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05. Juli 2011

Rügen

Jugendherberge im Koloss: Kinderlachen statt Naziparolen

Im Koloss von Rügen hat eine Jugendherberge eröffnet.

  1. Jugendherberge mit Meerblick: Im hintersten Gebäudeblock des 4,5 Kilometer langen Mammutbaus in Prora auf Rügen können seit gestern Jugendliche Urlaub machen. Foto: dpa

PRORA (dpa). Bunte Farben in den Treppenhäusern, Kinderlachen auf den Fluren, fröhliche Betriebsamkeit im Speisesaal der neuesten Jugendherberge Mecklenburg-Vorpommerns in Prora auf Rügen: In dem als "Seebad der 20 000" geplanten, nationalsozialistischen Koloss hat das Deutsche Jugendherbergswerk 152 Meter bezogen. Am Montag eröffnete es seine mit 400 Betten größte Jugendherberge im Land, die sechstgrößte bundesweit.

Herbergsleiter Dennis Brosseit wirkt entspannt, obwohl er in den vergangenen Nächten nur stundenweise Schlaf gefunden hat. Von Mallorca, wo er zuvor ein kleines Hotel geleitet hat, zog es ihn an die Ostsee. Nun ist er Chef von 35 Mitarbeitern und Leiter einer Einrichtung an einem geschichtsträchtigen Ort. "Wer hier Urlaub macht, dem kommen unweigerlich Fragen nach der Geschichte. Das große Gebäude formuliert die Fragen von selbst", sagt Brosseit.

Prora sollte einst die weltweit erste Anlage für den Massentourismus werden. 1935 lobte Robert Ley, Chef des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront, einen Architektenwettbewerb für ein Seebad der NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" aus. Der Zweck des Komplexes mit Promenade, Läden und Zimmern mit Meerblick: das deutsche Volk im Erleben eines preiswerten Badeurlaubs für die Ideologien des Nationalsozialismus zu gewinnen und gleichzuschalten.

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Doch so weit kam es nicht: Mit Kriegsbeginn im Jahr 1939 wurden die Arbeiter zu anderen Projekten abgezogen. Während des Zweiten Weltkriegs und später in der DDR wurde die Anlage militärisch genutzt. Ab 1982 waren hier Bausoldaten untergebracht, die den Dienst an der Waffe verweigert hatten. Als militärische Sperrzone bot das Gelände viel Raum für Spekulationen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde sogar über einen Abriss spekuliert, doch der Koloss von Rügen wurde unter Denkmalschutz gestellt. Mittlerweile hat der Bund die Anlage größtenteils an verschiedene Investoren verkauft. Doch die grau-braune Fassade bröckelt weiter. Den Investoren fehlt offenbar das Geld, heißt es auf Rügen. Nur in dem Jugendherbergsblock, wo öffentliche Geldgeber den 16,4 Millionen Euro teuren Umbau mit 15,1 Millionen Euro finanziert haben, leuchtet die Fassade jetzt in hellem Weiß.

Das Motto der Landespolitik und des Deutschen Jugendherbergswerks lautet "Bunt statt braun und grau." Von einer Umkehrung des Nazi-Gedankens ist die Rede, von Vielfalt statt Gleichschaltung, und von Toleranz. "Wenn Rechtsextreme jetzt glauben, Prora zur Wallfahrtsstätte für ewig Gestrige machen zu müssen, werden sie hier kein Forum finden", sagt Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) am Montag zur Eröffnung. Die Konferenzräume heißen "Tolerance" (englisch für Toleranz) oder "Merak" (türkisch für Neugier).

Autor: dpa