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11. August 2010

Sinnsuche auf der Schulbank

Wie der Heidelberger Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert seinen Schülern das Einmaleins des Glücks beibringt.

  1. Positive Erfahrungen vermitteln: Ernst Fritz-Schubert hilft seinen Schülern beim Entdecken ihrer Stärken. Foto: DPA/DDP

  2. Macht glücklich: Anstrengung beim Tae-Bo Foto: Soeren Stache

Was ist Glück? Ernst Fritz-Schubert hat eine Definition gefunden. "Gelingendes Leben Üben, Charakter Kräftigen." Der Direktor der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg macht nichts lieber, als über Glück zu sprechen. Er ist Glücksexperte, und die, die das Glück suchen, kommen früher oder später zu ihm.

Glück ist ein Idealzustand, sagt der Oberstudiendirektor, Jahrgang 1948, weißes Haar, grauer Schnäuzer, fröhliche blaue Augen. Glück ist nicht nur ein unkalkulierbarer Gefühlsausbruch, sondern etwas Beschreib-, Mess- und vor allem Erreichbares.

Glück kann man lernen. Man kann es sogar unterrichten. Dafür Noten geben. Genau das macht Fritz-Schubert seit drei Jahren. Weil er es leid war, dass die Schule in der Beliebtheitsskala von Schülern gleich nach dem Zahnarztbesuch rangiert. Glück ist an seiner Schule Wahlpflichtfach für die gymnasiale Oberstufe, ein zusätzliches Angebot an der zweijährigen Berufsfachschule. Zwei Stunden pro Woche, montags und donnerstags, sechste und siebte Stunde.

Am Anfang wurde er als Esoteriker belächelt, misstrauisch beäugt und verdächtigt, Anhänger einer Sekte zu sein. Inzwischen wird das Fach an gut 20 Schulen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bremen und Hessen unterrichtet. In Österreich gibt es einen Schulversuch. Fritz-Schubert, Querdenker und Powermensch, der sich auch in vielen Schuljahren nicht verbraucht hat, erzählt dies mit einem leichten Lächeln.

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Die Willy-Hellpach-Schule ist eines jener seelenlosen Betongebäude aus den 50er Jahren. 1500 Schüler besuchen sie. "Innen ist sie in einem besseren Zustand als außen", sagt der Schulleiter und führt ins Chefzimmer im ersten Stock.

Die Botschaft:

Du schaffst das!

Was will er mit dem Unterricht bewegen? Haben die Schulen nicht eher Probleme mit der Leistung der Schüler als mit deren Glücksgefühl? Um die Leistung gehe es ja gerade, erwidert Schubert. "Jedes dritte Kind hat Angst vor seiner Schule. Wir müssen nach den Stärken der Kinder graben, um so die Freude an der Leistung zu wecken." Er will weg von den mundgerechten Wissenshäppchen, die vielleicht auf den Beruf vorbereiten, aber nicht auf das Leben. Er will mehr: Achtsamkeit lehren, Ziele aufzeigen, gute Erfahrungen vermitteln.

Über Glück wird an der Willy-Hellpach-Schule nicht nur gesprochen. Glück wird erfahren. Im Unterricht reisen die Schüler in ihrer Fantasie zu Orten, an denen sie glückliche Momente erlebt haben. Sie spüren vergessenen Klängen, Gerüchen und Geräuschen nach. Sie gehen klettern, um Teamgeist und Selbstvertrauen zu wecken. Sie trainieren auf einen Halbmarathon, spüren das Wohlgefühl durch sportliche Anstrengung und den euphorisierenden Erfolg.

Ernst Fritz-Schubert kennt das. Er ist Triathlet. Fünfmal hat er schon am härtesten Wettbewerb dieser Sportart teilgenommen, dem Ironman. Er kennt sich aus mit Körper und Geist, und weiß, dass die beiden nicht selten im Clinch liegen. Wenn der Körper nicht mehr will und der Geist sagt: "Du schaffst das".

