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29. September 2011 20:06 Uhr

ConText in Offenburg

Todenhöfer: "Ich bin kein besonders moralischer Mensch"

Prominenter Kritiker der Kriege im Irak und Afghanistan: Jürgen Todenhöfer eröffnet die Sachbuch-Reihe ConText in Offenburg. Über seine Zeit bei Burda und das Feindbild Islam

  1. Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit Aufständischen auf dem Flughafen von Tripolis. Foto: Julia Leeb

  2. Prominenter Kritiker der Kriege in Afghanistan und Irak: Jürgen Todenhöfer.

  3. Prominenter Kritiker der Kriege in Afghanistan und Irak: Jürgen Todenhöfer.

OFFENBURG. Am Dienstag, 4. Oktober, starten die Stadtbibliothek Offenburg und die Volkshochschule ihre neue Reihe ConText. Sie rückt Sachbücher in den Fokus, die spannende Impulse zu Gesellschaftsfragen geben. Für die Ouvertüre konnten die Veranstalterinnen Jürgen Todenhöfer gewinnen. In seinem Buch "Teile dein Glück und du veränderst die Welt" verknüpft der CDU-Politiker, ehemalige Burda-Topmanager und prominente Kritiker der Kriege im Irak und in Afghanistan, sein persönliches ethisches Navigationssystem mit einer Lebensbeichte und weltpolitischen Betrachtungen. Ralf Burgmaier hat ihn dazu befragt.

BZ: Herr Todenhöfer, Sie haben einen Teil Ihrer Jugend in Offenburg verbracht, waren Schüler am Schiller-Gymnasium . . .
Jürgen Todenhöfer: . . . ein schlechter Schüler . . .

BZ: . . . dafür ein guter Linksaußen in der Jugend des OFV.
Todenhöfer: Ja und mit mehr Erfolg als in der Schule.

BZ: Haben Sie aus dieser Zeit noch Freunde oder Bekannte in Offenburg?

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Todenhöfer: Die Kontakte aus meiner Kindheit haben sich aufgelöst. Ich habe nach der Zeit in Offenburg vom 15. bis 30. Lebensjahr in Freiburg gelebt, dann 20 Jahre in Bonn, Kaiserslautern und Tübingen und 20 Jahre in München. Deswegen freue ich mich, dass meine einzige Lesung in Offenburg stattfindet. Das ist eine Rückkehr in die Kindheit.
"In Offenburg wäre ich ja fast aus dem Schiller-Gymnasium geflogen."

BZ: Die Frage, was Glück ist, treibt die Menschen um. Die Philosophie gibt da Antworten. Sie verknüpfen mit Ihrem Buch die Antworten der Philosophie mit Autobiographischem und weltpolitischen Betrachtungen. Wieso haben Sie diese Form gewählt?
Todenhöfer: Ich habe 20 Jahre lang für meine Kinder die wichtigsten Geheimtipps meines Lebens aufgeschrieben. Viele Dinge habe ich immer wieder falsch gemacht und dann ganz plötzlich doch gesehen, wie es geht. Das habe ich in Aphorismenform aufgeschrieben. Irgendwann habe ich diese meinen Kindern gegeben. Die haben zu meiner Überraschung gesagt: Hey, das solltest du veröffentlichen, das ist gut. Mein Verleger bei C. Bertelsmann war dann aber der Auffassung, ich sollte, das, was ich da behaupte, mit Kurzgeschichten, belegen. Da habe ich den Aphorismen ein halbes Jahr lang lustige, traurige, dramatische, persönliche Erlebnisse hinzugefügt. Plötzlich war das ein Buch, das weit über mich hinausging. Ich bin kein besonders moralischer Mensch. Als ich mein Buch jetzt für die Taschenbuchausgabe noch einmal überarbeiten musste, habe ich gedacht: Auweia, den Leuten Ratschläge geben, genau das wollte ich doch gerade nicht. In Offenburg wäre ich ja fast aus dem Schiller-Gymnasium geflogen. Glücklicherweise müssen das meine Lehrer jetzt nicht mehr lesen.

BZ: In Ihrem Buch gehen Sie sehr kritisch mit sich ins Gericht. Sie schreiben zum Beispiel einen Satz wie: "Selbst mein gelegentlicher Altruismus hat egoistische Züge." Anders gesagt: Sein Glück teilt man also nur, weil es der einzige Weg ist, selbst einen Zipfel davon zu erwischen?
Todenhöfer: Jein. Das Fazit meines Buches lautet: Erstens: Mach was aus deinen Talenten – egal ob du Handwerker, Journalist, Apotheker oder Krankenschwester bist. Und zweitens: Teile dein Glück – das heißt, lass auch andere daran teilhaben. Das ist im Grunde der Sinn des Lebens.

