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03. Dezember 2011
Wo Sprache Berührung ist
Miniaturen von Walle Sayer.
Manchmal die Aufzählung knapper und einfacher Sätze, manchmal ein in Nebensätzen sich windender Satz, bis die angeschauten und wahrgenommenen Dinge – auch die Menschen – auf den Punkt gebracht sind, wo sie erneut ihrer Einsamkeit gehören, ihrer Stille, ihrem Schweigen, ihrer Trauer, ihrer Schönheit. Dies ist der ureigene Ort von Walle Sayers Erzählen, genau dort, wo sich Sinnliches in einem wortwörtlich Sinnhaften sedimentiert hat, wo Sprache Berührung ist.
Walle Sayers Miniaturen zeugen von einer Arte Povera, die ihre Schätze sorgsam aus den Alltagsverschüttungen der Redewendungen, aus dem im unzählige Male Gehörten, Verschwiegenen und fast Vergessenen birgt und scheinbar ohne großes Zutun vor uns hinstellt. Ein bisschen poliert mit zarter Ironie, in Hauchspuren von Glück und Schmerz, mit leisen Irritationen, die das Lesen auf sich selbst zurückwirft: als eine Kunst des Ver-Lesens, des Absetzens, des Schweifens. Kein linearer Erzählstrang, keine Handlung, keine Bedeutungshierarchie strukturiert Sayers Prosa, vielmehr deuten sich Geschichten an als Geschichtetsein, als "Zusammenkunft" all jener Haupt- und Nebensächlichkeiten in einem Jetzt, dem die Möglichkeiten manchmal die stärkeren Wirklichkeiten sind.
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Gerade die kaum spürbaren Implosionen der Zeit rechtfertigen es, dass hier in einem grundlegenden Sinne von Idyllen gesprochen werden kann, denn es ist der Phantomschmerz des Abwesenden in uns, der angesichts des Erinnerten und Erwarteten die Schattenräume unseres Selbst durchzieht. "Wackelgerüste, die in sich zusammenfallen, und alle Wackelgerüste, die nicht in sich zusammenfallen", sagt einer, das "täte ihn im Allgemeinen interessieren". Walle Sayer besitzt die Geduld, noch das Unscheinbarste genau zu beobachten, um das so Auf- und Zugefallene in die Wörter heimzubringen. Nun sind Texte aus 25 Jahren Schreib- und Schweigarbeit versammelt und warten in aller Seelenruhe auf uns Leser: Preziosen der Abseitigkeit.
– Walle Sayer: Zusammenkunft. Ein Erzählgeflecht. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011. 190 Seiten, 19,50 Euro.
Autor: Andreas Kohm