Das Glück kann einen ins Schwitzen bringen. Nicht das Glück, sondern der Weg zum Glück. An diesem Vormittag wird es in einem Fitnessstudio in der Heidelberger Innenstadt gesucht. Eine Trainerin heizt den Schülern übers Mikrofon kräftig ein: "Kick, kick, box, box." Noch mal. Und noch mal. "Und drei! Und zwei! Und eins !!!" Die T-Shirts sind klitschnass. Zwei Stunden geht die Tae-Bo-Stunde, eine rasante Mischung aus Tanz, Aerobic und asiatischen Selbstverteidigungstechniken. "Du hast so lange durchgehalten, du willst jetzt doch nicht schlapp machen", ermuntert die Trainerin ein Moppelchen, das sich verdrücken will. Der Ansporn hilft. Der Junge beißt die Zähne zusammen und macht weiter. Am Ende der schweißtreibenden Übung gibt es für alle ein dickes Lob. "Ihr dürft stolz auf euch sein. Jeder ist über seine Grenzen hinausgegangen. Das tut zwar weh, aber dann kommt das gute Gefühl." Die gelernte Lektion fasst Sinem, 16, eine Stunde später zusammen: "Es war voll anstrengend, aber es hat voll gut getan."

Auch Michael Leisinger, 32, Referendar für Betriebswirtschaft und Sport, ist ausgepumpt. Er hat gerade seine Diplomarbeit über den Glücksunterricht im Allgemeinen und den Rubikon-Prozess der Handlungsphasen im Besonderen geschrieben. Wer einmal Erfolg hat, lässt sich in den folgenden Planungen davon beeinflussen, lautet die These. Übersetzt auf den Schulalltag heißt dies: Gute Noten sind viel motivierender als schlechte. Siege im Sport bewirken mehr als das verbissene Zusatztraining nach der Niederlage.

Woher komme ich? Welche Stärken habe ich? Welche Ziele verfolge ich? Und wie kann ich sie erreichen? Das sind die Fragen, die im Glücksunterricht gestellt werden.

"Wieso bin ich glücklich, wenn ich zwei Stunden im Fitnessstudio wie ein Irrer renne?", fragt Ernst Fritz-Schubert die Klasse. "Weil ich mir ein Ziel gesetzt habe und dieses Ziel erreicht habe", lautet eine Antwort. "Weil ich eine neue Seite an mir entdeckt habe: Ich kann durchhalten", eine andere.

Eduard hat diese Erfahrung auch gemacht. Der Sohn russischer Einwanderer, 120 Kilogramm schwer, fühlte sich als Außenseiter, die Lust an der Schule hatte er längst verloren. Im Glücksunterricht musste er einmal über einen Balken laufen, der von Mitschülern gehalten wurde. "Das war für ihn ein einschneidendes Erlebnis", sagt Fritz-Schubert. "Er hätte nie gedacht, dass die anderen ihn halten können. Als er es geschafft hatte, wurde ihm bewusst, dass er dazu gehört." Der Schulleiter hat die Bilder von Eduard auf seinem PC gespeichert: Aus einem ungelenken und übergewichtigen Jugendlichen wird ein schlanker und recht zufrieden dreinblickender junger Mann.

Glück macht auch kritischer. Einen Theaterpädagogen haben die Schüler ziemlich schnell vergrault. "Was der gemacht hat, war kein Glück!", empören sie sich noch im Nachhinein über den langweiligen Unterricht. Was muss ein Glückslehrer können?, fragt der Direktor. Der Klasse fallen schnell vier Punkte ein : Er muss vermitteln können, Vertrauen ausstrahlen, sensibel sein und Humor haben. Kurzum: Die Lehrer müssen das Glück für sich erfahren. Am Anfang unterrichteten Ärzte, Schauspieler, Motivationstrainer und Familientherapeuten in Sachen Glück. Inzwischen wird das Fach von besonders ausgebildeten Pädagogen vermittelt.

