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04. Februar 2012

Bismarcks Stimme ist nur der Anfang

Der amerikanische Audio-Historiker Patrick Feaster sucht das älteste Tondokument der Welt – auch in Büchern aus dem Mittelalter.

  1. Foto: AFP

  2. Eine Tonaufnahme von Otto von Bismarck wurde jüngst entdeckt – aufgezeichnet mit einem Phonographen. Foto: dpa/afp

FREIBURG/BLOOMINGTON. Es war ein spektakulärer Fund, den das Edison-Museum im US-Bundesstaat New Jersey diese Woche präsentierte: Die Stimme von Reichskanzler Otto von Bismarck, aufgezeichnet 1889 auf einem damals neuartigen Phonographen. Der amerikanische Audio-Historiker Patrick Feaster von der Indiana University in Bloomington war an der Entdeckung der lange verschollenen Walze beteiligt. Und er glaubt, dass sich noch weit ältere Tondokumente entschlüsseln lassen – bis zurück ins Mittelalter.

75 Sekunden lang ist der eiserne Kanzler zu hören, die Aufnahme endet mit einer Botschaft Otto von Bismarcks an seinen Sohn: "Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken." Was da nach mehr als 130 Jahren im Fundus des genialen Erfinders Thomas Alva Edison aufgespürt und jetzt von US-Experten mittels modernster Technik hörbar gemacht worden ist, gilt unter Historikern als Sensation. Tatsächlich dürfte es sich bei der Bismarck-Walze um das älteste bekannte Tondokument eines europäischen Staatsmannes handeln.

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Auch Patrick Feaster hat die Arbeit an den insgesamt 19 in einer Museumskiste gefundenen Edison-Walzen fasziniert. Zwölf davon konnten inzwischen hörbar gemacht werden. Mit seinem deutschen Kollegen Stephan Puille von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft hat Feaster einige der darauf festgehaltenen Stimmen identifiziert, darunter die von Bismarck und Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke. Feasters Leidenschaft aber gilt noch früheren Dokumenten: Er ist auf der Suche nach dem ältesten je aufgezeichneten Ton.

Das Thema fesselt ihn, seit sein Vater in den USA einst in Antiquariaten nach Ersatzteilen für einen Model-T-Truck von Ford suchte – und der Sohn derweil im Trödel nach alten Schallplatten stöberte. Später schrieb Feaster seine Dissertation über den Einfluss der ersten Tonaufnahmen auf Schauspieler.

Vor ein paar Jahren machte er sich dann mit zwei Kollegen daran, Töne zum Leben zu erwecken, die noch vor 1877 aufgezeichnet wurden, dem Jahr, in dem Edison seinen Phonographen erfand. Gemeinhin gelten Edisons Walzen als die ersten Audioträger, auf denen Töne aufgezeichnet und wieder abgespielt werden konnten. "Das Konzept, Töne zu reproduzieren, war damals absolut revolutionär", erzählt Feaster, "für die Menschen war es so unvorstellbar, als würde man heute mit einem Apparat Gerüche aufzeichnen und im Winter den Geruch des Frühlings abspielen."

Schon vor Edison aber hatte es Versuche gegeben, Töne festzuhalten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Glasscheiben oder Blechfolie experimentiert, in die über eine Membran Tonlinien geritzt wurden. In alten Zeitungen fand Feaster Abdrucke einiger dieser frühen Tonträger – und entwickelte eine Software, die es ermöglicht, mit wenig mehr als solchen Linien auf Papier, Töne zu reproduzieren. "In einem Magazin fand ich einen Tondruck, als ich ihn abspielte, sagte eine Stimme das Alphabet", erzählt Feaster.

2007 stöberte er mit dem Historiker David Giovannoni im französischen Patentamt Aufnahmen von Édouard-Léon Scott de Martinville auf, der fast 20 Jahre vor Edisons Walzen einen Phonautographen entwickelt hatte. Das Gerät zeichnete mit Schweineborsten Tonschwingungen auf einen handgekurbelten Zylinder. Martinville hatte nie vorgehabt, die Töne wieder hörbar zu machen – genau das aber gelang US-Experten mit dem 1860 von ihm in einen Trichter gesungenen Volkslied "Au clair de la lune". Der Fund gilt als älteste bekannte Tonschwingungsaufzeichnung überhaupt.

Auch damit aber endete Feasters Ehrgeiz nicht. In einem Buch aus dem Jahr 1650 entdeckte er die Zeichnung einer Drehorgelwalze: "Als ich das durch meine Software gejagt habe, kam etwas heraus, das sich tatsächlich so anhört wie das, was in dem Buch beschrieben wird." Feasters nächstes Projekt: Einem Buch aus dem zehnten Jahrhundert Töne zu entlocken.

Der Reichskanzler auf Audio unter http://mehr.bz/bismarck

Autor: Dietmar Ostermann