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04. Februar 2010

Viel diskutiertes Pumpspeicherkraftwerk

Umwelt- oder Landschaftsschutz? Der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks, das die Schwankungen bei der Windenergie ausgleichen soll, stößt auf Widerstand.

  1. Künstlicher See auf der Bergkuppe: Das geplante neue Hornbergbecken Foto: Schluchseewerke/BZ-Grafik

  2. Haselbachtal bei Wehr ohne Foto: schkuchseewerk

  3. und mit Staumauer (Animation) Foto: schkuchseewerk

Der Nebel hängt unheilvoll in Fetzen über dem Haselbachtal. Die Aussichten sind trüb. Für einen Moment ragen die Kronen einer Gruppe von Kiefern über die weiße Decke hinaus wie die Türme eines verwunschenen Schlosses. Dann kommt die Suppe zurück. In zehn Jahren soll hier eine Wand stehen, 76 Meter hoch, 500 Meter breit, von Abhang zu Abhang. Ein aufgeschütteter Wall, begrünt. Dahinter Wasser, neun Millionen Kubikmeter.

Bevor Michael Peter von der Gelbbauchunke, den Spechten und der Schwarztaube erzählen kann, ist erst einmal ein Moment nötig zum Innehalten und Staunen. 50 Personen haben sich eingefunden, um mit Michael Peter einen Informationsspaziergang zu machen ins Haselbachtal. Es zieht sich vom Rhein bei Wehr hinauf in die Höhen des Hotzenwalds. Das gesamte Revier, das sich vom Sportplatz aus in Richtung Hochebene erstreckt, ist ein Paradies für Wanderer, Radler und Spaziergänger, "der Auslauf für die Menschen aus Bad Säckingen und Wehr", wie eine Dame aus der Wandergruppe sagt.

An diesem trüben und kühlen Sonntagnachmittag freilich sind die Spaziergänger nicht der guten Luft wegen gekommen, sie wollen sich informieren über eines der größten Bauprojekte im Land: eine Milliarde Euro wollen die Schluchseewerke hier investieren, zwei künstliche Seen anlegen, dazu ein 600 Meter tiefes Loch senkrecht und einen acht Kilometer langen Tunnel in den Berg bohren. Entstehen soll daraus ein Kraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1400 Megawatt Strom – das entspricht in etwa der Kapazität eines Atomkraftwerkes.

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Eine Stunde später steht Michael Peter mit seiner Wandertruppe eine Etage höher bei Günnenbach, einem Weiler mit drei Häusern. Für wenige Minuten gibt der Nebel den Blick frei und es öffnet sich die Aussicht auf ein Tal. Peter tritt vorsichtig über die Kante des Abhangs, setzt seinen Fuß auf den abschüssigen Waldboden und sagt: "Bis hier wird das Wasser stehen. Alles, was sie hier unterhalb sehen, wird unter der Wasseroberfläche liegen." Ein ganzes Tal wird geflutet und verschwindet im Nass. Mehr als einen Kilometer wird der See ins Tal hineinreichen. Die Wasseroberfläche soll auf 400 Metern Höhe liegen, wenn er fast leergepumpt ist, sind es 25 Meter weniger. Die Augen der Wanderer tasten ungläubig die bewaldeten Berghänge ab. Peter sieht das Erstaunen und Kopfschütteln, dann sagt er noch einmal. "Doch, bis hierher." Die Landschaft wird eine andere sein.

600 Meter höher, auf der Anhöhe des Abhau bei Atdorf, wird ein zweiter See ausgehoben, der zu recht Becken heißt. Was heute noch ein Hügel ist, soll in zehn Jahren ausgehöhlt sein und Platz bieten für eine riesige Badewanne von neun Millionen Kubikmeter Wasser. Die Kuppe wird abgetragen, die die Bergspitze ist flach, topfeben. Und wie jede Badewanne besitzt auch das Hornbergbecken II einen Ablauf. Es ist ein Loch, 600 Meter senkrecht ins Gestein gebohrt. Fliest das Wasser ab, wird es sechs Turbinen antreiben, die den Strom erzeugen. Nach getaner Arbeit läuft das Wasser in das Haselbachbecken und wartet darauf, wieder hinaufgepumpt zu werden. Es ist ein Kreislauf.

