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24. November 2009

Viele, die sich bis aufs Haar gleichen

Sachbuch: Die Wissenschaftsjournalisten Tobias Hürter und Max Rauner haben über Paralleluniversen geschrieben

  1. doppelt Foto: dpa

  2. Jeden gibt es Foto: dpa

Jeder Mensch hat Doppelgänger. Nicht einen, sondern unzählig viele: Menschen, die ihm aufs Haar gleichen, denselben Beruf haben und dasselbe Auto fahren. Daran glauben einige Physiker und Kosmologen. Ihnen zufolge vergnügen sich die Dubletten aber nicht auf der Erde. Sie leben in einem der unendlich vielen anderen Universen, aus denen Megaversum besteht. Teils herrschen dort identische Naturgesetze wie bei uns, teils vielleicht völlig andere. Manche Universen könnten nur aus einer sprechenden Currywurst und der Zahl sieben bestehen.

Was nach grobem Unfug klingt, befürworten immer mehr Experten. "Sie bilden eine mächtige Lobby", schreiben die Wissenschaftsjournalisten Tobias Hürter und Max Rauner in "Die verrückte Welt der Paralleluniversen". Der Grund: Die Suche nach der Weltformel, die alle Naturkräfte beschreiben soll, stockt. Hier versagt das Standardmodell der Physik. Es füllt 95 Prozent des Universums mit unbekannter Energie und Materie. Es liefert keinen Grund, warum Licht ausgerechnet 300 000 Kilometer pro Sekunde schnell ist. "Dutzende Naturkonstanten müssen Physiker quasi von Hand einsetzen", betonen Hürter und Rauner. Auch die junge Stringtheorie scheiterte daran, die Erklärung der Welt zu vereinfachen. Rasch zeigte sich, dass sie mindestens 10 hoch 500, eventuell sogar unendlich viele Lösungen hat, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Nun behauptet der amerikanische Physiker Leonard Susskind, der die Stringtheorie miterdacht hat, jede Variante entspräche einem Universum. Es gibt also weit mehr als eins! Alle zusammen bilden das Megaversum.

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"Ich halte den Ansatz für gefährlich", sagt Susskinds Kollege Paul Steinhardt. Das Megaversum erkläre nichts. Andere Physiker tun es als Esoterik ab, als den Tod der Wissenschaft. Denn das Megaversum hat einen übergalaktisch großen Haken: Seine Existenz lässt sich nicht beweisen. "Der Kontakt zwischen Nachbaruniversen ist physikalisch unmöglich", bestätigen Hürter und Rauner. Allerdings war früher Vieles unbeweisbar und unglaubhaft, was wir heute als Fakten ansehen. Ein albtraumhafter Horror infiniti überkam unsere Vorfahren schon bei der "absurden" Vorstellung, das Universum könnte unendlich sein. Weitere Beispiele begegnen den Autoren, während sie in schneller, junger Sprache durch die Geschichte der Kosmologie sausen. Die vergnügliche Exkursion führt von Demokrit und Aristoteles über Kopernikus und Galilei zur Relativitäts-, Quanten- und Stringtheorie. Gerade die schweren, modernen Brocken kullerten selten so rund! In spannenden Rückblenden beleuchten die Autoren zudem, warum und wann sich neue wissenschaftliche Ideen durchsetzen. Hürter und Rauner streifen literarische Parallelwelten und beschreiben vier Multiversum-Konzepte.

Immer wieder springen die Autoren chronologisch vor- und rückwärts. Damit ihr roter Faden nicht ausfranst, wiederholen sie einige Aussagen oft. Der einzige Schwachpunkt des flotten Buchs. Ganz tief bläut sich so ein, dass unsere Doppelgänger nichts Besonderes sind, sondern nur statistische Notwendigkeiten – sofern uns tatsächlich unzählbare Parallelwelten umgeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Evolution Menschenwesen hervorbringt ist winzig, aber nicht Null, wie die Erde beweist. Multipliziert mit den unendlich vielen Möglichkeiten in ebenso vielen Universen wird sie zwangsläufig Wirklichkeit. Ähnlich gewännen bei jeder Lotto-Ziehung mehr als 1000 Teilnehmer, wenn alle Erdenbürger mitspielten. Dabei sind acht Milliarden Menschen im Vergleich zur Unendlichkeit ja noch eine übersichtliche Menge.
– Tobias Hürter/Max Rauner: Verrückte Welt der Paralleluniversen. Piper Verlag, München 2009. 288 Seiten, 14,95 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger