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04. Januar 2010

Hilfe für trauernde Eltern

Eine internetbasierte Schreibtherapie hilft beim Tod des Kindes kurz nach der Schwangerschaft /.

  1. Unbewältigte Trauer von Eltern über ihr totes Kind kann die Seele krank machen. Foto: ingo schneider

Psychologische Hilfe via Internet kann das seelische Befinden von Eltern, die den Tod ihres Babys kurz vor oder nach der Geburt erleben mussten, lindern. Das ergab die Evaluation eines Forschungsprojektes der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM). "Wir wollen verhindern, dass Eltern jahrelang im Trauerprozess stecken bleiben, weil das zu psychischen Störungen und Folgekrankheiten führen kann", sagt die Initiatorin Dr. Anette Kersting.

Janine* war auch während ihrer dritten Schwangerschaft regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen, und alles schien in bester Ordnung – bis zur Kontrolluntersuchung drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Da waren plötzlich von ihrem Baby keine Herztöne mehr zu hören. Der Arzt bot Janine und ihrem Mann an, sich zu Hause in Ruhe von ihrem Baby zu verabschieden, sich mit der erwarteten Totgeburt vertraut zu machen, und erst ein paar Tage später die Geburt einleiten zu lassen. Doch Janine entschloss sich sofort dafür.

Sie ist eine der Frauen, die sich in den vergangenen 18 Monaten unter dem Internetportal kostenlos Hilfe geholt haben. Das Internetangebot wurde von Privatdozentin Anette Kersting initiiert. Sie ist Oberärztin am UKM, und hat die erste und bisher einzige Arbeitsgruppe für Trauerforschung gegründet. "Die Trauer der Eltern, die ihr Kind während oder kurz nach der Schwangerschaft verloren hatten, war so stark wie kaum ein Gefühl, das mir während meiner Arbeit als Psychotherapeutin begegnete", sagt Kersting. Als Ärztin wolle sie heilen, aber das sei bei einer Totgeburt nicht möglich. Um Eltern wenigstens in ihrer Trauer zu helfen, entwickelte sie mit ihrer Arbeitsgruppe die Internettherapie.

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Das Portal ging am 1. Oktober 2007 online, und wurde jetzt wissenschaftlich evaluiert. Dass es den 54 Teilnehmerinnen (darunter zwei Männer) nach der Therapie in allen Bereichen signifikant besser ging, freut Kersting. Bewertet wurden Trauer, traumatisches Erleben, allgemeine psychische Belastungen, Depressivität, Ängstlichkeit und Somatisierung.

Bei dem Behandlungskonzept gehe es "ums Erinnern", erläutert die Oberärztin. Die Eltern gehen die einzelnen Situationen noch einmal Schritt für Schritt durch. Nach einem festgelegten Plan bekommen sie fünf Wochen lang wöchentlich zwei Aufgaben gestellt, die sie in jeweils mindestens 45 Minuten schriftlich beantworten müssten.

"Die schriftliche Auseinandersetzung mit dem traumatischen Ereignis ist für die Eltern hilfreich", sagt Kersting. Die Ergebnisse dieser Art Schreibtherapiesitzungen schicken die Teilnehmer per Internet an Kerstings Team. "Wir garantieren eine Bearbeitung der Antworten innerhalb eines Werktags". Janine berichtete bei diesem Schriftwechsel von ihren Schmerzen bei der Geburt des toten Babys, wie sie es zusammen mit ihrem Mann angeschaut habe, wie es langsam kalt wurde und sie es mit einem grünen Tuch bedeckt hätten. Später habe sie noch oft Halluzinationen gehabt, und gemeint, ihr Baby im Nebenzimmer weinen zu hören.

Es gibt allerdings laut Kersting bei dem Forschungsprojekt auch bestimmte Ausschlusskriterien für die Teilnahme. Dann etwa, wenn das zu betrauernde Kind nicht vor oder kurz nach der Geburt starb, sondern später durch einen Unfall oder eine unheilbare Krankheit. Auch wenn die Betroffenen sich in der deutschen Sprache nicht gut genug ausdrücken können, weil der Austausch ja schriftlich erfolgt, ist eine Teilnahme nicht möglich. Die trauernden Eltern seien meist jung und daher vertraut mit dem Internet, sagt Kersting. "Wir können sie auf diese Weise bundesweit erreichen". Vielen Eltern ist es aufgrund der räumlichen Distanz zum UKM oder wegen terminlicher Schwierigkeiten nicht möglich, regelmäßig zu Therapiesitzungen zu kommen. Außerdem scheuten sich bekanntermaßen viele Menschen, die Unterstützung eines Therapeuten in Anspruch zu nehmen. Für sie sei das Internet eine gute Lösung, weil sie hier quasi anonym Hilfe bekommen können.

Allerdings, und das betont Anette Kersting, ersetze die Internetberatung keine herkömmliche Therapie. Schon gar nicht für Menschen, die selbstmordgefährdet sind oder an schweren Depressionen leiden. Für sie kommen nur Therapieangebote vor Ort in Frage.

Egal wie lange der Verlust des Babys zurückliegt: Die Psychotherapeutin will den Eltern vermitteln, dass ihre Trauer ganz normal ist, auch noch nach vielen Jahren. "Es gibt immer wieder Menschen", sagt sie, "die den Verlust ihres Babys nicht bewältigen können und im Trauerprozess stecken bleiben".

Das kann zu psychischen Störungen wie einer Depression oder Angsterkrankung führen. Kersting will deshalb auch ihre Forschungen über Trauer weiterbetreiben. "Es gibt Hinweise darauf, dass ein stecken gebliebener Trauerprozess ein eigenständiges Krankheitsbild darstellt", sagt sie.

Das Projekt wird aufgrund der guten Evaluationsergebnisse vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bis 2011 weiterhin jährlich mit 65 000 Euro gefördert. Das Internetangebot ist kostenlos, und Kersting hofft, dass künftig auch mehr trauernde Väter dabei sind: "Männer trauern zwar anders als Frauen, aber sie sind vom Verlust des Kindes ebenso betroffen."

Autor: Ingrid Jennert