Und am Ende der Rhein

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 10. Dezember 2018

Literatur & Vorträge

Sie brachen so manche Diskussion vom Zaun: Jetzt werden die seit 1962 erschienenen "Freiburger Universitätsblätter" eingestellt.

Sie sind ein Unikum im Umfeld der deutschen Universitäten: die letzte Publikation ihrer Art. Jetzt sollen auch sie von der Bildfläche verschwinden. Noch eine Ausgabe, dann sind die "Freiburger Universitätsblätter" Geschichte. Eingestellt werden sie nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen, wie der Herausgeber der seit 1962 viermal jährlich erschienenen Zeitschrift, der Freiburger Emeritus der Literaturwissenschaft Günter Schnitzler, betont. Das vom Freiburger Rombach Verlag gedruckte und vom Verleger Andreas Hodeige mit großzügigen Spenden unterstützte Periodikum wurde von den Mitgliedern des Verbandes der Freunde der Universität und der Vereinigung der Alumni mit einem geringen Beitrag von 2,55 Euro pro Heft mitfinanziert, der vom Mitgliedsbeitrag abgezogen wurde. Einen weiteren Zuschuss von wenigen hundert Euro pro Heft erbrachte die Wissenschaftliche Gesellschaft Freiburg. In einer im Sommer verschickten Umfrage zum "Künftigen Bezug der Freiburger Universitätsblätter" wurde den Abonnenten nicht nur eine um 100 Prozent auf fünf Euro pro Heft steigende Kostenbeteiligung in Aussicht gestellt – für den Fall, dass sie das "gedruckte Heft" behalten wollen. Sondern dieser Betrag sollte auch noch zusätzlich zum Mitgliedsbeitrag erhoben werden, was insgesamt auf eine happige Steigerung des Beitrags um 50 Prozent hinausgelaufen wäre.

Sie wollten unter diesen – vom Rechtsanwalt Clemens Pustejovsky als "manipulativ" eingestuften – Bedingungen mehrheitlich nicht: Was ganz im Sinne des neuen Vorsitzenden des Verbands, des Physikers Michael Lauk, ist, der, so Schnitzler, die "Freiburger Universitätsblätter" in ihrer gedruckten Gestalt angesichts zunehmender Digitalisierung für nicht mehr zeitgemäß hält. Das sieht Schnitzler, seit 1974 Schriftleiter der Uni-Blätter, naturgemäß anders. In einem Protestschreiben machte er im September geltend, dass durch einen Verzicht auf die Printversion die "Stärkung der corporate identity unserer alma mater" gefährdet sei.

Das mag man als ein wenig zu hochgehängt empfinden. Tatsache aber ist, dass die "Freiburger Universitätsblätter" in den nun 56 Jahren ihres Bestehens so manche Diskussion vom Zaun und so manche Lanze für die interdisziplinäre Forschung gebrochen haben. Das jüngste, im September erschienene, 221. Heft behandelt aus sehr nachvollziehbaren aktuellen Gründen das von der Fachschaft Philosophie entwickelte Thema "Demokratie – Möglichkeiten und Schwachstellen". Renommierte Philosophen wie Volker Gerhardt ("Demokratie als politische Form der Menschheit") und Dieter Thome ("Störenfriede in der Demokratie") konnten für – unentgeltliche – Beiträge gewonnen werden.

Man muss zugeben, dass die Gestaltung der Hefte nicht auf der Höhe eines zeitgemäßen Designs ist: so gut wie keine Fotos – wenn ja, dann schlechte –, eng bedruckte Seiten auf Hochglanzpapier. Andererseits sollen die Hefte der Uni-Blätter ja keinen Schönheitspreis gewinnen, sondern interessante Inhalte transportieren. Das haben sie über all die Jahre verlässlich getan. In den vergangenen zehn Jahren standen etwa "Erneuerbare Energien gegen den Klimawandel", "Wirtschaft ohne Wachstum?!", "Bioethik und die Dynamik der Natur", "Die Weimarer Republik", "Das System Erde", "Der Freiburger Kreis", "Der Wald vor unserer Tür" oder "Alte Religionen in einer neuen Welt" auf der Agenda. Ein geisteswissenschaftlicher Überhang, den Naturwissenschaftler wie Michael Lauk womöglich monieren könnten, lässt sich zumindest für die letzte Dekade der "Freiburger Universitätsblätter" nicht ausmachen.

Schnitzler selbst betont, wie wichtig ihm immer der fächerübergreifende Ansatz der Zeitschrift gewesen ist – analog zu dem in Freiburg hochentwickelten und von der Bürgergesellschaft hoch akzeptierten Studium Generale, mit dem die Uniblätter eng verbunden sind: Auch hier geht die Freiburger Universität vielen akademischen Lehrbetrieben in Deutschland mit leuchtendem Beispiel voraus. Wer schon einmal die meist überfüllten Vorträge der so genannten Samstags-Universität besucht hat, weiß, wovon die Rede ist.

Dass nach Heft Nr. 222 – die Schnapszahl erweist sich als schicksalhaft – Schluss sein soll, bedauert nicht nur Günter Schnitzler. Vor allem deshalb, weil die Einstellung der Freiburger Universitätsblätter aus seiner Sicht völlig ohne Not geschieht. Man kann seiner Argumentation folgen. Wenn der Fortbestand der vier Hefte pro Jahr finanziell gesichert ist, wenn mit Werner Frick, dem Leiter des Studium Generale, ein Nachfolger für Schnitzler gefunden ist: Warum allerdings macht man der Zeitschrift dann dennoch den Garaus? Nur deshalb, weil der Vorsitzende der Freunde der Universität und Spezialist für Start-Up-Unternehmen sich nicht eben als Freund der gelegentlich mäandernden Geisteswissenschaften hervorzutun scheint?

Dem Anspruch der Alma Mater, nicht in fachwissenschaftlicher Spezialisierung zu versinken, widerspricht das Ende der "Freiburger Universitätsblätter" in jedem Fall. Man hätte wenigstens nachdenken können über eine Modernisierung der Hefte und ihre Online-Verfügbarkeit. So aber erscheint in wenigen Tagen die definitiv letzte Ausgabe der "Freiburger Universitätsblätter". "Der Rhein: Natur- und Kulturraum": ein schönes, ein verbindendes Thema.

Das letzte Heft der Freiburger Universitätsblätter wird in der Woche vor Weihnachten ausgeliefert.