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20. August 2012

"Es bleibt immer eine Restunsicherheit"

BZ-INTERVIEW mit Clemens Ruch vom Geologischen Landesamt über die Vorkehrungen gegen Felsstürze und Steinschläge.

  1. C. Ruch Foto: Privat

Ein tonnenschwerer Felsbrocken löst sich aus dem Eckartsberg in Breisach und zerquetscht einen Kleinwagen. Die Fahrerin entkommt nur knapp dem Tod. Wie konnte das passieren? Clemens Ruch vom Landesamt für Geologie in Freiburg erklärt unserer Mitarbeiterin Julia Flüs, wer für die Sicherheit von Bergwänden zuständig ist und welche Vorkehrungen getroffen werden, um Unglücke zu verhindern.

BZ: Herr Ruch, wieso kann sich ein Fels dieser Größe plötzlich aus einem Berg lösen?
Ruch: Das ist ein natürlicher Verwitterungsprozess, davon betroffen sind eigentlich alle Felswände. Die Berge sind ja in der Regel nicht homogen, sondern haben Klüfte und Spalten. Da dringt Wasser, aber auch Wurzelwerk ein und es kommt zu einer allmählichen Auflockerung des Felsverbandes.

BZ: Wie lassen sich solche Felswände sichern?
Ruch: Die einfachste aber durchaus effektive Methode ist, die Felsböschungen von allem lockeren Material zu säubern. Das hält aber nur so lange, bis die Natur wieder Nachschub liefert. Man kann auch vereinzelte Felsblöcke sichern, indem man sie vernagelt oder mit einer Netzschürze verhängt. Manchmal ist das auch die bessere Lösung. Bevor ich einen labilen Körper wegnehme, kann ich mit ihm so den ganzen Verband sichern. Das hängt sehr stark von der individuellen Situation ab.

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BZ: Kann man sich das auch in Wohngebieten vorstellen?
Ruch: In Wohngebieten ist das etwas knifflig. Da muss man aufpassen, dass man keine zusätzlichen Schäden, zum Beispiel an den Gebäuden, anrichtet. Das ist aufwändig. Aber die Fachfirmen sind in der Lage so zu arbeiten, dass sie solche Gefahren beinahe ausschließen können.

BZ: Wer ist für die Sicherheit der Felswände zuständig?
Ruch: Es gibt in Baden-Württemberg keine Zentralstelle, die sich darum kümmert. Bei Verkehrswegen werden wir als Landesbehörde von den Straßenbauverwaltungen beauftragt, auffällige Streckenabschnitte zu untersuchen.
BZ: Können überhaupt alle Hänge regelmäßig überprüft werden?
Ruch: Im Straßenbau und auch bei Schienenwegen schon. Die Straßenmeistereien sind jeden Tag unterwegs und sehen, wo es zu Steinschlägen kommt. Die führen Statistiken darüber und können daher beurteilen, welche Bereiche besonders gefährdet sind.
BZ: Wie ist das in den Gemeinden?
Ruch: Auch dort ist es in der Regel so, dass gefährdete Steilwandflächen bekannt sind und in regelmäßigen Abständen geprüft, bewertet und gegebenenfalls gesichert werden.

BZ: Inwiefern werden vor Neuerschließungen von Wohngebieten die Bergwände überprüft?
Ruch: Wenn eine Gemeinde in der Nähe solcher Felswände ein Baugebiet erschließt, dann muss sie den Bebauungsplan den verschiedenen Fachbehörden vorlegen. Wenn wir dann sehen, dass ein Baugebiet nahe einer Felswand entstehen soll, weisen wir darauf hin, dass im Vorfeld eine Überprüfung hinsichtlich der Felssturzgefährdung erfolgen sollte.
BZ: Ist ein Grundstücksbesitzer auch für die Sicherheit verantwortlich?
Ruch: Die Straßenbauverwaltung ist für die Sicherheit ihrer Straßen verantwortlich, unabhängig davon, ob ein privates Grundstück oder ein öffentliches oberhalb der Straße liegt. Wenn es aber rein um Privatgrundstücke geht, ist es vom Einzelfall, von der Grundstückslage und von den Besitzverhältnissen abhängig.
BZ: Wie oft werden die einzelnen Felsen überprüft?
Ruch: Das ist individuell davon abhängig, wie stark die Verwitterungsprozesse vonstatten gehen. Niederschlag, Frost und Wurzelwerk sind wesentliche Faktoren. Bei einer Vielzahl von Felssturzereignissen waren starke Wurzeln schuld. Je nachdem, wie gut die Qualität des Felsens ist, müssen wir alle fünf oder auch zehn Jahre prüfen.

BZ: Gibt es denn bekannte Problemgebiete, wo Sie öfter hinschauen müssen?
Ruch: Bei uns sind die bekannten Areale die tief eingeschnittenen Täler im Schwarzwald, insbesondere das Höllental, Schlüchttal, Werratal, Albtal. Auch die verschiedenen Albsteige auf die Schwäbische Alb. Das verteilt sich über die gesamte Landesfläche.

BZ: Gibt es bei Ihrer Arbeit absolute Sicherheit?
Ruch: Es bleibt immer eine Restunsicherheit. Wir tun alles, damit wir die Gefahr auf ein tolerierbares Maß reduzieren. Aber wir sehen bei der Beurteilung von Felswänden nur die Oberfläche. Wir sehen zum Beispiel nicht, ob ein Brocken noch fest mit seinem Mutterfels verbunden ist.

BZ: Haben Sie bei so viel Verantwortung auch mal schlaflose Nächte?
Ruch: Ich bin mit allem Engagement dabei und baue auf meine Erfahrung. Aber es gibt immer mal wieder Überraschungen. Man muss sehr sorgfältig arbeiten und auch die eigene Sicherheit beachten. Ich muss auch wirtschaftlich denken und erstmal die Stellen abarbeiten, die es am nötigsten haben. Man muss dem Naturschutz einigermaßen gerecht werden. Da gibt es viele Facetten, neben dem rein Fachlichen.

ZUR PERSON: CLEMENS RUCH

Clemens Ruch (56) arbeitet als Referatsleiter beim Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, einer Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, die fürs ganze Land zuständig ist.  

Autor: jfl

Autor: bz