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24. Mai 2011

Theater Freiburg

Wunschkinder: Fußball unterm Hemdchen

"Wunschkinder": Das Theater Freiburg verhandelte ein ganzes Wochenende lang, wie die Fortpflanzung technisiert wird.

  1. Wunschkinder, Theater Freiburg Foto: MAURICE KORBEL

Wer nach diesem Wochenende am Theater Freiburg nicht wie im Schlaf die drei Buchstaben PID übersetzen kann, dem kann nicht mehr geholfen werden. Selten wird es eine Veranstaltung jenseits von Expertenkreisen gegeben haben, bei der die pränatale Implantationsdiagnostik so sehr in aller Munde war. "Wunschkinder" klingt schöner – und mehr nach dem Ort, an dem nicht nur diskutiert, sondern auch gespielt wird.

Das Verhältnis zwischen diskursiven und performativen Elementen während dieser drei Tage Nachdenkens über die "Technisierung der menschlichen Fortpflanzung" geriet etwas einseitig: Drei Vorträgen und zehn "Diskursen" mit insgesamt 21 Referenten standen zwei "szenische Lesungen" und fünf (mehrfach gezeigte) Performances gegenüber, die man nur unter erschwerten Bedingungen allesamt sehen konnte: Denn kurioserweise liefen sie in mehrstündigem Abstand immer parallel.

Der Überhang an Theorie liegt bei einem solchen Thema nahe: Es ist, wie sich erwartungsgemäß herausgestellt hat, nicht einfach, PID, Leihmütter, Samenspender, Designerbabys und den unerfüllten Kinderwunsch anschaulich auf die Bühne zu bringen. Versuchen, abstrakte Vorgänge und theoretische Vorgaben szenisch umzusetzen, haftet immer etwas Hilfloses an – vor allem zu erleben bei der von Katrin Hentschel verantworteten Performance "Baby mit 50" in der Kammerbühne, an der das Beste die Musik und das projizierte Foto einer offensiv glücklich schwangeren Gianna Nannini war. Ansonsten sagten redlich bemühte Laienschauspielerinnen überwiegend jugendlichen Alters in lila (!) Poloshirts auswendig gelernte Sätze zum Thema auf. Ein Fußball unterm Hemdchen sollte den akuten Zustand simulieren: Man mochte – als Frau – gar nicht hinschauen.

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Mit mehr Phantasie und Einsatz ging Jessica Glause bei der in der Montagehalle aufgeführten Performance "Designerbabys" zu Werke. Neun junge Menschen gehen auf eine Reise zu den Zentren der fortgeschrittenen Reproduktionsmedizin: Dänemark, USA, Israel. Ausgangspunkt ist die Aussteigerinsel La Gomera: Dort lebte Ingrid, bis sie MS bekam und aus medizinischen Gründen nach Deutschland zurückkehrte. Heute bewegt sie sich im Elektrorolli: eine beeindruckende Frau, die auf der Bühne als souveräne Reiseleiterin fungiert. Hätte Ingrid eine Tochter geboren, wenn sie gewusst hätte, dass sie Multiple Sklerose bekommt? Und was ist mit Lars, einem jungen Mann mit – wie es im Programmflyer respektvoll heißt – andersartiger Begabung? Hätte man ihn bei der PID nicht gleich aussortiert? Die jungen Laien, die für "Wunschkinder" gecastet wurden, werfen sich mit großem Einsatz ins Zeug: Eine Darstellerin trat sogar mit wegen eines Infekts fast versagender Stimme auf. Toll!

Was den gewaltigen Unterschied zwischen Laien und Profis doch ausmacht: Das ließ sich an der fabelhaften Performance "Diese Kinder sind in Ordnung" vermessen. Drei Schauspieler des Freiburger Ensembles – Rebecca Klingenberg, Konrad Singer, Gabriel von Berlepsch – erzählen unter der Regie von Boris Nikitin (den sollte man sich merken) im Kleinen Haus aus ihrem Leben. Denn die futuristische Frage nach dem genetisch manipulierten setzt womöglich auch die historische Frage nach dem gewollten Wunschkind in Gang. Ist man aus Liebe in die Welt gesetzt worden? Oder aus Versehen? Wie war das damals, in der frühen und späteren Kindheit?

Die drei Freiburger Schauspieler wagen sich weit hinaus in die Intimität ihrer persönlichen Lebensgeschichte – und es gelingt ihnen mit Unterstützung der Regie, in keinem Augenblick voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn Gabriel von Berlepsch von seinen Sannyasin-Eltern erzählt und ihrem sehr liberalen Verständnis von Partnerschaft, wenn der in der DDR aufgewachsene Konrad Singer von der Jugendliebe seiner Eltern berichtet, die heute immer noch zusammen sind, wenn Rebecca Klingenberg sich in ihr Älterwerden – mein Gott, sie ist 35! – hineinsteigert, auf die unnachahmliche Rebecca-Klingenberg-Art einer Frau am Rande des depressiven Zusammenbruchs: Dann ist man berührt und belustigt zugleich. Und das ist im heutigen Theater ein eher ungewohntes Gefühl.

Was Lüge ist, was Wahrheit: Das weiß man an diesem herrlich aus dem Ruder laufenden Abend nicht genau. Und das ist gerade das Gute, das Raffinierte an "Diese Kinder sind in Ordnung" – dass hier mit sinnlichen Ambivalenzen gespielt wird statt mit einsinnigen Theoremen.

Dieses Feld sollte man besser den diskursiven Köpfen überlassen: Nach dem salomonisch unentschiedenen (und deshalb unbefriedigenden) Eröffnungsvortrag des von Mitorganisator Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik & Geschichte der Uni Freiburg, devot eingeführten Philosophen Otfried Höffe sorgte eine polemische Runde mit dem SZ-Wissenschaftsredakteur Werner Bartens für Zündstoff. Während Bartens von den Optimierungszwängen des (gesellschaftlich-medizinischen) Systems sprach, sahen sich die anwesenden Reproduktionsmediziner in der Rolle der edlen Helfer. Wie sehr man doch aneinander vorbeireden kann. Ein Phänomen.
–  Alle Performances sind am 28. Mai ab 17 Uhr noch einmal zu sehen.

Autor: Bettina Schulte