"Auch im Erfolg waren meine besten Freunde immer einfache Leute."

BZ: Lässt sich der Katalog der – Sie nennen das – "sanften Tugenden" wie Klugheit, Herzlichkeit, Nächstenliebe et cetera, den Sie am Ende des Buches auflisten, und die Siegertugenden in ein und demselben Leben miteinander verbinden?
Todenhöfer: Ja, sehr gut. Ich war letzten Samstag beim Fußballspiel Bayern gegen Leverkusen. Ich glaube, dass ein Fußballspieler es nur zu etwas bringt, wenn er hart an sich arbeitet und versucht, ein Siegertyp zu werden. Ein perfekter Spieler wird er aber nur dann, wenn er andere an seiner Freude teilhaben lässt. Bei Bayern ist zurzeit Frank Ribéry der beliebteste Spieler. Er arbeitet wie ein Wilder an sich, ist aber auch der Spaßmacher für die anderen. Wenn er allein vor dem Tor steht, schaut er, ob noch ein anderer da ist. Oft lässt er den dann das Tor machen.

BZ: Sie schreiben offen von eigenen Untugenden, auch von Ihrer Einsamkeit und von verletzter Treue. Lässt sich ein Leben mit beruflichen Erfolgen, die Sie zweifellos hatten und haben, mit dem Katalog der sanften Tugenden, den Sie am Ende des Buches auflisten, vereinbaren?
Todenhöfer: Ja, auch im Erfolg waren meine besten Freunde immer einfache Leute. Meine größte Freude in Offenburg war zum Beispiel, mit unseren Druckern und Schlossern Fußball zu spielen. Zu denen habe ich mich immer hingezogen gefühlt.

BZ: Sie stammen aber eher aus einer bürgerlichen Familie. War das als Lebensmodell für Sie nicht attraktiv?
Todenhöfer: Wir waren eine recht einfache Familie. Wir haben zuerst in der Okenstraße gewohnt und dann in der Moltkestraße gegenüber Vivil. Viel bescheidener konnte man nicht leben: Wir hatten eine schlichte Wohnung, mein Bruder und ich hatten gemeinsam ein winziges Zimmer.

BZ: Ihr Vater war Staatsanwalt und Richter.
Todenhöfer: Ja, aber er war sehr bescheiden. Er besaß nie ein Auto, er hat immer gespart und dasselbe von uns verlangt. Ob ich irgendwelchen Tugendkatalogen gerecht werde, darüber denke ich nicht nach. Ich schaue, dass ich mich anderen gegenüber anständig verhalte und auch das schaffe ich manchmal nicht. Dann sagt mir eines meiner Kinder: "Das war aber nicht gut." Dann schaue ich, dass ich es korrigiere.

BZ: Mit welchen Gefühlen kommen Sie in ihre alte Heimatstadt?
Todenhöfer: Offenburg ist für mich etwas ganz Besonderes. Als ich mit 15 weg musste, weil mein Vater Oberlandesgerichtsrat in Freiburg wurde, war ich monatelang der traurigste Mensch der Welt. Offenburg war meine Kindheit, meine Heimat. Jetzt hoffe ich, dass es am Mittwoch noch Weintrauben gibt, weil ich früher aus Offenburg immer einen ganzen Korb voll für meine Kinder mitgebracht habe. Und frische Walnüsse, deren Haut noch nass ist.

BZ: Über die zwei Jahrzehnte Ihrer Karriere bei Hubert Burda Media erfahren wir im Buch nicht so viel. Wieso?
Todenhöfer: Weil ich glaube, dass sich das nicht gehört. Man kann offen über Politik reden, weil Politik öffentlich ist. Ein Privatunternehmen ist privat, da sollte man nicht zu viele Interna erzählen.