Solche Pumpspeicherkraftwerke zu betreiben ist das Geschäft der Schluchseewerke AG. Im Südschwarzwald betreibt das Unternehmen bereits fünf solche Kraftwerke, das erste gab dem Unternehmen den Namen. In solchen Kraftwerken wird Strom verbraucht, und es wird Elektrizität erzeugt, wenn diese im Netz fehlt. Nach einer Minute erreichen die Kraftwerke ihre volle Leistung. Strom für mehr als eine Million Menschen.

Wer Strom abnimmt,
wird dafür bezahlt

Der Ausgleich zwischen Überkapazität und Unterversorgung ist technisch nötig, denn beides lässt das Stromnetz zusammenbrechen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2009 kam es – bereits zum zweiten Mal – zu der besonderen Situation, dass zu viel Strom ins Netz eingespeist wurde. Deshalb musste die Energie verramscht werden, wer etwas abnahm, bekam dafür Geld. Andreas Schmidt ist überzeugt, dass solche Situationen künftig häufiger vorkommen. Andreas Schmidt ist beim Schluchseewerk Projektleiter für den Bau des neuen Pumpspeicherkraftwerks.

Andreas Schmidt ist ein Mann der Zahlen. Deshalb hält er sich gerne an Tabellen und Grafiken. Er legt eine solche Grafik auf den Tisch, die den Stromverbrauch sowie die –erzeugung für vier Wochen im März 2008 dokumentiert. Sie stammt, darauf legt Schmidt wert, nicht von den Schluchseewerken, sondern aus einer Studie der Universität Regensburg. Zu sehen ist am oberen Bildrand eine rote Linie, die aussieht, als hätte der Zeichner einfach keine ruhige Hand. Darunter ist eine grüne Linie zu sehen, die von einem Zeichner mit mindestens einer nervösen Störung stammen könnten. Die Ausschläge der Zacken jedenfalls sind gewaltig. An einer Stelle ragt die grüne Linie fast hinauf bis zur roten. Die grüne Linie zeigt für den Zeitraum, wie viel Strom aus Windkraftanlagen produziert, die rote, wie viel verbraucht wurde. "Problematisch ist der Bereich, in dem sich die rote und die grüne Linie fast berühren", sagt Schmidt. Denn wenn mehr Windstrom ins Netz fließt, als verbraucht wird, was dann? Und wohin in dieser Zeit mit dem darüberhinaus erzeugten Strom aus all den anderen Kraftwerken?

Solche Überschneidungen werden mit jedem Megawatt zusätzlich installierter regenerativer Energie häufiger vorkommen. Im Jahr 2030 sollen nach dem Willen der Bundesregierung 30 Prozent des Stroms aus Sonne, Wind und Wasserkraft stammen. Bläst dann der Wind kräftig, wird es zu viel Strom geben im Netz, zumal an verbrauchsschwachen Tagen und bei Sonnenschein. Die Windräder stillzulegen, wäre eine Vergeudung von Ressourcen, und es würde die Wirtschaftlichkeit der Windparks berühren. Deshalb planen die großen Energieversorger, parallel mit dem Ausbau ihrer Windparks in der Nordsee ein ganz neues Stromnetz aufzubauen und zum Beispiel Strom nach Norwegen zu bringen. Dort soll es in Wasserkraftwerken gespeichert werden. In ein solches europäisches Netz wäre auch das Hornbergbecken im Hotzenwald einbezogen. "Wir brauchen einen solchen Speicher auch nah an den Verbrauchern", sagt Schmidt. Zwar gebe es auch andere Techniken und neue Ideen für mobile Speicher in Autos und vernetzte Blockheizkraftwerke. "Es geht nicht um entweder oder, wir brauchen beides", ist Schmidt überzeugt. Pumpspeicherkraftwerke sind in einer Minute mit enormer Leistung am Netz, die Technik gilt als sehr bewährt. Und mit 75 Prozent ist der Wirkungsgrad hoch.

