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19. April 2013

Vom Aufwachsen in der BRD und in der Zone

Mit der Ost-West-Produktion "Schubladen" von She She Pop sind die Basler Dokumentartage "It’s The Real Thing" eröffnet worden.

  1. - Foto: Bild honorarfrei

Für das (Schweizer) Publikum liegt ein Glossar auf den Sitzen – von M wie Magdeburg bis J wie Joschka Fischer. Frage 1: Sind diese Erklärungen zu den westostdeutschen Verhältnissen mit Schwerpunkt auf den 1970er und 80er-Jahren ernst gemeint? Frage 2: Helfen sie in Basel weiter? Zur Eröffnung der Basler Dokumentartage, die sich bis zum 21. April mit dokumentarischen Darstellungsformen in der internationalen zeitgenössischen Theater- und Tanzszene auseinandersetzen, hatte das veranstaltende Kulturzentrum Kaserne die neue Produktion der sich als weibliches Kollektiv verstehenden Gruppe She She Pop eingeladen: "Schubladen" beschäftigen sich in der schönen Doppeldeutigkeit des Titels rückwirkend (?) mit Vorurteilen im deutsch-deutschen Umgang – und dazu packen die sechs Performerinnen tief in die eigenen Erinnerungsschubladen, kramen daraus die Bücher und Platten, Poesiealben und Tagebücher, Briefe und Urkunden ihrer Jugend hervor.

Und mit ihnen – drei Westlerinnen von She She Pop und drei gecasteten Ostlerinnen, unter ihnen die mit wunderbar trockenem Sarkasmus begabte, in ihrem Genre ebenfalls dokumentarisch arbeitende Schriftstellerin Annett Gröschner – geht es auf eine Reise in die Zeit, als der Westen noch (in linken Kreisen) BRD hieß und der Osten (für Konservative) die "Zone" war; als die DDR in ihrem Schulfach Heimatkunde den bösen Kapitalisten an den Pranger stellte und es schon in Grundschulklassen Brigadeführer gab, die auch dann so hießen, wenn es Mädchen waren: so wie Alexandra Lachmann, die Jüngste im gemischten Sextett, das sich an drei Tischen in westostdeutschen Paarungen zusammenfindet. Wer diese Zeiten als junger oder halbwegs junger (weiblicher) Mensch im geteilten Deutschland selbst erlebt hat, für den öffnet sich an vielen Stellen dieses zweistündigen Abends ein weiter Assoziationsraum. Und was machen die anderen mit ihm: die Schweizer Zuschauer, die nichts davon aus eigener Anschauung kennen? Ist es möglich, "Schubladen" als – unglaublich amüsante – Geschichtslektion zu verstehen, oder bleibt der Erkenntnisgewinn, wie ein Kritiker bei der deutschen Uraufführung schrieb, gering?

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Aber: Was heißt schon Erkenntnisgewinn? Reicht es nicht, sechs fabelhaften, mit Witz und komischem Talent begabten Darstellerinnen dabei zuzuschauen, wie es ihnen aufs Glückliche gelingt, die Balance zu halten zwischen persönlichen Familien- , Schul- und Verliebtheitserinnerungen und einer – weiblichen (!) – Mentalitätsgeschichte des Heranwachsens in zwei gegensätzlichen politischen Systemen? Wie She She Pop in einem kollektiven Prozess – Regisseure gibt es in der Gruppe nicht – das biografische Material so geordnet, zugespitzt und angereichert hat, dass daraus eine künstlerische Performance mit hohem Unterhaltungswert werden konnte, das zeichnet die Arbeit dieses Ensembles in hohem Maß aus. Weit entfernt von autobiografischer Betroffenheitsprosa wirft diese Performance erhellende Schlaglichter auf ein längst nicht "aufgearbeitetes" schwieriges Verhältnis. Während Ilia Papatheodorou, die in Stuttgart in begüterten Verhältnissen aufgewachsene Migrantin, durch John Lennons "Imagine" zur Pazifistin geworden ist, ist für ihre Gegenspielerin Wenke Seemann der westdeutsche Pazifismus ein Feind des Sozialismus gewesen. Während die Westfrauen mit einer geballten Ladung feministischer Literatur aufwuchsen, verlustierten sich die Ostfrauen auf Rügen mit Männern, denen sie die Geschlechtsteile gelb anmalten. So war es eben: oversexed und underfucked (West) gegen undersexed und overfucked (Ost).

Bei Kati Witt und Rio Reiser schrumpfen die Unterschiede. Anpassungsdruck gab es auch in Berit Stumpfs oberhessischem Dorf – und Musik war in Ost wie West das Medium für Rebellion und den idealistischen Glauben an eine bessere Welt. Zum Ende hin – nach der auch auf der Bühne vollzogenen Wiedervereinigung – zeigen die "Schubladen" dann gewisse Ermüdungserscheinungen: zu kleinteilig, zu episodisch die Statements der Protagonistinnen zum Ende der deutsch-deutschen Geschichte. Dass dieses Ende nicht nur als Erfolg, sondern auch als Verlust verbucht werden kann, müssen auch die "Sieger" zur Kenntnis nehmen. Was geschieht mit einer Identität, wenn ihr brutal der Boden weggezogen wird?

Zum Publikumsgespräch blieben viele im Saal. Dass Geschichte niemals endet: Auch das war an diesem so anregenden Abend spürbar.

Weitere Informationen: http://www.itstherealthing.ch

Autor: Bettina Schulte