll.
BZ: Klaus Lieb spricht in seinem Buch "Interessenkonflikte der Medizin" von "Ghost management" bei der Konzeption und Auswertung von Medikamentenstudien. Ghostwriter der Herstellerfirma übernehmen für die beteiligten Ärztinnen und Ärzte das Verfassen wissenschaftlicher Artikel für Fachzeitschriften, was deren Karriere dient. Haben sie einen Teufelspakt mit der Pharmaindustrie geschlossen?
Schorlau: Ein Big Boss aus dem Pharmabereich erzählte mir, dass etwa die Hälfte der Ärzte anfällig seien für das "kriminelle Marketing", wie Prof. Peter Schönhöfer vom renommierten "Arzneitelegramm" es nennt. Da sind die "Anwendungsbeobachtungen" bei den Haus- und Fachärzten – in Wirklichkeit verdeckte Umsatzprovisionen, da sind die Verfälschungen von Studien durch Weglassungen, Auswahl junger Probanden für Medikamente, die hauptsächlich für ältere Patienten gedacht sind, Steuerung von Ergebnissen durch die Vergabe von Drittmitteln. Ein bekannter Forscher hat einmal gesagt, durch das Verschweigen von Nebenwirkungen in Studien seien in den USA mehr Menschen umgekommen als durch den Vietnamkrieg.
BZ: Birgit Fischer war Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, bevor sie im Mai vergangenen Jahres als Cheflobbyistin zum Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) wechselte. Ist ein solcher Vorgang auch Teil dieses Pakts?
Schorlau: Frau Fischer hat einen guten Ruf. Ich weiß, dass sie den Verband reformieren will. Es wird sich zeigen, ob sie Erfolg hat oder ob ihre Berufung so ist, als hätte die Mafia Mutter Theresa als Pressesprecherin gewonnen.
BZ: Seit 2010 gibt es das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, wonach die Preise zwischen Krankenkassen und Pharmaindustrie ausgehandelt werden müssen . . .
Schorlau: . . . und dennoch werden nach wie vor die Preise nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern willkürlich vom Hersteller festgelegt. Erst nach einiger Zeit sind Verhandlungen möglich. Aus diesem Grund sind Medikamente hierzulande so teuer wie sonst nirgends in Europa.
BZ: Warum schreiben Sie kein Sachbuch?
Schorlau: Ich bin Erzähler. Und zwar mit Leib und Seele. Gemeinsam mit meinem Helden Georg Dengler hinter die Kulissen von Strukturen und Einrichtungen zu schauen, die wir alle zu kennen glauben, das ist mein Ding.
BZ: Auch die Ereignisse rund um Stuttgart 21 werden in "Die letzte Flucht" thematisiert. Das zeugt von sensiblem politischen Bewusstsein. Aber haben Sie da nicht zu viel auf einmal in den Roman gepackt?
Schorlau: Dengler ist zwar Badener, lebt aber nun in Stuttgart. Und, glauben Sie mir, in Stuttgart ist es unmöglich, nicht von diesem Konflikt berührt zu werden.
BZ: In welchem Milieu ermittelt Dengler demnächst?
Schorlau: Das weiß ich noch nicht. Er sitzt gerade in seinem Büro, Füße auf dem Schreibtisch und starrt aufs Telefon. In der Zwischenzeit arbeite ich an einem unblutigen, aber hoffentlich trotzdem spannenden literarischen Stoff. Schauplatz ist Freiburg. Erzählt wird die Freundschaft zwischen einem reichen Jungen aus Herdern und einem Jungen aus dem früheren Eisenbahn-Waisenhort in den sechziger und siebziger Jahre. Beide lieben die hinreißende Fritzi, die Psychologie studiert. Anhand der Erlebnisse dieser drei Figuren diskutiere ich die Frage, ob man den Idealen der Jugend treu bleiben soll oder besser nicht.

– Wolfgang Schorlau: Die letzte Flucht. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 351 Seiten, 8,99 Euro. Lesungen: 11. Januar, 20.30 Uhr, Hinterzarten, Hotel Kesselmühle, Erlenbruckstraße 45. 2. Februar, 20 Uhr, Freiburg, E-Werk, Eschholzstraße 77. Moderation BZ-Redakteurin Bettina Schulte. Karten: Tel. 0761/2 68 77