Es ist ein kalter Wintertag, über den Anhöhen des Hotzenwaldes strahlt die Sonne, die Kuppen sind mit Schnee bedeckt. Zahlreiche Überlandleitungen führen zu einer Lichtung im Wald zwischen Egg und Willaringen. Neben einem schmucklosen Zweckbau laufen sie über riesigen Transformatoren zusammen. Es ist eine der wichtigsten Knotenpunkte im süddeutschen Stromnetz, von hier aus wird der Strom verteilt, der aus 14 Speicherbecken am Hochrhein gewonnen oder importiert wird. Hier läuft zugleich der Strom der Energiekonzerne RWE und EnBW zusammen, der in diesem Moment irgendwo erzeugt aber nicht benötigt wird. Die beiden Konzerne sind die wichtigsten Anteilseigner der Schluchseewerke. Martin Tröndle koordiniert im Schaltraum in Kühmoos, welches der verschiedenen Kraftwerke gerade wie viel Strom erzeugen und abgeben oder auch für den Betrieb von Pumpen abnehmen soll. Er muss dafür sorgen, dass die verschiedenen Speicherbecken immer so leer beziehungsweise voll sind, dass bei Bedarf ab- oder zugeleitet werden kann. Die Wasserpegel der Seen zeigen ihm, wie stark er reagieren kann. Nie darf zu wenig Strom da sein, nie zu viel. Tröndle organisiert das Gleichgewicht.

"Der Begriff Versorgungssicherheit gewinnt wieder an Bedeutung", sagt Tröndle. Auch er hat das Zittern der Kurven der Grafik vor Augen, die Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage. RWE verlangt in diesem Moment 200 Megawatt Leistung, EnBW liefert 460 Megawatt. Auch das kommt vor, sagt Tröndle, dass im gleichen Moment aus einem See Wasser abgelassen und in einen anderen etwas hinaufgepumpt wird. Das ist nicht ideal, aber der Preis des Marktes mit mehreren Wettbewerbern.

Die Sache mit der Versorgungssicherheit gestaltete sich in der Vergangenheit vergleichsweise einfach. Die rote Verbrauchskurve folgte einem Tages-, die Tage einem Wochenrhythmus und alles passte sich ins Jahr ein. Mittags wurde mehr verbraucht als nachts, in den Ferien mehr als an einem normalen Produktionstag der Industrie. Die Stromversorger schalteten nach Bedarf Kraftwerke zu, vor allem solche, die sich leicht regeln lassen wie Gaskraftwerke. Jetzt verläuft auch die grüne Kurve der Grafik sehr unruhig. Denn Sonne, Wind und Wasserkraft unterliegen starken Schwankungen, die sich nicht um den Bedarf kümmern. Und zudem müssen die Stromversorger Energie aus Windkraft oder Sonne abnehmen – selbst dann, wenn sie mit diesem zusätzlichen Strom nichts anfangen können.

Für Schmidt steht hinter dem Vorhaben im Hotzenwald ein klassischer Zielkonflikt: Was soll es sein: mehr Ökostrom oder mehr Naturschutz? Mehr tun fürs Klima oder mehr für den Erhalt der Landschaft? Denn natürlich sei der Bau der beiden Seen mit einem Kilometer Länge und jeweils 600 Hektar Fläche ein Eingriff in die Natur. Vor allem, weil hohe Dämme aufgeschüttet werden müssen. Allerdings hält Schmidt den Eingriff für vertretbar. Michael Peter hingegen erachtet ihn für zu hoch. Wieder werde ein Stück Natur zerstört, zudem gefährde der See die Trinkwasserversorgung von Teilen der Gemeinde Rickenbach.

