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16. Juni 2012

Von Wald keine Spur

Die Geschichte des angeblichen Waldjungen war ein Lügenmärchen / Er galt in Holland als vermisst.

  1. Lügenbaron statt Waldschrat: Robin auf dem niederländischen Fahndungsfoto. Foto: dapd

AMSTERDAM/BERLIN (dpa). Die sauberen Fingernägel, die gepflegten Zähne und das Zelt ohne eine einzige Tannennadel hatten die Berliner Polizei gleich stutzig gemacht. Vor rund neun Monaten tauchte der "Waldjunge" in Berlin am Roten Rathaus auf. Die Geschichte, die er Polizei und Notdienst auftischte, war atemberaubend, aber nicht wahr. Jetzt steht fest: Ray ist Robin, 20 Jahre alt und kommt aus der niederländischen Stadt Hengelo. Er hat zugegeben, die ganze Geschichte erfunden zu haben, sagt die Polizei in der deutschen Hauptstadt.

Er sei ganz allein, 17 Jahre alt und heiße Ray, hatte er den erstaunten Beamten in der Hauptstadt erzählt. Mit seinem Vater sei er fünf Jahre mit Karte und Kompass durch Wälder gewandert. Sein Vater sei gestorben, er habe ihn unter Steinen begraben. Die Mutter sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das Englisch von Ray-Robin war nur mit ein paar deutschen Brocken gemischt.

Inzwischen spreche er sehr gut Deutsch, "das hat er superschnell gelernt", berichten Ermittler in Berlin leicht sarkastisch. Der unbekannte Blonde war in der deutschen Hauptstadt in einer betreuten Jugendeinrichtung untergebracht worden, bekam Unterricht, wurde auf Staatskosten eingekleidet und verpflegt. Auch ein Vormund wurde für den vermeintlich Minderjährigen bestellt. Schlüssel zur Lösung des Falles waren nun Fotos des Jugendlichen, der in Medien schon mal "Kaspar Hauser von Berlin" genannt wurde – in Anspielung auf ein Nürnberger Findelkind aus dem 19. Jahrhundert. Die Anfang der Woche veröffentlichten Bilder wurden auch im niederländischen Fernsehen gezeigt. Eine junge Frau erkannte den Ex-Freund und brachte die Aufklärungslawine ins Rollen.

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Erst vor kurzem habe Ray über den Vormund einer Veröffentlichung zugestimmt, so die Polizei. Ansonsten wäre die Abenteuerreise des jungen Mannes wohl schon eher zu Ende gewesen. Laut Berliner Zeitung habe Robin in einer Wohngemeinschaft in der Kleinstadt unweit der deutschen Grenze gelebt. Wohin Robin jetzt geht oder ob er in Berlin bleibt, ist unklar. "Er ist volljährig und kann machen, was er will – aber nicht mehr auf Kosten des Jugendamtes", heißt es in Berlin.

Monatelang hatten die Ermittler im Nebel gestochert. Die Leiche des Vaters wurde gesucht, über die europäische Polizeibehörde Interpol wurden Fotos versandt und DNA-Proben abgeglichen. Doch nichts passierte. Möglicherweise lag es daran, dass die Berliner einen vermissten Jugendlichen suchten, während die niederländischen Behörden einen vermissten Erwachsenen führten.

Persönliche Probleme als Grund?

Warum hat der junge Mann die Geschichte erfunden, wollte er sich wichtig machen, ist er krank? Im niederländischen Fernsehen berichtete ein Schulfreund von Robin: "Er hatte persönliche Probleme und das war seine Art, ein neues Leben anzufangen." Ermittler in Berlin sehen das etwas anders: Ray alias Robin sei untersucht worden und habe einen ganz gesunden Eindruck gemacht. Auf seine Art sei es schon konsequent gewesen, so lange an der Lüge festzuhalten.

"Vielleicht erfahren wir das Motiv ja in einem Film oder Buch", sagen Ermittler in Berlin mit ironischem Unterton. Die Geschichte lasse sich bestimmt gut vermarkten – und das Geld könnte Robin ja vielleicht gebrauchen, um Schulden in Berlin abzuzahlen. Geprüft werde nämlich, ob er sich wegen Sozialleistungsbetrugs verantworten muss.

Autor: dpa