Echt starke Typen

Christine Speckner

Von Christine Speckner

So, 02. September 2018

Südwest

Der Sonntag Die Figuren von Eva Lübold aus Gottenheim ziehen die Blicke der Betrachter auf sich.

Eva Lübold aus Gottenheim fertigt tierisch-menschliche Figuren. Diese sind so ausdrucksstark, dass sie keinen Betrachter kalt lassen.

Ein erster Blick. Ein zweiter.... Und dann? Man kommt nicht los, von den menschengroßen Figuren von Eva Lübold. Es sind Singles oder Paare. Mit langen Hälsen, ausdrucksvollen Augen, vollen Lippen und hinreißenden Kostümen, bis ins Detail durchdacht. Auf Kunsthandwerkermärkten, deutschlandweit und im nahen Ausland, sind sie ein echter Hingucker. "Mein Thema ist das Zwischenmenschliche", erklärt die Künstlerin. Dabei nutzt sie gerne das Stilmittel der Übertreibung. So entstehen liebevoll gestaltete Karikaturen.

Seit 30 Jahren fertigt die Autodidaktin Figuren aus Holz, Stoff und Farbe. Beim Betrachter lösen sie Emotionen aus. Auf Ausstellungen beobachte sie immer wieder die unterschiedlichsten Reaktionen, erzählt Lübold. "Oft streicheln die Leute meine Figuren und unterhalten sich ernsthaft mit ihnen."

Die Unikate entstehen in ihrer Werkstatt im Gewerbegebiet Gottenheim. Vor eineinhalb Jahren ist Lübold von Freiamt dorthin gezogen und fühlt sich wohl. "Die Nähe zu Handwerksfirmen tut mir gut." Früh morgens, wenn die Maschinen tuckern, beginnt auch ihr Arbeitstag. Die Wandregale im Atelier sind voll mit Holz- und Wurzelstücken, die sie auf Spaziergängen sammelt oder geschenkt bekommt. Daraus kreiert sie fantasievolle, ja manchmal bizarre Frisuren. Daneben stehen Spachtel und Pinsel in verschiedenen Größen. Das Grundgerüst einer fast zwei Meter hohen Figur bildet ein individuelles Holzgestell. Der Kopf wird aus Sägemehl und Leim geformt. Bis aus einem Klumpen ein plastischer Charakterkopf wird, dauert es mehrere Stunden. "Für einen größeren Kopf brauche ich vier Stunden", so Lübold. Die Technik dulde keine Unterbrechung. "Also muss ich schon vorher alles im Kopf haben", sagt die Künstlerin.

Eine gute Beobachtungsgabe gehöre dazu, das Interesse für Menschen und ihre Geschichten, auch Humor. Meist dient eine Handskizze als Vorlage, die Proportionen werden im Maßstab umgerechnet.

Das Besondere bei der Herstellung: Alles ist geklebt. Auch die Kleider, deren Schnitte sie selbst entwirft. Durch viel Erfahrung hat die zweifache Mutter ihre Klebetechnik zunehmend verfeinert. Die Stoffe werden je nach Thema ausgewählt, ausdrucksstark in Falten gelegt und bemalt. Vor allem aber: "So eine Konstruktion muss Jahrzehnte halten, und man glaubt nicht wie knifflig es ist, allein eine Wurzel dauerhaft am Kopf zu befestigen." Nicht ohne Grund sind viele ihrer Figuren Musiker mit Instrumenten. Die Musik habe sie immer begleitet, erzählt Lübold. Als Kind spielte sie Flöte. Häufig waren Profimusiker im Elternhaus zu Gast. Das habe sie geprägt. Bevor sie heute ihren Musikern das passende Instrument in die Hand legt, überlegt sie, welche Naturmaterialien sich für den Bau eignen. Oft sind es Hölzer, Zweige, getrocknete Pilze oder vertrocknete Blütenstände. Mit den Jahren ist aus ihr eine gute Beobachterin geworden, der es Spaß macht, unterschiedliche menschliche Charaktere herauszuarbeiten. Auch Tiere gehören zum Repertoire.

Anfragen aus Dubai und New York

Eine schüchterne Geiß, die es "faustdick hinter den Ohren hat" zum Beispiel. Oder ein Paar Schafe, aufrecht auf zwei Beinen stehend, fast menschlich, zärtlich in gestrickte Wollpullover gehüllt, sind in ihrem Atelier neben vielen anderen Skulpturen zu sehen.

Als Künstlerin über Jahrzehnte auf dem Markt zu bestehen, sei nicht einfach, weiß Lübold. Dennoch erhalte sie immer wieder Einladungen zu Ausstellungen. Dieses Jahr auch von Galeristen aus Dubai und New York. Dabei fällt nicht nur das XL-Format ihrer Skulpturen in den Blick. Auf Kundenwunsch fertigt sie auch kleinere, weniger raumgreifende Exemplare. Zum Beispiel handliche "Beziehungskisten", mit Paaren darin, also menschlichen Gestalten, die zum Schmunzeln anregen. Sei es als Hochzeitsgeschenk oder zu anderen Anlässen. Die Überraschung sei groß, weiß Lübold. Denn die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind verblüffend und werden von ihr auf der Grundlage eines Fotos originalgetreu umgesetzt.