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26. November 2010

Wo die letzten Rohstoffe liegen

SACHBUCH:"Der Kampf um die Tiefsee" von Sarah Zierul versammelt spannende und aufrüttelnde Reportagen der Journalistin.

"Am Meeresboden ist ein Goldrausch ausgebrochen wie einst im Wilden Westen. Jeder greift sich, was er kriegen kann – ohne Rücksicht auf Regeln, Grenzen oder die Umwelt. Die Öffentlichkeit bekommt davon bisher kaum etwas mit", schreibt Sarah Zierul. Erst wenn wie im vergangenen April eine Bohrinsel explodiert und Millionen Tonnen Rohöl ungehindert ins Meer fließen, schrecken die Menschen auf. Dem Buch "Der Kampf um die Tiefsee" der 32-jährigen Journalistin hat die Katastrophe traurige Aktualität beschert. Doch Zierul beschreibt nicht nur die Risiken der Erdölförderung, sondern auch den spannenden Wettlauf um die letzten Rohstoffe der Erde.

Das große Geld wird noch mit dem schwarzen Gold gemacht, das zeigt das Beispiel Angola. Die Vororte der Hauptstadt Luanda sind Slums. Doch Luanda selbst ist 2009 auf der Liste der teuersten Städte der Welt auf Platz eins vorgerückt. Der Grund hierfür ist unsichtbar und lagert weit vor der Küste in der Tiefe. Sarah Zierul ist nach Angola gereist und hat dort den Ölkonzern Total besucht. Allein aus den Tiefsee-Ölfeldern Dalia und Girassol pumpt Total täglich fast 80 Millionen Liter Öl – das entspricht knapp 500 000 Fass. So viel, wie an deutschen Tankstellen pro Tag allein an Dieselkraftstoff gezapft wird.

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Als Pionier in der Tiefsee galt lange der brasilianische Ölkonzern Petrobas – bis 2001 eine seiner Plattformen explodierte. Der Ölteppich, der entstand, trieb aufs Meer hinaus – "zum Glück", wie es damals hieß. Doch keiner weiß, was das Öl anrichtete. Obwohl die Tiefsee 60 Prozent der Erde bedeckt, gelten nur zwei Prozent als erforscht.

Zu Besuch bei den Meeres-Volkszählern

Das Großprojekt "Census of Marine Life" hat versucht, eine Art Volkszählung in den Meeren durchzuführen. Zierul hat einige Census-Wissenschaftler besucht. "Wir können gar nicht so schnell arbeiten, wie wir neue Tierarten entdecken", erzählt einer, während die Autorin gebannt Videoaufnahmen von Unterwasserkameras betrachtet. Von so vielfältigen Fischen, filigranen Quallen und blinkenden Tiefseewesen berichtet Zierul, dass man sich eine Begleit-DVD wünscht. Tatsächlich ist das Buch aus Recherchen für zwei Fernsehfilme entstanden, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden.

Ähnliche bizarre Wesen wie bei den Census-Wissenschaftlern findet Zierul auch bei ihrem Besuch bei den Schatzsuchern vor Neuseeland. "Schwarze Raucher" untersuchen Forscher dort, also hydrothermale Quellen, in deren Nähe bald Kupfer, Gold und Silber abgebaut werden könnten. Die Forscher haben auch entdeckt, dass die Schwarzen Raucher wahre Biotope sind (siehe BZ-Magazin vom vergangenen Samstag). Wie sich der Unterwasserbergbau auf die Tiere dort auswirken würde, ist nicht abzusehen. Ähnlich ist es bei den Manganknollen, die mit ihrer hohen Konzentration an Kupfer, Nickel und Kobald die Hoffnung für die Elektro- und Stahlindustrie sind.

Weil die Rohstoffe auf der Erde knapp werden, nimmt der Streit darum, wer die Reservoirs in der Tiefe ausbeuten darf, rasant Fahrt auf. Denn rund 65 Prozent der Meere gehören völkerrechtlich niemandem. Seit 1994 entscheidet die von der UN eingesetzte Seebehörde in New York über Schürfrechte und Umweltstandards. Nach Recherchen von Zierul sind die Mitarbeiter heillos überfordert, denn seit einigen Jahren werden fast wöchentlich neue Anträge eingereicht – im gesamten Jahr 2001 war es nur einer.

Die spannenden Reportagen von Zierul zeigen an vielen Stellen auch die Zerrissenheit, mit der Wissenschaftler handeln: Entdecken sie neue Rohstoffvorkommen, wecken sie zugleich die Gier, diese abzubauen. Ausgleichsflächen, wie sie oft an Land ausgewiesen werden müssen, gibt es nicht. Von den Schäden unter Wasser gibt es keine Bilder wie von zerstörten Regenwäldern, dabei leben im Umfeld der Schwarzen Rauchern sogar mehr Tiere als im Urwald. Andererseits hoffen Medizin und Pharmaindustrie, bald Tiefseebakterien und -giftstoffe einsetzen zu können. Auch Biokunststoffe aus Enzymen von Meeresmikroben sind eine Chance, um künftig auf Erdöl als Rohstofflieferanten für Plastik verzichten zu können.

"Noch können die Weichen für den weiteren Vorstoß in der Tiefsee gestellt werden. Wir müssen uns fragen, wie wichtig uns die Ozeane und ihre Artenvielfalt sind. Welche Abstriche wir für ihren Schutz beim Wachstum der Wirtschaft und bei unserem Verlangen nach billigen Rohstoffen im Zweifel zu machen bereit sind", folgert Zierul aus ihren Reisen. Eine Debatte, die uns alle angeht, und die wir nicht aufschieben dürfen.

– Sarah Zierul: Der Kampf um die Tiefsee. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2010. 337 Seiten, 22 Euro.

Autor: Laetitia Obergföll