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18. November 2011 00:08 Uhr

Jubiläum

Das Diakonische Werk Baden wird 50

Das Diakonische Werk Baden ist mit 27.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region. Vom nächsten Jahr an muss die Diakonie allerdings ohne Zivildienstleistende auskommen.

  1. Bahnhofsmission im Jahr 1976 – schon immer eine Anlaufstelle für Bedürftige. Heute gibt es Tee, Gebete und Reiseinfos. Foto: Peter Wirtz

Heute kommt Marco Motolo nur noch zu Besuch in die Freiburger Bahnhofsmission. Er trifft hier eine Freundin. Früher war die Bahnhofsmission eine Zuflucht für ihn, gerade im Winter, wenn der kalte Nebel auch tagsüber in den Straßen hing, so wie heute. Er hat auf der Straße geschlafen und im Knast gesessen, er hat gesoffen und Drogen genommen, als er noch ein junger Mann war: "Ich kenne fast alle Drogen und bin nicht besonders stolz drauf", sagt Motolo, der eigentlich anders heißt. Geholfen hat ihm damals die Bahnhofsmission. Aber gerettet hat sie ihn nicht. "Es musste schon bei mir selber klick machen", sagt er.

An einem Wintermorgen auf der Straße entschied er sich wegzugehen. Er zog in die Lüneburger Heide, östlich von Celle, in Deutschlands großes Loch: keine Autobahn, kaum Schienen, kaum Städte, keine Dealer. Die beste Gegend für den Entzug. Dort lernte er seine Frau kennen. Heute ist Motolo Vater und arbeitet als Koch in einem Freiburger Krankenhaus.

Cornelia Reister, Leiterin der Bahnhofsmission, erlebt so etwas selten mit. "Vom Happy End erfahren wir meistens nichts, wir sehen nur den Anfang so einer Entwicklung. Da gewöhnt man sich dran", sagt sie. Aber sie hilft, wo sie kann. Cornelia Reister ist eine von 27 000 Mitarbeitern der Diakonie Baden. Die Bahnhofsmission ist Teil der Freiburger Stadtmission. Die Stadtmission ist Mitglied des Diakonischen Werkes der evangelischen Landeskirche Baden. Es feiert in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag. 1961 vereinigten sich der Landesverein für innere Mission und das Hilfswerk der badischen Landeskirche zum Gesamtverband Innere Mission und Hilfswerk. Der heißt seit 1974 Diakonisches Werk und hat heute rund 3000 Mitglieder.

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Auf der Internetseite der Diakonie gibt es eine Mitgliederliste. Drei Minuten dauert es, sie am Computer durchzuscrollen. Die Wörter sind dann kaum zu lesen, aber sie machen Eindruck: Die Adressen dutzender evangelischer Kindergärten wandern über den Schirm, Kirchengemeinden, Krankenhäuser, Pflegeheime, eine Montessori-Schule und sogar ein Flugdienst für Missionare im Pazifik. Die Diakonie Baden hilft Menschen in jedem Alter und sogar auf den Inseln in Mikronesien.

"Das ist nicht nur ein Blumenstrauß von Mitgliedern, da ist ja alles dabei vom Primelchen bis zur Riesenpalme", sagt der Vorsitzende des Diakonischen Werkes Baden, Urs Keller. Er meint, diese Mischung macht die Diakonie aus: "Manchen Menschen können wir besser in großen Einrichtungen wie den Krankenhäusern helfen, andere erreichen wir eher in kleinen wie der Bahnhofsmission."Das Diakonische Werk vernetzt diese Einrichtungen und fördert sie. Es vertritt ihre Interessen gegenüber der Politik.

Der Glaube an Jesus Christus ist der Motor der Diakonie

In der Freiburger Bahnhofsmission riecht es nach Tee und Kaffee, jemand bringt Brothäppchen vorbei. Ein Praktikant blättert in der Bibel, er soll das Mittagsgebet sprechen; für viele der Gäste ist das wichtig. Einen Satz hört Cornelia Reister oft: "Wieso geht es mir so scheiße, wenn es doch einen Gott gibt?" Manchen gibt Gott Hoffnung, für Andere ist er ein Ventil, egal ist er Wenigen. Das Christentum ist noch immer Motor der Diakonie. Die Kirche gibt auch Geld, aber das ist nicht das Entscheidende. Cornelia Reister sagt: "Wir verlangen von unseren Freiwilligen nicht, dass sie gläubig sind, aber die Idee der Nächstenliebe sollten sie teilen."

In Villingen-Schwenningen kämpft Refugio, die Kontaktstelle für traumatisierte Flüchtlinge, für den 18-jährigen Sudanesen Sidar Damba. Er ist vor dem Krieg geflohen, durch die Sahara, dann mit dem Boot über das Mittelmeer gefahren, hat es durch Italien und über die Alpen geschafft. Ein Jahr lang lebte er in Villingen-Schwenningen, ging zur Schule und fand Freunde. Als er 18 wurde, holte ihn nachts die Polizei: Er soll abgeschoben werden. Der erste Abschiebeversuch scheiterte. Sidar Damba blieb in Italien hängen und kam dann zurück. In Deutschland bekam er Kirchenasyl. Ein zweites Abschiebeverfahren ist anhängig – gegen Protest: Refugio will verhindern, dass Damba zurück nach Afrika muss. Er fürchtet sich davor. Seine Freunde sammeln Unterschriften in der Stadt. Im Moment ist der Abschiebungsbefehl ausgesetzt, um ein Urteil abzuwarten. Es ist, als müsste der Staat mal kurz Luft holen und sich wundern: Soviel Widerstand wegen einer einzigen Abschiebung.

Wenn es die Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie nicht gäbe, müsste der Staat ihre Aufgaben übernehmen. Die vielen Krankenhäuser und Kindergärten würde er dann mitbetreiben. Aber für Sidar Damba würde er eher nichts tun.

Autor: Ole Pflüger