Für den jetzt gefundenen Standort spricht aus der Sicht Schmidts, "dass wir kaum neue Trassen für Stromleitungen bauen müssen, die wir in Kühmoos alle schon haben". Und auf eine ganz andere Region ausweichen könne man nicht, denn der Hotzenwald bietet für Pumpspeicherkraftwerke nahezu ideale Bedingungen.

Am alten Stausee am nördlichen Ortsausgang von Wehr ist das zu sehen. Hier im Berg befindet sich das Kavernenkraftwerk Wehr. Von dort aus sind es auf direktem Weg zum Hornbergbecken I nur 2,5 Kilometer: 1,2 Kilometer leicht abfallend hinein in den Berg, dann 1,3 Kilometer steil nach oben. Dieser direkte Weg ist dem Wasser vorbehalten, das auf kurzem Weg 630 Meter Höhe überwindet, auf der Straße sind es 13 Kilometer. In kaum einer anderen Region in Deutschland sind die topografischen Umstände besser, denn der Hotzenwald weist enorme Gefälle auf zwischen den Höhen bei Herrischried und Rickenbach und den tiefen Einschnitten Richtung Rheingraben. Werden oben die Schleusen geöffnet, rauschen 180 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zu Tal. Tief drinnen im Berg, in einer 220 Meter langen und 29 Meter hohen Kaverne des bereits bestehenden Kraftwerks, treiben die Wassermassen vier riesige Turbinen an, die zusammen 900 Megawatt Strom erzeugen – das deckt den Bedarf von rund einer Million Menschen. Allerdings wäre das Hornbergbecken I in sechs Stunden leergelaufen. Das neue Pumpspeicherkraftwerk Atdorf erweitert die Kapazität. Es soll einen senkrechten Schacht erhalten und einen acht Kilometer langen Tunnel mit immerhin 9,5 Metern Durchmesser für den Ablauf.

Bis 2019 soll das Kraftwerk

in Betrieb gehen

Derzeit laufen noch geologische Untersuchungen, noch in diesem Jahr soll das Raumordnungsverfahren abgeschlossen und das Planfeststellungsverfahren eröffnet werden. Im Jahr 2019 wollen die Schluchseewerke das neue Kraftwerk in Betrieb nehmen. Das Datum ist für das Unternehmen wichtig, denn im Sommer vorigen Jahres hat die Bundesregierung noch einen starken Anreiz beschlossen für den Bau von Pumpspeicherkraftwerken: Gehen sie bis 2019 in Betrieb, sind sie für zehn Jahre vom Netznutzungsentgeld befreit. Das sind pro Jahr immerhin 20 Millionen Euro.

Michael Peter, von Hause aus Biologe und Einwohner von Rickenbach, ein sehr besonnener Mann, hat sich in den vergangenen Monaten fachlich auf ganz neues Terrain begeben. Er hat sich ins Planungsrecht eingearbeitet und in die Technik der Energieversorgung, er hat sich viel Respekt erarbeitet durch seine sachliche Art der Auseinandersetzung. Peter ist aber vor allem ein Naturliebhaber und er hat die Sorge, dass es hier nicht in erster Linie um Versorgungssicherheit geht. Sondern vor allem um den Gewinn der Stromkonzerne. Denn die technische Seite ist nur der eine Teil. Der andere ist, dass man in einem Pumpspeicherkraftwerk aus billigem, weil überschüssigem Strom teuren Spitzenstrom machen kann. "Veredeln" nennt das die Branche. Peter ist sicher ein Freund der Windkraft und des Sonnenstroms. Aber auch einer von Gelbbauchunke, Buntspecht und Schwarztaube. Und einer, der gerne in unberührter Landschaft spazieren geht.

Autor: Franz Schmider