Die Schöne war mal ein Schöner

Emilio Rappold

Von Emilio Rappold (dpa)

Sa, 15. Dezember 2018

Panorama

Bei der Wahl zur Miss Universe tritt eine Transfrau an.

BANGKOK/MADRID. Seit fast 70 Jahren wird beim Miss-Universe-Wettbewerb die schönste Frau der Welt gekürt, jetzt gibt es eine Neuerung, die nicht jedem gefällt: Neben der Deutschen Céline Flores Willers und 92 weiteren Kandidatinnen geht am Montag in Bangkok die Spanierin Angela Ponce ins Rennen – obwohl sie vor knapp 28 Jahren als Junge auf die Welt kam.

Damit tritt erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs eine Transfrau an. Bei einigen Wettbüros gilt Miss Spanien sogar als größte Favoritin auf den Sieg. Der 1,77 Meter großen gelernten Informatikerin aus Cádiz geht es nach eigener Aussage in erster Linie nicht um Ruhm, Krone und Titel. "Ich will denjenigen eine Stimme geben, die keine haben, obwohl sie schon lange eine verdient haben", sagte Ponce jüngst dem Fernsehsender Antena 3. Der Zeitung ABC sagte sie, sie wolle "der Welt eine Lektion erteilen". Ähnlich kämpferisch äußerte sie sich nach ihrem sensationellen Triumph im Juni beim Miss-Spanien-Wettbewerb in zahlreichen Interviews.

Im erzkatholischen Spanien löste der Sieg der Transfrau kaum Polemik aus. In der internationalen Miss-Szene sah es mitunter anders aus. Eine der Rivalinnen von Ponce um den Welttitel machte aus ihrer Meinung keinen Hehl. "Ein Schönheitswettbewerb wie Miss Universe ist für Frauen, die als Frauen geboren wurden", findet die Kolumbianerin Valeria Morales, der auch gute Siegeschancen eingeräumt werden. Negativ äußerte sich neben anderen auch die mexikanische Miss Universe 1991, Lupita Jones (51).

Diese Kritik prallt an der Transfrau aber zumindest äußerlich ab. In Interviews wirkt Ponce selbstsicher, resolut, ruhig und ausgeglichen. Sie sagt, sie sei mit sich selbst und der Welt im Reinen. "Ich bin nur schwer verwundbar", beteuert die Frau, die nach den vorgeschriebenen Therapien im Alter von 17 Jahren mit den Hormonbehandlungen begann, sich anschließend mehreren geschlechtsangleichenden Operationen unterzog und erst seit drei Jahren eine Vagina hat. Das sei aber nur das Tüpfelchen auf dem "i" gewesen. Eine Frau sei nicht deshalb eine Frau, weil sie eine Vagina habe, sagte sie der New York Times. Sie sei "stolz darauf, die Person zu sein, die ich bin."

Selbstbewusstsein und Widerstandsfähigkeit musste sich das als zweites von drei Kindern eines ärmeren Ehepaars am 18. Januar 1991 in der 14 000-Einwohnergemeinde Pilas 30 Kilometer westlich von Sevilla geborene Transmädchen früh aneignen. Im Dorf, in dem der Vater eine kleine Kneipe betrieb, sei das Aufwachsen für den kleinen Ángel Mario trotz der Unterstützung der verständnisvollen Eltern besonders schwer gewesen, erzählte Ponce der Zeitung El País. "Ich hatte aber eine glückliche Kindheit, weil ich ein Dickkopf bin. Wenn mich jemand damals als Tunte beschimpfte, weil ich einen Haarreif trug, bin ich am nächsten Tag mit einem noch größeren auf die Straße gegangen – und mit Blumenschmuck."

Ponce schloss die Ausbildung zur Informatikerin ab, lernte auch den Beruf der Friseurin, arbeitete als Fitnesstrainerin, seit wenigen Jahren ist sie Model. In der Welt der Mode habe sie Vorurteile, Heuchelei und Zurückweisung erlebt, aber auch Unterstützung. Richtig glücklich sei sie aber erst aufgrund ihrer Tätigkeit als Aktivistin der LGBT-Bewegung (Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) und vor allem als Mitarbeiterin der Stiftung "Fundación Daniela" geworden, die gegen die Diskriminierung von jungen Transgender-Menschen kämpft. Sie hält unter anderem in Schulen Vorträge. Einmal bekam sie mitten in der Nacht einen Anruf von einem jungen Transmädchen, das aufgrund von Problemen in der Schule mit dem Gedanken spielte, sich das Leben zu nehmen.

Mit ihrer Teilnahme bei Miss Universe könne sie dazu beitragen, Leben zu retten, meint Ponce. "Ich will damit zeigen: Ich habe es geschafft, Du kannst es auch!" Man müsse träumen, "denn Träume können auch wahr werden", lautet die Devise der Spanierin, die berühmte Transfrauen wie US-Schauspielerin Laverne Cox oder Ex-Zehnkampf-Olympiasieger und Reality-Star Caitlyn Jenner den Rang ablaufen könnte.

Ihre Antwort auf die Kritik ihrer kolumbianischen Mitbewerberin zeigt auch, aus welchem Holz die Miss-Universe-Pionierin geschnitten ist. Auf Instagram, wo sie bereits knapp eine halbe Million Follower hat, schrieb sie, sie wolle die Meinung der Südamerikanerin nicht ändern. "Das ist nicht meine Aufgabe. Ich will vielmehr meine Realität bekanntmachen und der Welt ein bisschen über die mangelnde Information über Diversität erzählen." Das sei "ein wichtiger Faktor, der zweifellos dazu führen würde, dass so viele Schikanen, so viele Vorurteile und so viel Gewalt ein Ende finden".