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13. April 2011

Stockhausen-Oper: Für jeden Tag ein anderer Duft

Die postume Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Oper "Sonntag aus Licht" in Köln.

  1. Die Welt im Nebel Foto: klaus lefebvre

Rotoren, Flugkörper und bizarre Raumfahrzeuge dominieren die Szene, in luftigen Höhen räkeln sich vier Menschen in Hängematten, in Projektionen wird von Planeten und ihren Monden erzählt. In der ersten Szene dieser Oper ist das Thema der (Welt-)Raum, der Aufführungssaal im Kölner Staatenhaus ist rund, das Publikum sitzt überall, die Sänger und die Musiker des Ensembles musikFabrik agieren in den Gängen dazwischen und sind permanent in Bewegung. In einem normalen Opernhaus mit Guckkastenbühne wäre dieser Teil von "Sonntag aus Licht" gar nicht aufführbar. Karlheinz Stockhausens "Licht" ist ein Werk der Superlative: 29 Stunden Gesamt-Aufführungsdauer, hinter denen 26 Jahre Kompositions-Arbeit stecken; "Licht" ist das längste zusammenhängende Werk der abendländischen Musikgeschichte, fast doppelt so lang wie Wagners "Ring". Jedem der sieben Wochentage ist eine Oper gewidmet, bis auf den "Mittwoch aus Licht" wurden inzwischen alle szenisch aufgeführt, in Mailand, Leipzig, London, oder wie jetzt in Köln, der Heimat des Rheinländers Stockhausen.

In der gesamten Heptalogie geht es um das Verhältnis zwischen den drei Zentralgestalten Eva, Michael und Luzifer. Der letzte Teil, der "Sonntag aus Licht", ist der weitgehend konfliktlose "Tag der Vereinigung". Eine Oper ohne Handlung und ohne Konflikte: Was soll man da inszenieren? Carlus Padrissa von der spanischen Theatertruppe "La Fura dels Baus" wagte einen Versuch. Allerdings schaute ihm dabei Kathinka Pasveer auf die Finger, eine von Stockhausens Lebensgefährtinnen und seit dem Tod des Komponisten im Dezember 2007 so etwas wie seine Stellvertreterin auf Erden. Jede der sechs Szenen von "Sonntag aus Licht" setzt völlig andere szenische Rahmenbedingungen voraus, und Padrissa, dem die Kölner Oper offenbar keine Aufwands-Grenzen gesetzt hatte, griff in die Vollen: Die zweite Szene etwa mit dem Titel "Engel-Prozession" war in Köln eine Orgie der Schmink- und Kostümierungs-Kunst. Ständig ziehen bizarr geschminkte Engel-Chöre durch den Saal, die Folge ist ein Farben- und Klangrausch von überwältigender sinnlicher Kraft, vielleicht der stärkste szenische Eindruck der Oper.

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Unhinterfragte Klangschönheit

So wie die Grund-Disposition der Szenen radikal unterschiedlich ist, ist es auch die Musik. Während in der ersten Szene die Instrumentalisten der musikFabrik stark gefordert sind, ist die "Engel-Prozession" ein lupenreines A-capella-Stück. Das ist schon glänzend gemacht, wie Stockhausen mit diesen Chören umgeht, man kann von dieser musikalischen Vielfalt eigentlich nur schwärmen. Einen ganz ähnlichen Klang-Eindruck gibt es in der vierten Szene "Düfte-Zeichen": Auch hier ist bis auf die Syntheziser-Grundierung alles vokal, nur dass diesmal statt sieben Chören sieben Solisten am Werk sind, die eine Musik von großer Kantabilität und klangsinnlicher Schönheit erzeugen – ganz anders als man das von einer zeitgenössischen Oper erwartet. Das klingt manchmal wie ein altes Madrigal und ist in seiner unhinterfragten Klangschönheit wunderbar anachronistisch. An der Musik liegt es also sicher nicht, wenn diese Oper auch Ratlosigkeit auslöst. Eher schon an ihren zahlreichen esoterischen Elementen. Stockhausen hat sich aus Elementen verschiedener Weltreligionen einschließlich eines sinnenfrohen rheinischen Katholizismus eine eigene Kunstreligion zusammengebastelt: Stockhausens Musik, so schön sie klingt, ist von Anfang bis Ende durchdrungen davon, Stockhausens Libretti sind es sowieso. Es gibt einen Punkt, an dem nur noch die echten Stockhausen-Jünger ihrem Meister zu folgen bereit sind. Für die anderen bleibt immerhin noch die wunderbare Musik – auch wenn sie nur wenig Sinn darin sehen mögen, dass – wie in der vierten Szene – für jeden Wochentag ein anderer Duft an ihnen vorbeigetragen wird.
– Weitere Vorstellungen: 20./21., 24., 26./27., 28./29. 4., 1. 5. Karten unter: Tel. 0221/ 2212 8400.

Autor: Stephan Hoffmann