Sein halbes Leben hat sich Ernst Fritz-Schubert mit dem Glück beschäftigt, seinem eigenen zuerst. Im Jahr 2000 war er vom stellvertretenden zum Schulleiter aufgerückt, die beiden Töchter waren erwachsen, sein Leben in einer Halbzeitpause und er fragte sich: Was will ich noch vom Leben? Er schaute zurück. Als Jugendlicher war er begeisterter Rennradfahrer, der die Schule nicht liebte und nur mit Mühe die Mittlere Reife schaffte. Er machte eine Lehre in einem Steuerbüro, weil ihm seine Eltern dies empfahlen und ihm nichts besseres einfiel. "Ehe Ernst etwas lernt, gibt der Ochse Milch", schrieb der Lehrherr seinen Eltern. Noch ein Schlag ins Kontor: Aus dem kreativen, sportlichen und aktiven Jungen war eine lustlose Hilfskraft geworden, die nur noch für einfachste Hilfsarbeiten taugte.

Vielleicht wäre er nach seinem Wehrdienst beim Grenzschutz geblieben, wenn eine freundliche Bemerkung eines Lehrers seinem Leben nicht eine neue Richtung gegeben hätte: "Sie werden im Leben noch viel erreichen, weil Sie klug, stark und ausdauernd sind." Er holte sein Abitur nach, begann Volkswirtschaft und Jura zu studieren und entschloss sich kurz vor dem Examen, Lehrer zu werden. Nun ist er es seit 34 Jahren. Bücher über sein Fach schreibt er auch. "Glück kann man lernen" heißt sein zweites, das diese Woche erscheint.

Ehe Fritz-Schubert 2007 das Fach entwarf, las er Dutzende von Büchern, er entdeckte die Positive Psychologie. Statt die Defekte der Seelen zu thematisieren, setzt die Positive Psychologie an den Stärken an. Diese zu trainieren, führe zu mehr Lebenszufriedenheit als die ständige Korrektur der vermeintlichen Schwächen. Glück basiere auf einer Art optimistischer Selbstbeschreibung, und die sei erlernbar, für jedermann. Er diskutierte mit Freunden: Ein Journalist war darunter, Bernhard Peters, Hockey-Nationaltrainer und Sportdirektor der TSG Hoffenheim, der Heidelberger Sportpädagoge Wolfgang Knörzer, der das Projekt später auch ein Jahr lang wissenschaftlich begleitete. Die Runde war begeistert. Und Fritz-Schubert nicht mehr zu bremsen: Er entwickelte ein Konzept für 160 Unterrichtsstunden, gedacht für Schüler der neunten und zehnten Klasse. Benotet wird die Dokumentation, nicht die Befindlichkeit. Die Begleitstudie bestätigte seine Vermutung: Die Glücksschüler fühlten sich viel besser als die Kontrollgruppe, die Beziehung unter den Schülern und unter den Lehrern waren besser.

"In dem Moment, in dem man uns anerkennt und wertschätzt, werden in unserem Gehirn Botenstoffe aktiviert, die zu Wohlbefinden führen", zitiert der Glückslehrer neurologische Studien. Nur über eines dürfe man sich nicht täuschen: Glück zu unterrichten sei ziemlich anstrengend. Keiner dürfe verletzt oder abgehängt werden, jeder müsse respektiert werden. Doch die Ergebnisse stürzen ihn immer wieder in wahre Euphorie. "Die Schüler sind wie trockene Schwämme, die alles aufsaugen. Da geht nichts verloren. Und was ich reingegeben habe, bekomme ich tausendfach wieder zurück."

An Strukturreformen glaubt er schon lange nicht mehr. Er will die Lebens- und Lernvoraussetzungen seiner Schüler verbessern. Keine Frage: Ernst Fritz-Schubert hat sein Glück gefunden.

– Ernst-Fritz Schubert: Glück kann man lernen. Was Kinder stark fürs Leben macht. Ullstein 2010. 240 S., 19,95 Euro
– Schulfach Glück. Wie ein neues Fach die Schule verändert. Herder 2010, 192 S., 16,90 Euro

Autor: Petra Kistler