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22. August 2009
Ein falsches Leben
Sibylle Bergs Roman "Der Mann schläft" ist ein Buch der Enttäuschungen / Von Wilhelm Hindemith
Sibylle Bergs schwarze, todmüde Sicht auf unsere menschliche Existenz ist irgendwie schick, gibt sich die Anmutung anspruchsloser Wahrsagerei. Die Prätention versteckt sich im betont Unprätentiösen: Maschinenlärm halte sie gut aus, "allein Geschwätz macht mich verrückt", schreibt Frau Berg. Ob sie ahnt, wie sehr der Satz auf sie zurückfallen könnte?
Schauplatz ihres neuen Buches "Der Mann schläft" ist eine südchinesische Touristen-Insel. Dorthin schleppt die lebensmüde Europäerin ihre Resthoffnungen. Vielleicht lebt es sich dort erträglicher, wo die Sonne wenigstens öfter scheint. Aber sie hat ihren Lebensüberdruss mit zu den Asiaten genommen. Auch hat sie keinen Mann mehr, er ist fort, und sie erinnert sich an einiges Erfreuliche, das sie jetzt vermisst ohne ihn.
Sybille Berg ist eine Journalistin, die in das undeutlich definierte Romangebiet ausreißt, um sich dort die Freiheiten zu nehmen, die der Journalismus ihr bis heute verböte. Ihr Stoff ist die allgemeine Beziehungskisten-Moral, an der nichts mehr zu stimmen scheint. Ihren Degout auszudrücken über das seltsame Leben – welchem sie freilich nichts Besseres entgegen zu setzen hat – daran haftet ihr Erinnern, ihr Begehren, tabula rasa zu machen. Sie ist müde, selbst von ihrer zu geringen Intelligenz enttäuscht und froh, dass sie es gerade noch schaffte, im Privilegien-Park der Literatur anzukommen, wo man nicht diesen verhassten Chefs und Autoritäten ausgesetzt ist. Hier geht es nicht ganz real zu, hier kann man Tage lang im Bett bleiben. Sie fühlt sich wie eine Rentnerin, vom Leben als allgemeinem Kommunikationszwang befreit, nachdem sie so oft auf alle möglichen Verlockungen reingefallen ist, etwa auch der fixen Idee folgte, einer Generation von Frauen anzugehören, "die ihre Kräfte maßlos überschätzten. Die in allem brillant sein mussten, (...) die krank wurden wegen eines zu anstrengenden Lebensentwurfs. (...) Als ich mit Männern Frieden schloss, weil ich nach den Jahren des Kampfes gegen sie herausgefunden hatte, dass sie sich von Frauen wenig unterschieden, war es, wie ich fand, bereits zu spät, um mein Leben noch mit einem zu teilen (...)."
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Wie die Liebe ersehnen, wenn man an keine Wunder mehr glaubt? Wenn man an nichts mehr glauben kann, nicht an sich selbst und an das bisschen Zukunft? Der Rausch des Lebens ging rasch vorbei, zwischen 30 und 40 gab es ihn am ehesten noch, schreibt sie. Endlich war sie der Knechtschaft der Kindheit entflohen und noch eine Gnadenfrist vom Graus des Alters entfernt. Doch jetzt ist die Zukunft zum Heulen miserabel: "All unsre ernsthaften Versuche, die Welt zu verstehen, charakterlich integre Personen zu werden, Besitz anzuhäufen, die Umwelt zu retten, Doktortitel zu erwerben, enden mit verschissenen Windeln im Altersheim."
Sie räsoniert unaufhörlich über den Lug der optimistischen Lebensentwürfe, was aber erzählt sie eigentlich? Ist Sibylle Berg überhaupt eine Erzählerin ? Welche Story verbirgt sie hinter ihren Räsonnements zum falschen Leben, das wir führen? Sie erzählt jede Menge kleine Malheurs, die ihr widerfuhren, wie Millionen anderen auch. Ihre Geschichten sind Dutzendgeschichten. Im Meinungshaften dieser Prosa fällt immer derselbe Groschen durch die Maschen. Die grobe Story, die sich wie ein Schattenriss hinter dem Meinungsgerümpel abzeichnet, handelt von einem Mann, der mit Abwesenheit glänzt, irgendwo schläft er wahrscheinlich. Er blieb kurz bei ihr, verhielt sich idealerweise still und verschwand wieder. Es war eine Liebe nach all den Illusionen der Liebe, ein Zustand des erträglich-männlichen Minimums.
Der Unernst, mit welchem sie Banales wie letzte Tatsachen behauptet, ist tückisch, oft ins Vorläufige gesprochen, und nur mit Unbehagen als Ironie zu bezeichnen. Ihre Wut ist alt, stammt noch aus ihrer Jugend. Doch der Ton ihres Jammers ist es wohl, der die Attraktivität der Lektüre ausmacht, die Marke dieser sonderbaren Anklägerin. Sie lebt vom Erbe einer Revolte, deren radikale Aufklärungslust noch immer nachhallt in allem, was unseren grauen Fußgängerzonen-Alltag repräsentiert. Die alten Illusionen zünden nicht mehr, und selbst auf ihre Freunde pfeift sie inzwischen. " Und meine Freunde, als ich noch welche hatte, fanden mich negativ. Man muss das Leben doch genießen, sich fortbilden, weiter entwickeln, Ziele haben, Visionen. Ich vermisse die Freunde nicht."
Man fragt sich, weshalb man so lange durchhält beim Lesen des immergleichen Jammers, der sich selbst als Jammer verhöhnt? Ist es diese Schonungslosigkeit, mit der sie sich selbst angeht, anklagt, angreift – die einen warten lässt, doch worauf? Sie probiert es noch einmal mit einem chinesischen Masseur, aber mit ihm würde es nicht lange dauern. Es war nur ein Spleen, wie alles in dem Buch oft einem Spleen gleichsieht.
Ein tieftraurig-galliges Buch der Enttäuschungen, die gewiss nicht Gegenstand der Kritik sein können, die aber gewiss in einer genau erzählten großen Geschichte einzelner Individuen mehr wunderlichen Trost – rein sprachlich – spendeten, als in diesem flott herunter gespulten Kolumnendeutsch, das alle und keinen betrifft.
– Sibylle Berg: Der Mann schläft. Roman. Hanser 2009. 308 Seiten, 19, 90 Euro.
Autor: Wilhelm Hindemith
