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27. Mai 2010

"Hauptkonkurrenten sind die Zürcher Hochschulen"

BZ-INTERVIEW mit Rektor Antonio Loprieno über die Rolle der Universität Basel in der Schweiz und in der Oberrheinregion.

  1. Antonio Loprieno Foto: Daniel Gramespacher

  2. Antonio Loprieno Foto: Daniel Gramespacher

Antonio Loprieno, ein gebürtiger Italiener und Ägyptologe, ist seit 2006 Rektor der Universität Basel. Mit ihm sprach Wulf Rüskamp.

BZ: Wo steht die Universität Basel 550 Jahre nach ihrer Gründung?

Loprieno: Basel steht heute interessanter Weise proportional nicht viel anders da als vor 550 Jahren. Wir sind eine profilierte Universität in einer Hochschullandschaft, die auf Konkurrenz aus ist. Das heißt: Wir sind gut etabliert, aber wir müssen am Ball bleiben.

BZ: Die Konkurrenz mit Freiburg datiert in die Gründungszeit beider Universitäten zurück . . .

Loprieno: Diese historische Konkurrenz vor 550 Jahren ist heute im akademischen Leben wenig präsent. Aus zwei Gründen: Je internationaler die Hochschulen werden, desto nationaler wird der Rahmen, in dem die Konkurrenz geschieht; deshalb sind unsre Hauptkonkurrenten heute die Zürcher Hochschulen. Zum zweiten kooperieren wir mit Freiburg innerhalb von Eucor (Hochschulverbund am Oberrhein). Aber wir müssen auch vorsichtig sein: Wenn wir Freiburg gar nicht mehr als Konkurrentin betrachteten, könnte die Nähe verloren gehen – und dann gäbe es gar keinen Grund mehr, auch die Kooperation zu suchen.

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BZ: Der nationale Rahmen der Schweiz unterscheidet sich von dem Deutschlands durch die Zweiklassengesellschaft der Hochschulen – die reichen vom Bund bezahlten ETH und die durch die Kantone finanzierten Universitäten. Ärgert Sie dieses System?

Loprieno: Ich weiß, dass es dieses Bild der Schweizer Universitäten gibt. In der Schweiz würde kaum jemand davon sprechen, dass die beiden ETH Elite-Universitäten seien – abgesehen von den jeweiligen Institutionen. Wir stellen uns vielmehr die Frage, ob wir überhaupt Eliteuniversitäten haben sollten. Denn wir haben ein Universitätssystem, das flächendeckend sehr gut ist. Bei uns sind die vier besten Universitäten konstant unter den besten Hundert weltweit, sieben von den zwölf sind immer unter den besten Zweihundert. Ein Elitesystem würde eine Polarisierung herbeiführen, die diese Qualität gefährdet.

BZ: Aber die höchst unterschiedlich großen Etats – die ärgern Sie nicht?

Loprieno: Als Rektor schon. Aber andererseits: Wenn sich ein Land mit der ETH Zürich eine solche Institution leistet, die in den Top 20 der Welt mitspielen kann, ist das ein Wert, der mich als Mitglied der Schweizer Gesellschaft nicht kalt lässt. Wenn es bei einer Hochschule bleibt, so fällt das unter die nationale Solidarität.

BZ: Basel ist eine relativ kleine Universität und kommt deshalb an die großen Forschungsprojekte kaum heran. Geraten Sie nicht gegenüber Zentren wie Zürich ins Hintertreffen?

Loprieno: Wir haben zwei Forschungsbereiche Life Sciences und Kultur, zu denen wir uns sehr stark bekennen und investieren. Aber in diesen Bereichen gibt es sehr viel Konkurrenz, sie sind kein Alleinstellungsmerkmal der Universität Basel. Deshalb stellt sich uns in Zukunft die Frage, was geschieht, wenn wir nicht konstant so investieren, wie es für diese Konkurrenz nötig ist. Auf diese Frage haben wir noch keine abschließende Antwort.

BZ: Ein Ausweg wären gemeinsame Forschungsprojekte im Rahmen von Eucor. Man will sich dort aufs Graduiertenstudium konzentrieren …

Loprieno: Diese Schiene ist in der Tat viel versprechend. Darauf sollte sich unsere Zusammenarbeit richten. Aber man sollte am Oberrhein die bilaterale Kooperation der trilateralen vorziehen, denn es ist schwierig, drei Partner zusammenzubringen.

BZ: Und die Zusammenarbeit in der Forschung? Life Sciences gibt es auch in Freiburg …

Loprieno: Gerade das spricht für die Beschränkung auf zwei Partner. Wenn drei zusammenkommen sollen, dann gilt rasch einer davon als der führende Partner, als Chef. Dann wird es aber kompliziert! Sind Nanowissenschaften eher ein Freiburger oder ein Basler Besitz? Das Bedürfnis nach Profilierung erschwert unter diesen Bedingungen die Zusammenarbeit.

BZ: Sie begegnen den hochgesteckten Wissenschaftszielen, wie sie im Rahmen der trinationalen Metropolregion formuliert werden, eher mit Skepsis …

Loprieno: Wenn man dies auf einer übergeordneten abstrakten Ebene betrachtet, im Sinne einer regionalen Wertschöpfung, dann bekenne ich mich zu diesen Zielen und glaube auch, dass sie erfolgversprechend sind. Wenn Sie aber die akademische Ebene betrachten, dann bin ich in der Tat skeptisch. Und dies, weil ich sehe, dass unsere beiden Partner, die Universitäten Freiburg und Straßburg, gleichfalls ihre Positionierungsprobleme im nationalen Rahmen haben. Wir sehen deshalb nicht, was wir real davon haben.

Autor: amp