Piloten kämpften gegen Bordcomputer

Christoph Sator

Von Christoph Sator (dpa)

Do, 29. November 2018

Panorama

Der Zwischenbericht zum Absturz von Flug JT 610 in Indonesien legt nahe, dass das Unglück hätte verhindert werden können.

JAKARTA (dpa). Nur elf Minuten dauerte der letzte Flug von JT 610. Vom Start in Indonesiens Hauptstadt Jakarta bis zu dem Moment, in dem die Boeing 737 Max der Billiglinie Lion Air mit der enormen Geschwindigkeit von 724 Stundenkilometern in die Java-See stürzte. Noch weiß niemand genau, was in dieser kurzen Zeit an jenem 29. Oktober im Cockpit geschah. Der Stimmenrekorder, der mitschneidet, was dort gesprochen wird, liegt noch auf dem Grund des Meeres.

Aber nach Veröffentlichung des vorläufigen Ermittlungsberichts der indonesischen Behörden ist klar: Es müssen Momente der furchtbaren Verzweiflung gewesen sein. Pilot Bhavye Suneja (31) und sein Copilot versuchten nach dem Start in Jakarta mehr als zwei Dutzend Male, die Nase ihres Flugzeugs nach oben zu ziehen. Der Bordcomputer wollte es anders: nach unten. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Mensch gegen Maschine. Der Computer gewann.

Von den 189 Passagieren und Besatzungsmitgliedern hat niemand überlebt. Einen Monat nach dem Unglück ist die Trauer der Angehörigen immer noch groß. Und auch die Wut – gegen den außerhalb nur wenig bekannten Billigflieger aus ihrer Heimat, aber auch gegen den Weltkonzern aus den USA. Die Eltern eines jungen Indonesiers, der mit Lion Air zu seiner Hochzeit fliegen wollte, haben gegen Boeing bereits Klage eingereicht.

Auf die Frage, wer Schuld an der Katastrophe trägt, gehen die Ermittler von Indonesiens Flugaufsichtsbehörde KNKT in ihrem Zwischenbericht nicht näher ein. Solche Festlegungen wird es allenfalls im Abschlussbericht geben, vermutlich nächstes Jahr um diese Zeit. Doch die ersten Folgerungen, die Chefermittler Nurcahyo Utomo am Mittwoch präsentierte, lassen einiges erahnen.

Demnach hätte das Unglück mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert werden können. Aus Sicht der Ermittler hätte die 737 Max – eine Weiterentwicklung des Boeing-Bestsellers 737 – an jenem Morgen niemals starten dürfen. Die Maschine sei "nicht flugtüchtig" gewesen. Erst am Tag zuvor, auf einem Flug von Bali nach Jakarta, ihrem vorletzten, hatte ihre Bord-Elektronik zum wiederholten Male verrückt gespielt. Der Computer machte so lange widersprüchliche Angaben zu Höhe und Tempo, bis der Pilot die Automatik abstellte. Nach einem Technik-Check am Boden erklärte Lion Air die Probleme jedoch für erledigt. Andere Fluggesellschaften hätten eine solch vorbelastete Maschine, obwohl erst zweieinhalb Monate alt, vielleicht sicherheitshalber am Boden gelassen. Der Billigflieger (Motto: "Wir lassen Sie fliegen") entschloss sich jedoch zum Start – eine fatale Entscheidung.

Dem Zwischenbericht zufolge kämpften die beiden Piloten praktisch von der ersten Minute an gegen einen Absturz. Immer wieder Nase runter, Nase hoch, Nase runter. 26 Mal. Die Kurven, die der inzwischen gefundene Datenschreiber aufzeichnete, zeichnen ein dramatisches Bild. Nurcahyo: "Das passierte während des gesamten Flugs, bis die Aufzeichnungen des Datenschreibers enden."

Grund dafür waren vermutlich ein defekter Sensor, der außen am Bug der Maschine angebracht war, und eine neue Software, die Abstürze eigentlich verhindern soll. Das Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) wurde von Boeing eigens für die 737 Max entwickelt – wenn der Anstellwinkel der Maschine einen aerodynamisch kritischen Wert erreicht, bewegen sie das Höhenruder automatisch nach unten. Von dem erst kürzlich lancierten Modell sind weltweit schon mehr als 200 Maschinen in Betrieb, auch beim Ferienflieger Tui.

Die Piloten sollen MCAS mittels zweier Schalter auf der Mittelkonsole abschalten können – dies geschah aber nicht. Möglicherweise konnten sie mit dem neuen System nicht umgehen. Von Vorwürfen, Informationen zurückgehalten zu haben, will Boeing aber nichts wissen. Im Handbuch für die Boeing 737 Max ist MCAS jedenfalls erklärt. Der US-Hersteller erklärte die Maschine in einer Reaktion auf den Bericht zu einem der sichersten Flugzeuge überhaupt.

Grundsätzlich passt das zu Kritik, wonach die immer komplexer werdenden Computer in Passagiermaschinen manche Piloten überfordern. Ob dies auch beim Lion-Air-Absturz eine Rolle spielte, lässt sich noch nicht sagen. Der deutsche Luftfahrt-Experte Jan Richter aus Hamburg meint nach Lektüre des Zwischenberichts, die Lion-Air-Piloten hätten "professionell reagiert, ohne in Panik zu geraten". Und muss man nun Sorgen haben, selbst in eine Boeing 737 Max einzusteigen? Richter meint: Nein. "Das ist ein sicheres Flugzeug. Zudem sind die Piloten und die Airlines jetzt alle gewarnt", sagt der Experte.