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21. Mai 2014

Sieben Jahre Blutsbrüderschaft

Das Theater Freiburg zeigt das Jugendstück "Zweier Ohne".

  1. Theater Freiburg: Zweier Ohne. Mit Konrad Singer und Hendrik Heutmann Foto: Maurice Korbel

Wenn Johann und Ludwig mit hochgestreckten Armen und aufgerissenen Augen auf den Zehenspitzen kippeln, um sich plötzlich mit einem wilden Mutschrei nach hinten fallen zu lassen – dann vergisst man die Schulstühle unter ihnen, dann spürt man den Wind und mit ihm die tödliche Höhe einer Autobahnbrücke, die sich weit über das Flusstal spannt. Und auch Werkstatt oder Ruderboot funktionieren in Sascha Flockens Jugendstück "Zweier Ohne" nach der Novelle von Dirk Kurbjuweit so grandios per Imagination, dass sich in sechzig spannenden Minuten reale und Seelenräume wie von selbst öffnen. Und das mit purer Schauspielkunst und vollem Körpereinsatz.

Elf mal war die Produktion des Theaters Freiburg seit Januar in Schulen unterwegs, flankiert von einer landesweiten Diskussion über die pädagogische Tauglichkeit des Stoffes als Pflicht- und Prüfungslektüre, lässt Kurbjuweit seinen Erzähler Johann doch so lakonisch wie offenherzig über seine Erfahrungen mit Freundschaft und erstem Sex berichten. Die Inszenierung kam beim jungen Publikum jedenfalls so gut an, dass sie jetzt nochmals im Werkraum zu sehen ist.

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Auch hier bleibt man mobil: Zackig schleppen Hendrik Heutmann (Johann) und Konrad Singer (Ludwig) eine zerkratzte Schulbank und Stapelstühle auf die Bühne, einen Augenblick später rezitieren die beiden im Unterrichtsmodus Schillers "Bürgschaft", um dann mit viel Gesprotzel und Gebrumm auf einem fiktiven Motorrad davonzubrausen. Johann und Ludwig – das sind sieben Jahre Blutsbrüderschaft, das sind erst Spaß und Spiel, später Vertrauen, Versprechen und große Pläne. Ihre wichtigsten Momente werden hier mittels schnell geschnittener Szenen und Erzähleinschüben von hinten aufgerollt: Schwitzend stemmen die beiden Halbstarken Stühle, rudern, raufen und albern, teilen alles, streiten nie. Beste Freunde eben, wenn unter aller kraftvollen Lebendigkeit nicht zunehmend etwas Ungeheuerliches seinen Schatten werfen würde: "Wenn ich jetzt springen würde, würdest du dann auch springen?", so Ludwigs fordernde Frage auf der Brücke.

Längst ist sein Zwillingsprojekt über den Sport hinaus zur Obsession geworden, hat er doch sein Heilmittel gegen die Lebensangst gefunden: die perfekte Symbiose. So belauert er eifersüchtig Johanns Alleingänge, organisiert für beide ein Mädchen und begräbt mit dem Freund heimlich einen der vielen Brückenspringer. Diese Geheimnisse schweißen zusammen. Doch dann verliebt sich Johann in Ludwigs Schwester.

Der Grund für das tragische Ende bleibt offen. War es ein Unfall? Oder die logische Konsequenz einer zerstörerischen Beziehung? Die Interpretation bleibt dem Publikum überlassen. Auch das ist eine Güte dieser Inszenierung, die so leichtfüßig wie subtil Handlungsstränge und Bedeutungsebenen übereinander schiebt und dabei Augenblicke großer Nähe zunehmend mit Irritationen durchsetzt. Ein tolles Stück, großartig gespielt.
– Weitere Termine: 27. Mai, 23. und 24. Juni jeweils um 19 Uhr, Theater Freiburg. BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888.

Autor: Marion Klötzer