Symposium

Warum Heidelberg die Wurzeln des deutschen HipHop ist

Peter Disch

Von Peter Disch

Mo, 03. Dezember 2018 um 19:42 Uhr

Rock & Pop

Ein Lob der Provinz: Das erste HipHop-Symposium der Popakademie Mannheim bringt Szene und Wissenschaft zusammen – und erweist Heidelberg seinen Respekt.

Von der Romantik führt eine Linie zum HipHop – Ausgangs- und Endpunkt ist in beiden Fällen Heidelberg: Als Jannis Androutsopoulos, Linguistik-Professor der Uni Hamburg am Samstag beim HipHop-Symposium der Popakademie Mannheim diese These formuliert, horcht Frederik "Torch" Hahn auf. Ein Strahlen glimmt in seinem Gesicht – eine Mischung aus Stolz, Aha-Erlebnis und Genugtuung.

Stolz, dass seine Pionierleistung und die einer Handvoll HipHop-Verrückter in den 80ern von der Wissenschaft anerkannt wird. Aha-Erlebnis, weil Hahn sich neben seinen Rollen als Rapper und DJ als HipHop-Forscher versteht, dessen autodidaktisch erarbeiteten Erkenntnisse vom akademischen Experten in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Genugtuung, weil das, was sich Torch als Mit-Kurator vom Symposium erhoffte, in solchen Momenten eintritt: Szene und Wissenschaft kommen zusammen, tauschen sich direkt aus, schaffen eine Basis, um in der Zukunft dann gemeinsam mehr in die Tiefe gehen zu können.

Das hört sich zunächst banal an. Ein zweitägiges Symposium, unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Landesanstalt für Kommunikation und dem Institut für Deutsche Sprache – allein um ein Fundament zu legen? Bei den Vorträgen und Podien der Premiere des Kongresses zeigt sich aber schnell, wie sinnvoll das ist. Denn hier prallen Welten aufeinander. Szene-Praktiker und Studierende, zu deren Seminarplan gewiss nicht Geisteswissenschaft zählt, hören Fachleuten zu. Und umgekehrt.

Manche wie der Soziologe Marc Dietrich referieren im Nominalstil den Stand der Forschung. Andere wie Christoph Mager vom Karlsruher Institut für Technologie müssen erst erklären, was Musikgeographie ist. Um anschließend so verständlich wie überzeugend seine Thesen auszubreiten, welche Faktoren für die Entwicklung von HipHop wichtig waren – und nochmal klar zu machen, warum Heidelberg und die Rhein-Neckar-Region eine zentrale Rolle in dessen Entwicklung zur einflussreichsten und Jugend- und Popkultur von heute spielten.

Zeitzeugen wie Torch, der Mannheimer Graffiti-Pionier Rick "Gismo" Riojas oder Breakdancer Felix Felixine unterfüttern das mit Erinnerungen an eine Zeit, als Spraydosen aus dem Baumarkt mit Sprühköpfen von Deos gepimpt wurden und das Statussymbol der Namens-Gürtelschnalle mit der Laubsäge aus Metallplatten aus dem Bastelladen notgedrungen selbst hergestellt wurde, weil es so etwas nirgends zu kaufen gab. Der Generation 20+, die das Publikum des Symposiums stellte, macht diese Aural History klar, wie das Leben damals war, als es noch kein Internet gab, Ferngespräche ein Heidengeld kosteten und der Twitteraccount "Brieffreundschaft" hieß.

Heidelberg, um auf Christoph Mager zurückzukommen, hatte die Einflüsse, Räume, Orte und Akteure, um die Wurzel des deutschen HipHop zu werden: Da waren die Kasernen der US-Armee und die internationale Gesamtschule, die deren Kinder besuchten – Quellen, aus der sich "die letzte Besatzermusik" der deutschen Geschichte speiste – Magers Bonmot wurde von Podiumsteilnehmer Rolf Stahlhofen, damals Tourmanager von US-HipHop-Bands, heute Sänger bei Söhne Mannheims, direkt in "Befreiermusik" umformuliert.

Da gab es den Karlstorbahnhof, in dem Aktivisten die Jams organisierten – hierarchiefreie, nonkommerzielle Treffen der Gesamtfamilie aus Tänzern, Rappern, DJs und Sprayern, die sich von Heidelberg aus in andere Städte ausbreiteten.

HipHop war Leben und Glaubensbekenntnis von Leuten wie Frederik "Torch" Hahn. Und weil es in Heidelberg um die 20 davon gab – was damals unglaublich viel war – nahm der Siegeszug von HipHop in Heidelberg seinen Lauf. Stuttgart, Berlin, Hamburg, die heutigen Zentren des Genres kamen erst danach. Die Vorbildfunktion Heidelbergs, seiner Protagonisten wie Cora E., den Stieber Twins und Advanced Chemistry mit Torch, Toni L. und Linguist, bestätigten die Hanseaten Samy Deluxe und Jan Delay. So stimmten diese Stars der folgenden Generation in Jannis Androutsopoulos’ generelles Lob der Provinz ein. "Dezentrale Standorte der Kultur infiltrieren die Zentren", sagte der Linguist und verwies auf Weimar, Leipzig oder Göttingen und deren Beiträge zur Literatur, Klassik und den Wissenschaften. Damit war der Zweck des Symposiums erfüllt. Wie es um Gegenwart und Zukunft des HipHop steht, sollte dann das nächste Mal stärker in den Vordergrund rücken.