BZ: Sie haben den größten Teil ihres Vermögens in Stiftungen gesteckt?
Todenhöfer: Es gibt eine Familienstiftung und zwei gemeinnützige Stiftungen, die Stiftung "Sternenstaub" und eine Stiftung für MS-kranke Menschen in Not, geführt von meiner an MS erkrankten Tochter Nathalie. Diesen zwei gemeinnützigen Stiftungen habe ich über 60 Prozent meines Besitzes geschenkt. In der Familienstiftung liegt etwa ein Drittel. Ich persönlich habe heute noch weniger als zehn Prozent dessen, was ich noch vor zwei Jahren besessen habe.
BZ: Obwohl ein Teil Ihres privaten Geldes in Liechtenstein liegt, zahlen Sie Steuern an den deutschen Staat?
Todenhöfer: Ja, natürlich. Ich hab das mit den deutschen Finanzämtern abgestimmt und für unsere Behörden sogar das Bankgeheimnis aufgehoben. Ich bin da für totale Offenheit. Im Bundestag war ich der erste CDU-Abgeordnete, der seine Vermögensverhältnisse offengelegt hat. Ich habe auch in Kanada, Amerika und Indien erfolgreich investiert. Investitionen im Ausland sind nur dann problematisch wenn man sie am Fiskus vorbei macht.
"Nachdem die Sowjetunion als Feindbild ausgefallen war, haben sich einige westliche Politiker da ein neues Feindbild aufgebaut, das Feindbild Islam."
BZ: Und wo liegen die gemeinnützigen Stiftungen?
Todenhöfer: In Deutschland. In der Stiftung "Sternenstaub" kümmern sich in München 15 Studenten um über 25 alte, vereinsamte Menschen. Und dann helfen wir noch Kindern im Kongo, im Irak und in Afghanistan, wo ich gerade ein zweites Waisenhaus gebaut habe.

BZ: Sie hatten einmal den Plan, bei einem der ersten kommerziellen Weltraumflüge dabei zu sein. Ist der jetzt noch drin?
Todenhöfer: Ja, den habe ich schon vor Jahren bezahlt. Das war richtig teuer. Der Flug sollte eigentlich jetzt stattfinden, aber wie es aussieht, planen die das erst in zwei, drei Jahren. Ich bin gespannt, wie dann meine Kondition sein wird. Es ist halt ein Traum. Als Kind in Offenburg habe ich mir immer vorgestellt, dass eine Eisenbahn durch den Himmel fliegt. Da wollte ich dabei sein. Und jetzt träume ich davon, dass ein Spaceshuttle mich in die Erdumlaufbahn bringt.

BZ: Woher kommt Ihre tiefe Zuneigung zur islamischen Welt?
Todenhöfer: Diese Zuneigung ist nicht größer als für die übrige Welt. Ich war oft in Lateinamerika, war der erste deutsche Abgeordnete in Castros Kuba, war in Chile, war jetzt wieder monatelang in Asien, im Himalaya, in Rishikesh, in Amritsar, der heiligen Stadt der Sikhs. Die muslimische Welt ist nur ein Teil unserer Welt, um den sich allerdings nach 9/11 ein großer Konflikt entwickelt hat. Da ich die muslimische Welt seit 50 Jahren bereise, habe ich gedacht, Moment mal. Was einige Politiker im Westen über diese Welt erzählen, stimmt doch gar nicht. Die Muslime sind auch nicht schlechter als wir Christen und Juden. Sie sind vielleicht nicht ganz so dynamisch und durchgedreht wie wir Westler, aber sie sind dafür liebenswerter und gastfreundlicher. Nachdem die Sowjetunion als Feindbild ausgefallen war, haben sich einige westliche Politiker da ein neues Feindbild aufgebaut, das "Feindbild Islam". Sie brauchen dieses Feindbild, im ihre Kriege gegen Afghanistan und den Irak zu rechtfertigen. Bei dieser Dämonisierung sollten wir nicht mitmachen.

BZ: Über Wolfgang Schäuble schreiben Sie: "Er gibt dem Leben mehr als das Leben ihm gibt. Er teilt sein Glück, obwohl er keines hat."
Todenhöfer: Schäuble war zu meiner Zeit als enger Freund Kohls einer meiner größten Kritiker und Gegner. Ein Wahnsinniger hat seine Gesundheit zerstört. Wolfgang Schäuble könnte sich ein bequemeres Leben leisten. Stattdessen macht er den härtesten Knochenjob, den diese Bundesregierung zu vergeben hat. Mit so viel Verantwortungsbewusstsein. Da ziehe ich den Hut. Helmut Schmidt und Schäuble sind zwei große Vorbilder.

INFO:

Jürgen Todenhöfer liest am Dienstag, 4. Oktober, um 19 Uhr in der Reithalle Offenburg. Moderation Sibylle Reiff-Michalik. Vorverkauf im Bürgerbüro, 0781/822000.

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Autor: Ralf Burgmaier